Exoten-Sportart, die begeistert: Baseball erobert den Freistaat - Besuch beim BSC Erfurt Angels

Rouven Zetzmann ist Trainer, Spieler und Vorsitzender des BSC Erfurt Angels e.V. in Personalunion.
 
Rouven Zetzmann ist Trainer, Spieler und Vorsitzender des BSC Erfurt Angels e.V. in Personalunion.
 
Michael Opfermann beim Wurf.
Erfurt: BSC Erfurt Angels s.V. |

Für drei Thüringer Teams startet gerade die Baseballsaison. Die Erfurt Angels zählen sich zu den Favoriten der Liga. Ein Sport, der im Freistaat noch absoluten Exotenstatus genießt.

Die Sonne ist an diesem Tag der härteste Feind der Engel. Nach weitem Bogen fällt der Ball steil vom Himmel und ein tellergroßer Lederhandschuh fasst nur ein Loch in die Luft. Wieder geblendet – Baseball-Mütze hin oder her. Rouven Zetzmann ist dennoch zufrieden mit seinem Team. Fürs erste Training der neuen Saison endlich wieder auf dem freien Feld sieht das alles doch ganz gut aus, befindet der Coach des BSC Erfurt Angels e.V.

Baseball ist in Thüringen eine absolute Randsportart. Im Freistaat gibt es nur drei Teams, die aus Mangel an Alternativen allesamt ihre Heimspiele auf dem gleichen Platz im Erfurter Norden austragen. Zu den Zuschauern zählt meist nur, wer am sonnigen Tag seinen Spaziergang unterbricht, um den Exoten bei ihrem Lieblingsspiel zuzusehen. Ganz ehrlich: Die wenigsten kennen die Regeln oder wissen, ob hier nur trainiert wird oder gerade ein Ligaspiel stattfindet.

„Das Grundkonzept beim Baseball ist sehr verschieden zu allem, was es sonst so gibt in Deutschland. Es gibt kein vergleichbares Spiel“, erklärt Rouven Zetzmann. Kein rechteckiges Feld, kein Tor, auf das eine Mannschaft zuläuft. Für einige Zuschauer ist das oft zu sperrig, fast ein wenig langweilig. „Es gibt nicht diesen einen Moment, der alles entscheidet“, gesteht Zetzmann. „Da das Spiel oft keine Zeitbegrenzung hat, kann es auch sehr lange dauern. Dennoch muss man immer aufpassen, weil ständig etwas passieren könnte.“


Rouven Zetzmann, Trainer, Spieler und Vorsitzender BSC Erfurt Angels e.V.:

„Baseball hat viel Entwicklungspotenzial. Der Sport findet immer mehr Aufmerksamkeit und Menschen, die sich dafür begeistern.“


Für den BSC Erfurt Angels, der sich durchaus als Favorit einen Spitzenplatz am Ende ausrechnet, ist ein Aufstieg wahrscheinlich keine Option. In der ganzen mitteldeutschen Verbandsliga gibt es nur sieben Teams. Steigt eine Mannschaft auf, überspringt sie mehrere nicht vorhandene Ligen und spielt gleich in der Regionalliga. Dafür fehlt es den Angels aber an Geld, an Personal, an Zeit. „Wir müssen zunächst die Mannschaft festigen, sodass wir jeden Spieltag solide spielen. Und dann kann man darüber nachdenken, ob es was mit dem Aufstieg wird“, urteilt Zetzmann, der in Personalunion Spieler, Trainer und Vereinsvorsitzender ist.

Seine Mitspieler kommen sogar aus Eisenach, Weimar oder Arnstadt nach Erfurt. Immer wieder neue Gesichter, dazu alte Haudegen, die schon seit Vereinsgründung vor fast zwei Jahrzehnten mit dabei sind – wie Jens Salzmann und Ralf Zotemantel. Sie schlugen schon als Kind mit losen Tischbeinen auf Apfelsinen ein. „In der DDR gab es ja keine Möglichkeiten für diese Sportart.“ Als später erste Spiele aus der US-Liga im Fernsehen übertragen wurden, faszinierten sie der Sport und die packende Stimme des Reporters.

Psychoduell zwischen Werfer und Schlagmann


Rouven Zetzmann spielt schon seit Kindheitstagen. Als er 2011 fürs Studium von Coburg in die Thüringer Landeshauptstadt zog, startete er bei den Angels Erfurt. „In Bayern ist Baseball deutlich populärer.“ Seine Erfahrung ist ­gefragt. „Ich war von ­Anfang an voll dabei. Die Regeln kannte ich damals noch gar nicht. Dann habe ich immer mehr gelernt, was alles möglich ist, wie viele Optionen es gibt, die ich jetzt versuche, meinen Teamkollegen beizubringen.“

Baseball ist eine Mischung aus Mannschafts- und Individualsport, sagt Zetzmann. Auf der einen Seite das Psychoduell zwischen Werfer und Schlagmann – fast wie in einem Western. „Beim Schlag kann dir keiner helfen. Da stehst du alleine. Aber wenn deine Mitspieler nicht mitmachen und auf den richtigen Positionen laufen, funktioniert das Zusammenspiel auch nicht. Man muss viel üben.“ Wie schnell und präzise Baseball sein kann, sieht der Trainer, wenn er die Bundesliga-Spiele im Sportfernsehen verfolgt. „Wenn die Technik sauber stimmt, kann man viel riskantere Spielzüge ­schaffen.“

Den Kick erlebt Zetzmann selbst, wenn er am Schlag ist. „Wenn du den Ball gut getroffen hat und siehst, wie schön er fliegt, dann kommt das Adrenalin. Du rennst los und siehst, wie weit du kommst und wie die ­andere Mannschaft reagiert, wenn du sie provozierst, Fehler zu machen. Das ist der Kick, den man als Spieler hat: die Grenzen zu reizen, den Gegner zu provozieren, um möglichst viel für sich rauszuholen.“




Hintergrund: Baseball in Thüringen

• In Thüringen gibt es drei Baseball-Clubs in der Verbandsliga: BSC Erfurt Angels e.V., Erfurt Baseballclub Latinos e.V. und Jena Kernberg Giants. Kontakt: www.erfurt-angels.de, erfurt-latinos.de und www.giants-jena.de

• Alle Thüringer Teams tragen ihre Heimspiele am Wochenende auf dem Feld unweit des Sportparks Erfurt aus (Ende Lobensteiner Straße). Es finden immer gleich zwei Spiele statt, jedes Team in der Verbandsliga tritt also viermal gegeneinander an. Die Saison hat gerade erst begonnen.

• Die Erfurter Angels bauen derzeit eine Jugendmannschaft auf und suchen daher Nachwuchsspieler zwischen 10 und 16 Jahren. Kontakt: rouven.zetzmann@erfurt-angels.de

Termin: Am 30. April findet ein Jugendspieltag in Erfurt statt. Zu Gast sind die Jugendteams der Leipzig Wallbreakers, Dresden Dukes und Magdeburg Poor Pigs.


• Historie:

1992: Beginn des Baseballs in Thüringen: Die kubanische Gemeinde in Erfurt gründet die Diabolos.

1997: Die Erfurter Dark Angels starten und steigen zwei Jahre später in den Ligabetrieb ein. Größte Erfolge sind die mitteldeutsche Meisterschaft 1999 und 2000. Vor zwei Jahren ändern sie den Namen in Erfurt Angels.


• Weitere Infos:
mbsv.de (Baseball in Mitteldeutschland)
Baseball-deutschland.de


Die Angels haben die Baseball-Regeln zusammengestellt:

• Bei einem Baseball-Spiel stehen sich zwei Teams, je neun Spieler (und weitere Auswechselspieler) gegenüber.
• Eine der beiden Mannschaften ist das Angriffsteam (Offense). Es hat das Schlagrecht und die Möglichkeit, Punkte zu erzielen.
• Ein Punkt wird wie beim Schlagball oder Brennball dadurch erzielt, dass ein Läufer das Spielfeld von Base zu Base umrundet. Die andere Mannschaft (Defense) steht mit ihren neun Spielern verteilt im Spielfeld und versucht, genau dieses Umrunden des Feldes zu verhindern.
• Wurden drei Läufer erfolgreich durch die verteidigende Mannschaft „aus“-gemacht (am Umrunden des Spielfeldes gehindert), wechselt das Schlagrecht und die bisherige Offense-Mannschaft geht in die Verteidigung auf das Spielfeld.
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