"Ich bin ein sehr rationaler Mensch": Diana Pencun ist Schiedsrichterin beim Eishockey

Diana Pencun ist Hauptschiedsrichterin beim Eishockey. Fotos: Heyder
  Erfurt: Eishalle |

Wenn zwei 100-Kilo-Muskelpakete aufeinander zu schlittern, sollte man besser nicht dazwischen geraten. Erst recht nicht, wenn noch weitere auf diesen Pulk auffahren. Das aber genau passiert ständig beim Eishockey. Wer selbst nicht gespielt hat, bringt es nur ganz selten zum Schiedsrichter in diesem Sport.

Das liegt daran, dass die genau wissen müssen, wie sie sich auf dem Eis bewegen müssen, um unbeschadet wieder das Eis zu verlassen. Eisläufern, auch guten, ohne diese Erfahrung, würde es eben genau daran fehlen. Denn wenn der Schiri die Situationen in diesem Spiel blitzschnell beurteilen soll, muss er genau dafür ein Auge haben, statt sich um seine eigene Sicherheit zu sorgen. Das ist für gestandene Männer eine Herausforderung. Aber auch Frauen wie Diana Pencun erfüllen diese Aufgabe, mit großer Leidenschaft. In ihrer 11. Saison ist sie als Schiri auf dem Eis, hat schon Länderspiele wie das zwischen Schweden und Österreich als Hauptschiedsrichterin gepfiffen.

Ein Oberliga-Punktspiel der Black Dragons steht an, wie war ihr Weg, um hierher zu kommen?
Ich selbst habe 1998 angefangen, Eishockey zu spielen. Später war ich mehrere Jahre in den USA und habe dort gespielt. Als meine eignen Perspektiven als Spielerin nicht mehr so gut waren, habe ich den Einstieg als Schiedsrichterin gefunden.

Und wie geht das genau?
Man absolviert eine Ausbildung mit Theorie und muss zusätzlich verschiedene Leistungstests nachweisen. Fitness- und Lauftests nach Zeit sind dabei. Man muss vorwärts und rückwärts ein Kurs fahren können, der mit Kegeln abgesteckt ist. Da gehört eine Menge Training dazu, denn die Zertifizierungstests finden einmal jährlich im Sommer statt.

Als Schiedsrichterin müssen Sie also weiter trainieren?
Kraft, Ausdauer, Schnellkraft müssen stimmen. Und vor allem ist die Kondition ganz, ganz wichtig.

Ist es ein Unterschied, ob man ein Frauen- oder ein Männerspiel im Eishockey pfeift?
Jein. Der Unterschied liegt wohl vor allem darin, dass es im Frauenspiel keine Checks gibt. Das ist bei den Männer anders und macht es etwas gefährlicher.

Wie denn genau?
Man muss hier noch mehr das Spiel lesen können. Man darf nicht reagieren. Sondern muss agieren und voraussehen, was passieren kann. Sollte man wirklich in Bedrängnis kommen, hat man mit der entsprechenden Körpersprache klar zu machen, wer man ist.

Ist es als Frau schwerer, oder vielleicht sogar leichter, sich durchzusetzen?
Vermutlich schwerer. Man ist zunächst so etwas wie das schwache Glied auf dem Eis. Vor allem am Anfang. Es dauert eine Weile, bis man vollständig akzeptiert wird. Es wird da gerne mal diskutiert.

Das erste mal, als sie eine Männerspiel gepfiffen haben, war wie genau für Sie?
Oh, da war ich schon sehr, sehr aufgeregt. Ich bin zwar nicht der einzige Schiedsrichter auf dem Eis, aber die Entscheidung trifft man am Ende doch alleine. Ich kann zwar einiges im Team besprechen, aber Abseits beispielsweise muss jeder selbst entscheiden. Und als Hauptschiedsrichter entscheide ich zudem über die Strafen.

„Es geht ja nicht, dass man sagt, ich möchte jetzt vielleicht eine Entscheidung treffen.“ Diana Pencun


Kriegen Sie da nicht da Fürchten, wenn die Spieler im Pulk auf sie zuschlittern und die Entscheidung anfechten? Da sind ja ganz schöne Hünen dabei ...
Wenn die Entscheidung einmal getroffen ist, ist sie getroffen. Klar lässt man gewisse Dinge auch nochmal Revue passieren, gerade wenn es um Strafen geht. War das jetzt wirklich die große Strafe, oder nur die Kleine? Aber es ist eher selten so, dass man eine Strafe anzeigt, die man dann zurück nimmt. Wenn man sie anzeigt, ist man sich sicher. Es geht ja nicht, dass man sagt, ich möchte jetzt vielleicht eine Entscheidung treffen.

Auf dem Eis müssen Sie sich blitzschnell entscheiden. Klappt das privat, beim Einkaufen und anderswo, auch so schnell?
Ich bin ein sehr rationaler Mensch. Ich mache viel über Logik und bin also auch privat entscheidungsfreudig.

Wie werden die Entscheidungen, die Sie getroffen haben im Anschluss überprüft?
Einerseits gibt es auch Schiedsrichterbeobachter, und im Team werden bestimmte Momente noch einmal ausgewertet. Manchmal auch über Videomaterial. In der jährlichen Haupt-Schiedsrichter-Fortbildung werden auch immer strittige Szenen auch aus anderen Spielen ausgewertet.

Wie verständigen Sie sich in einem Länderspiel, wie bei dem zwischen Österreich und Schweden?
Das macht man in Englisch. Durch die Zeit in den USA gibt’s da auch keine Schwierigkeiten. Die Kommandos hat man ohnehin drauf. Viel läuft im Eishockey auch über Zeichensprache.

Hintergrund
Der Hauptschiedsrichter ist für die Gesamtleitung des Spiels zuständig und entscheidet bei Meinungsverschiedenheiten im Schiri-Team endgültig. Die Anerkennung von Toren und das Verhängen von Strafen ist ihm vorbehalten. Die Linienrichter beraten dabei.

Die Linienrichter sind für Abseitsentscheidungen beziehungsweise Icing-Situationen zuständig. Zudem führen sie die Bullys durch. Im Eishockey kann auch ein Linienrichter durch einen Pfiff das Spiel unterbrechen, wenn er Regelverstöße feststellt. Sollte der Hauptschiedsrichter nicht zum Zeitpunkt der Erzielung eines Tores im Spieldrittel anwesend sein, kann außerdem auch der anwesende Linienrichter das Tor anerkennen.
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