Zeitzeugen aus Stein

Michael Osterhold mit einem der Grenzsteine, die im Lapidarium am Willroder Forsthaus zu sehen sind.
Schon die alten Römer wussten die steinernen Hüter ihrer Grenzen zu würdigen, sie widmeten den Grenzsteinen sogar einen eigenen Feiertag. Unverrückbar sollten sie sein, die Grenzen wie die Grenzsteine. „Jeder Grenzstein für sich ist ein Kleindenkmal und sollte, muss eigentlich von Gesetzes wegen, an dem Ort bleiben, wo er errichtet wurde“, sagt Michael Osterhold vom Thüringer Landesverein des Deutschen Vereins für Vermessungswesen – Gesellschaft für Geodäsie, Geoinformation und Landmanagement.

 Wer mit offenen Augen durch Thüringen geht, wird immer wieder Grenzsteine ­sehen. Große und kleinere, mit Schrift oder Abkürzungen, manche mit Wappen, einfach gehalten oder prächtig in Szene gesetzt. Meist findet man einen solchen Stein dort, wo eine Grenze knickt, nicht mehr gerade verläuft. Vor allem wichtige Grenzen, die eine Gemeinde oder ein bestimmtes Herrschafts­gebiet kennzeichnen, wurden derart markiert. Von ihrer Sorte gab es viele. Schließlich existierten bis 1920 auf thüringischem Territorium allein neun unabhängige Herrschaftsbereiche.

 Von diesen längst vergangenen Tagen erzählen auf einer Fläche am Willroder Forsthaus 18 Grenzsteine. 16 von ihnen sind historische Steine, sie alle konnten aus verschiedenen Gründen nicht an ihrem ursprünglichen Ort bleiben. Zwei Exemplare sind Nachbildungen von Steinen, die in Thüringen noch ihren Dienst tun. Dieses ­Lapidarium betreut der Landesverein des Deutschen Vereins für Vermessungswesen. Jeder der Steine ist mit einer Tafel versehen, die Auskunft zu seiner Herkunft gibt. „Diese Steine, die vorwiegend aus dem 16. bis 18. Jahrhundert stammen, erzählen Thüringer Geschichte, geben Einblicke in die Historie des heutigen Freistaates“, sagt Vorstandsvorsitzender Michael Osterhold. Dabei bergen sie durchaus noch Geheimnisse, nicht jede Inschrift ist vollständig zu entziffern. Aber die meisten Details sind lesbar und entschlüsselt. Doch nicht nur die Schrift an sich vermag Geschichte zu erzählen. Bei­nahe jeder Grenzstein hebt sich aus seiner Umgebung hervor. Schon allein deshalb, weil er fast immer aus anderem Material besteht, als es in der markierten Gegend vorkommt. „So ein Grenzstein ist fast nie ein einfacher Feldstein“, weiß Michael Osterhold. Auch die Gestaltung lässt auf den Auftraggeber schließen. Wer zu repräsentieren hatte, ließ sich auch bei seinen Grenzsteinen nicht lumpen. „Da gibt es schon einige prächtige Exemplare, aus gutem Material und mit Wappen drauf“, erklärt der Stein-kenner.

 Heute kümmern sich die Ämter für Vermessung und Geo­information um Vermessungen und Markierungen von Grundstücksgrenzen. Grenzsteine zu setzen, ist von Gesetzes wegen keine Pflicht mehr. Doch ausgestorben ist er noch nicht, der gute alte Grenzstein. Ob ein solcher gesetzt wird, entscheidet der Grundstücksbesitzer. „Es werden zwar weniger, aber manche entschließen sich doch dazu“, freut sich Michael Osterhold. Wer nicht lange suchen möchte, um einen Grenzstein einmal in aller Ruhe zu betrachten, dem sei das Lapidarium ans Herz gelegt.
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