Der Ball zieht den Jahrhundertweg

Möchte man wissen wie es war, als Menschen zum ersten Mal Fußball spielten, gebe man einer Gruppe von Kindern einen Ball und lasse sie losstürmen. Ist man zudem etwas besinnlich gestimmt, fällt einem dazu vielleicht Goethes Paradoxon ein: "Das Jahrhundert ist vorgerückt, jeder Einzelne aber fängt doch von vorne an."

Jonathan Wilson, englischer Sport-Journalist und Buchautor, hat ein großartiges Buch geschrieben, darin zeichnet er den Jahrhundertweg der Fußballtaktik nach. Vom stürmischen, ungestümen Beginn, wilder, aber edelmütiger Raufbolde, die nach Herzenslust vor einen Ball traten, bis hin zu den wissenschaftlich getrimmten und systemisch scheinbar letztbegründeten Abläufen, die das Fußballspiel unserer Tage charakterisieren.

Wilson Werk liegt unter dem etwas sperrigen Namen “Revolutionen auf dem Rasen” seit Mitte letzten Jahres auch in deutsche Sprache vor. Der Untertitel des Buches “Eine Geschichte der Fussballtaktik” verrät schon eher, worum es in dem 450 Seiten dicken Wälzer geht. Von den Anfängen des modernen Fußballs (um 1850) bis zum Triumph des 4-2-3-1 Systems bei der WM 2010 – jede bedeutende taktische Mutation des Weltfußballs wird von Wilson ausführlich beschrieben und bewertet.

Zu den großen Stärken des Buches zählt, auf viele kontrovers diskutierte Themen eine eindeutige Antwort zu verweigern. Der Leser (dem Konzentration bei der Lektüre abverlangt wird) kann sich selbst eine Meinung bilden. Wilson referiert die Fakten, lässt seine Meinung durchaus anklingen, tut dies aber zurückhaltend und bei penibler Berücksichtigung von Gegenargumenten.

Eine weitere, außerordentlich positive Eigenschaft dieser Publikation liegt in der Relativierung singulärer Genialität. Im Fußball ist nichts vom Himmel gefallen. Auch für die ganz großen Protagonisten der Fußballtaktik gilt: sie fügten vorhandene Erkenntnisse zu etwas Neuem zusammen, reagierten (manchmal unter großem Druck) auf Entwicklungen oder führten die Ideen ihrer Vordenker konsequent zu Ende. Zudem macht Wilson deutlich, dass Fußball schon immer ein globaler Sport war. Wenn der Informations- und Erkenntnisaustausch vor 100 Jahren auch unvergleichlich langsamer war als heute, er fand statt und befeuerte den Siegeszug des Fußballs zur unangefochtenen Nummer 1 des Weltsports.

Der vollständige Artikel in meinem Blog: http://www.stellungsfehler.de
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