Boxen braucht nicht viele Worte: Gelebte Integration

 
Lothar Stöckchen steht Rede und Antwort
Es gibt mehrere Sportarten, die für sich in Anspruch nehmen, die älteste der Welt zu sein. Doch Lothar Stöckchen ist überzeugt: "Boxen ist der Ursport". Die edle Art der Selbstverteidigung. "Hier fasst man sich nur mit Glacéhandschuhen an", sagt er. Blitzt ihm dabei ein wenig der Schalk aus den Augen? Ganz sicher. Mit den feinen Stöffchen, das Mann zum Smoking trägt, hat des Boxers Werkzeug nichts zu tun. Hier geht es zur Sache.

Leidenschaft seit mehr als 50 Jahren



Seit fast fünfzig Jahren bringt Lothar Stöckchen Jungs - inzwischen längst auch Mädchen - das Boxen bei. Seinen Verein "Box-Club Erfurt Thüringer Löwen e.V." gibt nun seit zehn Jahren. Gegründet hat er ihn mit den anderen Box-Verrückten, Horst Hentschel, Ronald Gilbert, Thomas Wowra, nachdem sich der TSV mit seinen Abteilungen aufgelöst hatte. Angefangen haben sie mit fast nichts, sie hatten kaum Material. Nur ihr Wissen, ihr Enthusiasmus waren da.

Löwen sind Kämpfer


Der Löwe ist der, der im Thüringer Wappen zu Hause ist. Und als Kämpfernatur passt er doppelt gut zu denen, die sich durchzuboxen versuchen. Dabei zählt nicht nur zu treffen. "Wer Schläge austeilt, muss auch einstecken können", formuliert der Boxtrainer eine der wichtigsten Lektionen, die seine Jungs lernen. Vier Mal auszuteílen, bedeutet einmal selbst getroffen zu werden, so die Faustformel.

Jeder hat Talent



Zum Boxen braucht man keine speziellen Voraussetzungen. Man kann dick sein oder dünn, ziemlich schwer oder ein Leichtgewicht: Zu diesem Sport passt jeder. Und jeder kann darin gut werden. Für Lothar Stöckchen und seine Mitstreiter ist es trotzdem nicht immer einfach, Talente zu finden. "Das ideale Alter, mit dem Boxen anzufangen, ist mit etwa neun, zehn Jahren", weiß er. Vorher dürfen die Trainer nicht sichten. Die Besten, Sportbegabten, trainieren da meist schon längst in anderen Sportarten.

Große Ziele



Doch Lothar Stöckchen kitzelt aus seinen Jungs alles heraus. Es gibt eine Menge Gründe, dass sein Verein mit seiner Trainingsstätte in der Thüringenhalle zum Bundesleistungszentrum ernannt wurde: Allein im vergangenen Jahr holten sich die Löwen vier dritte und zwei zweite Plätze bei den Deutschen Meisterschaften, Rudi Osso erboxte sich den silbernen Rang bei den Internationalen Deutschen Jugendmeisterschaften. Jehil Salah ist der beste Nachwuchssportler im Verein, er trainiert inzwischen im Box-Stützpunkt Frankfurt/Oder, wird aber weiter von den Löwen ausgestattet und unterstützt. Die Trainingskameraden in Erfurt versuchen, ihm nachzueifern. Es dorthin zu schaffen, ist das Größte.

Dabei ist Frankfurt/Oder weit weg. Mit einem Auge sieht Lothar Stöckchen zum benachbarten Erfurter Sportgymnasium. Sein großer Traum ist es, dass sich der Boxsport auch dort etabliert. Erfurt hat eine lange Boxtradition. Genügend Talente sind vorhanden. Das Wissen und Können der Trainer sowieso.

Mit Fingerspitzengefühl



Manchmal genügt es nicht, nur zu wissen und zu können. Ohne eine gehörige Portion Fingerspitzengefühl wäre es schwer, die Löwen zu zähmen. Zu viele Unterschiede prallen vor und hinter den Seilen aufeinander. Die Jungs haben nicht nur verschiedene Mentalitäten, sondern kommen längst nicht mehr nur aus Deutschland. Ihre einstige Heimat waren der Iran und Irak, Syrien, Russland, Kasachstan, die Ukraine... Mehrere Religionen und noch viel mehr Vorurteile begegnen sich hier. "Ich bin froh, dass die Jungs ganz schnell Deutsch lernen", ist der Trainer glücklich, dass zumindest sprachliche Verständigungsschwierigkeiten ausgeräumt sind.

Fair sein? Ganz normal


Ansonsten lebt er ihnen einfach vor, was es bedeutet, fair miteinander umzugehen. Darüber müssen die Boxtrainer nicht nachdenken, es liegt ihnen im Blut. Wichtig ist es, immer wieder miteinander zu reden.Über Religionen und über Weltanschauungen, über Essgewohnheiten, die manche Religion mit sich bringt und darüber, warum der eine den anderen nicht akzeptieren will. Manchmal kochen die Emotionen hoch. Lothar Stöckchen bringt die Jungs schnell wieder auf normale Betriebstemperatur. Wandelt sie in sportliche Energie um. Manchmal staunt er darüber, wie ehrgeizig seine Jungs sind. Vor allem die, die erst neu hier zu Hause sind. Alle wollen besser werden. Egal, wo sie herkommen. Hier sind sie alle zu Hause.

Bei den Thüringer Löwen redet niemand über Integration. Hier wird sie gelebt.
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