Wer ältere Immobilienkredite widerrufen will, sollte die Vor- und Nachteile genau abwägen

Andreas Behn, Referent für Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Thüringen (Foto: Verbraucherzentrale Thüringen)
Erfurt: Eugen-Richter-Straße 45 | Streit mit Banken sollte sich lohnen, findet Andreas Behn, Referent für Finanzdienstleistungen bei der von Verbraucherzentrale Thüringen. Zudem sollte man Zeit und Nerven für eine solche Auseinandersetzung haben. Im Gespräch mit www.meinAnzeiger.de erklärt er Vor- und Nachteile beim Widerruf von Immobilienkrediten.

Wer Verträge abschließt, kann diese in einem gewissen Zeitfenster widerrufen. Wird das Widerrufsrecht aber falsch oder unklar formuliert, ergibt sich eine Widerrufsmöglichkeit. Auch Jahre nach Vertragsabschluss kann der Verbraucher sich dann noch aus dem Vertrag zurückziehen. Für Immobilienkredite wurde dieser Möglichkeit jetzt aber zeitlich begrenzt. Andreas Behn erklärt die Hintergründe und gibt Tipps, wie Kreditnehmer jetzt noch reagieren können.

Welche Verträge sind betroffen?
Alle Immobilienverträge, die zwischen dem 1. September 2002 und den 10. Juni 2010 abgeschlossen wurden, können derzeit noch widerrufen werden, wenn eine fehlerhafte Widerrufsbelehrung vorliegt. Die Frist zum Widerruf endet allerdings am 21. Juni dieses Jahres.

Wie konnte es zu diesem Fehler kommen?
Zwischen 2002 und 2010 wurde die Gesetzeslage bezüglich der Widerspruchsbelehrung mehrmals geändert. Vermutlich haben die Kreditgeber die Verträge nicht an die jeweils aktuelle Gesetzeslage angepasst, eigene Formulierungen verwendet oder Ergänzungen zum Musterwiderrufsformular angefügt.

Wie viele Verträge sind betroffen?
Eine genaue Zahl kann ich nicht nennen. Die Verbraucherzentrale in Hamburg, die eine Vielzahl von Verträgen geprüft hat, geht von bis zu 80 Prozent der in diesem Zeitraum geschlossenen Verträge aus.

Kann man selbst erkennen, ob ein fehlerhafter Widerspruch vorliegt?
Der juristische Laie kann das nicht so einfach. Die Fehler sind ganz unterschiedlicher Art. Sie können in der Formulierung liegen. Oder die Belehrung ist inhaltlich fehlerhaft. Für den Verbraucher ist das schwer zu erkennen und zu beurteilen.

Wer kann weiterhelfen?
Ratsuchende können sich bei der Verbraucherzentrale beraten lassen oder einen Fachanwalt konsultieren.

Wie reagieren die Thüringer auf die begrenzte Widerspruchsmöglichkeit?
Die Verbraucherzentrale bietet Beratungen in Erfurt, Jena und Gera an. Hier arbeiten wir mit Honoraranwälten zusammen. In Erfurt und Jena sind die Beratungstermine gut nachgefragt, aber noch nicht ausgebucht. Ich denke aber, dass der Bedarf noch ansteigt.

Für wen lohnt sich ein Widerspruch?
Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Der Verbraucher muss Vor- und Nachteile abwägen und dann entscheiden, ob er widerrufen möchte

Können Sie das erklären?
Es hängt u.a. davon ab, ob Verbraucher bereits eine Vorfälligkeitsentschädigung gezahlt haben bzw. ein vollständig zurückgezahltes Darlehen rückabwickeln wollen oder ob das Darlehen noch läuft. Viele denken, sie widerrufen und damit ist alles geklärt. Die Verbraucher müssen sich auf Widerstand durch den Kreditgeber einlassen. Die Banken reagieren ganz unterschiedlich. Es kann bis zur gerichtlichen Auseinandersetzung kommen. Und dann bleibt immer noch die Frage, wie es nach der Rückabwicklung weitergeht. Kreditnehmer erhalten die gezahlten Zinsen von der Bank zurück, müssen aber auch den Darlehensbetrag zurückzahlen.

Wie viel Zeit hat man dafür?
Wer den Vertrag widerruft, muss innerhalb von 30 Tagen die Restschuld tilgen. Das klappt nur, wenn man sich vorher um eine Anschlussfinanzierung gekümmert hat. In gewissen Lebenssituationen kann das schwierig werden, zum Beispiel bei Arbeitslosigkeit oder unsicheren Einkommensverhältnissen.

Also keine Pluspunkte für den Verbraucher?
Es ist ein Risiko. Wem es nur darum geht, die jetzt günstigen Zinsen zu nutzen und deshalb aus Altverträgen aussteigen möchte, dem rate ich, die Vor- und Nachteile genau gegeneinander abzuwägen. Denn Streit mit der Bank bedeutet Stress. Man muss auch die Kraft haben, sich um die Angelegenheit kümmern zu können. Wer aber sein Haus verkaufen möchte und ein nicht abgezahlter Kredit ihn daran hindert, für den ist der Widerruf eine Chance.

Mit welchen Kosten muss der Kreditnehmer rechnen?
Es fallen Beratungsgebühren für die Prüfung an, beim Rechtsanwalt oder bei uns, der Verbraucherzentrale. Wenn es zur gerichtlichen Auseinandersetzung kommt, kostet das zusätzlich Gerichts- und Anwaltskosten. Man weiß zudem nicht, wie ein Gericht den Fehler in der Widerrufsbelehrung bewertet und das Verfahren letztendlich ausgeht.

Was passiert mit Altkrediten?
Wer sein Darlehen vor Ablauf des Vertrags abbezahlt hat, musste eine Vorfälligkeitszahlung an den Kreditgeber leisten. Die kann man sich jetzt unter Umständen zurückholen. Das kann ein Geschenk sein, doch die oben genannten Punkte sind dabei immer abzuwägen.

Und wenn der Kredit bereits getilgt oder durch einen neuen abgelöst wurde?
Dann ist auch hier eine genaue juristische Prüfung notwendig, aber das Risiko gering.

Hinweis

Die Verbraucherzentrale Thüringen bietet die Überprüfung von Widerrufsbelehrungen in den Beratungsstellen Erfurt, Jena und Gera an. Die Beratung erfolgt nur nach vorheriger Terminvereinbarung unter 0361 / 555 14-0. Die Verbraucherzentrale Thüringen wird diese Prüfung in der Beratungsstelle Erfurt nur noch bis zum 31. Mai, in der Beratungsstelle Jena bis zum 2. Juni und in der Beratungsstelle Gera bis zum 3. Juni durchführen.
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