Wo bleibt die gute Kinderstube? Im Hotelrestaurant gehen Tischmanieren auf dem Weg zum Buffet verloren

Wo bleibt die gute Kinderstube? Es fällt seit Jahren auf, dass wir beispielsweise mit unseren Tischsitten offensichtlich in eine Spirale des Verfalls geraten sind. (Foto: Foto: Colourbox / Jose Manuel Gelpi Diaz)
Erfurt: Freund HRC |

- Schockierende Beobachtungen im Hotelrestaurant
- Rolex und rülpsen passen einfach nicht zusammen
- Wie ein Steinmetz an der Salatbar
- Sozialstatus zeigt sich bei Suppe mit Einlage
- Aufgepasst in der Firmenkantine

Welche Bedeutung die Persönlichkeit, das Auftreten und die Außenwirkung eines Menschen auf ­Beruf und Karriere haben, dazu habe ich mich schon sehr oft geäußert. Es gilt: Unabhängig von der Bildung oder finanziellen Situation stellen wir bereits mit unserer Morgentoilette, der Auswahl der Kleidung und notwendiger Accessoires die ersten Weichen für die angestrebte Wahrnehmung, also wie uns Mitmenschen sehen sollen. Der leitende ­Angestellte im Anzug, die Kosmetikerin im vollen Make-up, die „Hippen“ und „Stylischen“ zeigen den aktuellen Modetrend der ­jeweiligen Zielgruppe.

Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden. Peinlich wird die gesamte Angelegenheit nur, wenn der optische Eindruck und die Körpersprache nicht übereinstimmen. Mit Körpersprache meine ich nicht nur Mimik und Gestik, sondern auch das, was man früher einmal „die gute Kinderstube“ genannt hat. Es fällt mir dabei seit Jahren auf, dass wir beispielsweise mit unseren Tischsitten offensichtlich in eine Spirale des Verfalls geraten sind.

Gute Kleidung, schlechte Manieren


Erst kürzlich war ich Gast in einem sehr guten Hotel. Der Altersdurchschnitt war sehr gemischt, von 18 bis 80 Jahre alles vertreten. Ich beobachtete die Gäste, ihre Kleidung, Accessoires, ihren Gang und die Art und Weise, wie sie mit den Gegebenheiten im Restaurant und am Salatbuffet zurechtkommen.

Aus diesen ersten Informationen versuchen wir häufig Rückschlüsse auf den Sozialstatus, eventuell auf den Beruf oder die Berufsgruppe zu ziehen. Oder wir reduzieren unsere Einschätzung auf die simple und sehr subjektive Tatsache: Ist mir dieser Mensch sympathisch oder nicht?

Unter den Gästen waren einige sehr gut gekleidet und selbstbewusst auftretend. Doch die Enttäuschung folgte auf dem Fuße. Die Männer setzten sich vor den Frauen an den Tisch, die Weingläser wurden am Kelch angefasst und nicht am Stiel und der „Beutezug“ am Salatbuffet signalisierte mit seinen überbordenden Tellern, dass hier offensichtlich Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklafften. Da hilft auch die teuerste goldene Rolex am Handgelenk nichts, wenn der Umgang mit Messer und Gabel – fest mit den Fäusten umklammert – eher an die Berufsausübung eines Steinmetzes erinnert.

Kopf und Hals zwischen den Schultern


Auch war der Rückweg vom Salatbuffet offensichtlich so anstrengend, dass einige Gäste nach dem Hinsetzen scheinbar völlig in sich zusammenbrachen. Der aufrechte Gang durch das Restaurant muss sie wohl überfordert haben. Den Tisch erreicht, sackte der Körper zusammen, der Kopf verschwand nahezu mit dem Hals zwischen den Schultern, nach vorn gebeugt und auf beiden Ellenbogen abgestützt, betrachtete man im Abstand von 20 Zentimetern zum Teller den ersten Gang.

Eine Gemüse­brühe mit Frittaten ist natürlich ein Problem. Auf dem Weg vom Teller in den Mund kann einiges passieren. Folglich wandert nicht der Löffel zum Mund, sondern umgekehrt. Quasi aus dem Handgelenk schüttelnd wird die Suppe in minimaler Entfernung zum Mund transportiert. Der Rest wird – es sieht ja keiner – einfach ausgetrunken. Bei den weiteren Gängen wurde das Trauerspiel nicht besser. Die Gabel blieb ein Spieß und der Rücken krumm. Eine aufrechte Sitzposition und der Augenkontakt zum Gegenüber: Fehlanzeige! Der richtige Umgang mit einer Serviette, die Größe der Portionen auf der Gabel, die Lautstärke der Gespräche am Tisch signalisierten grundsätzlichen Nachholbedarf in puncto Tischsitten.

Beobachten Sie sich selbst kritisch!


Wenn ich manchmal sage, Persönlichkeit ist unteilbar, dann meine ich damit, dass es oft die kleinen Dinge sind, woran man eine „wirkliche Persönlichkeit“ erkennt. Umgekehrt heißt dies, dass ­Eltern mit einer konsequenten Erziehung in diesem Kontext bedeutende Weichenstellungen für den späteren Lebenserfolg legen. Aber man kann zu jeder Zeit auch selbst etwas in dieser Richtung verbessern.

Beobachten Sie sich selbst kritisch und beobachten Sie Ihre Umwelt. Sie finden Tausende Ratgeber im Internet oder im Buchladen. Die entscheidende Hürde ist nur: Man muss derartige Defizite an sich selbst erkennen und abstellen wollen. In einer Betriebskantine, in der Mitarbeiter und Vorgesetzte gleichzeitig essen, können Autorität oder eine Aufstiegschance durch falsche Tischmanieren schnell verspielt und beschädigt werden.
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2 Kommentare
5.078
Joachim Kerst aus Erfurt | 14.08.2015 | 19:42  
12.762
Renate Jung aus Erfurt | 16.08.2015 | 01:49  
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