Interview: Darum soll für die Oettinger Rockets die Erfurter Messehalle die neue „Blaue Hölle“ werden

„Let‘s Go Rockets!“ Dieser Schlachtruf ertönt demnächst in der Erfurter Messehalle. (Foto: Basketball in Gotha (BiG))
 
Wolfgang Heyder: „Jeder Besucher mit Ticket bekommt das Angebot, mit dem Shuttle kostenlos nach Erfurt zu fahren.“ (Foto: BiG)
 
Thomas Fleddermann (mit Blumen): „Wir wollen mit allen Erfurter Basketball-Vereinen eine große Community entstehen lassen.“ (Foto: BiG)
 
Aufstieg fest eingeplant: Mehr Druck für Head Coach Chris Ensminger (mit Mikro). (Foto: BiG)
Erfurt: Messehalle |

Am 22. September startet für die Oettinger Rockets die neue Basketball-Zweitliga-Saison. Die Auftaktbegegnung in der ProA gegen die Niners Chemnitz bedeutet für die Gothaer zugleich die Ligapremiere in der neuen Heimspielstätte: der Erfurter Messehalle. Weshalb es in der „Blauen Hölle“ keine Zukunft mehr gab, frage ich den Geschäftsführer der Basketball in Gotha GmbH, Thomas Fleddermann, und BiG-Berater Wolfgang Heyder.

Haben Sie sich den Umzug wirklich gut überlegt?

Heyder: Aus meiner Sicht gab es gar keine Alternative. Wir müssen realistisch sein. Wenn hier eine Entwicklung, ein Wachstum möglich sein soll, wenn der Sponsor, der hier am Standort viel Geld investiert, im Boot gehalten werden soll, dann ist dies die einzige Möglichkeit. In Gotha ist keine Wachstumsmöglichkeit mehr gegeben. Man kann dann weiter dritter, vierter oder fünfter werden, aber dies ist weder befriedigend noch in irgendeiner Weise jemandem zu verkaufen: weder einem Sponsoren, noch einem Spieler, noch einem Trainer. Es muss die Möglichkeit bestehen, aufzusteigen, besser zu werden, den nächsten Schritt zu machen. Das ist in Gotha nicht möglich, weil die Hallenkapazität mit den 1800 Plätzen nicht den Standards der Basketball-Bundesliga entspricht. Man braucht in der BBL eine Halle mit 3000 Plätzen.


Der Aufstieg ist also Ihr festes Ziel?

Heyder: Wir haben das Ziel, den Aufstieg in die BBL in den nächsten zwei Jahren zu schaffen. Mit unserem Budget, mit den Investitionen unseres Hauptsponsors muss es das Ziel sein. Ohne Wenn und Aber. Es gibt sicherlich auch keinen Trainer und Spieler mit Qualität, dem sie vermitteln können, immer weiter in der ProA zu spielen. Es muss ein Fortschritt nach oben möglich sein.
Fleddermann: Wir waren in Gotha zuletzt sportlich relativ erfolgreich. Wir sind in den vergangenen zwei Jahren immer ins Halbfinale eingezogen. Aber letzten Endes haben wir auch nie einen Lizenzantrag gestellt, weil die Rahmenbedingungen in Gotha nicht stimmen. Im Zelt hätten wir sowieso nicht BBL spielen können. Die Überlegung, eine neue Halle zu bauen, gibt es ja nicht erst seit zwei Jahren, sondern schon seit fünf Jahren. Aber da haben viele Dinge nicht zusammengepasst, um hier eine Halle zu realisieren. Aus sportlicher Perspektive, aber auch aus wirtschaftlicher Sicht mussten wir eine Entscheidung treffen. Da bietet sich die Erfurter Messehalle an. Dort sind andere Strukturen, die man braucht. Wir können jetzt Spieler holen, die mit uns zusammen in die BBL gehen möchten. Das wäre hier auf lange Sicht schwer geworden. Wir hätten hier keine Chance gehabt, eine Etage höher zu klettern.


Hatten Sie denn in den vergangenen Jahren Schwierigkeiten bei Vertragsgesprächen?

Heyder: Es ist schon so, dass wir eine gewisse Qualität an Spielern nicht bekommen. Das gilt vor allem für junge deutsche Spieler. Und unser hochkarätiger Trainer will auch bestimmt nicht in der ProA bleiben. Jede Stagnation ist ja tödlich im Sport.


Bedeutet der Aufstieg als Ziel nicht mehr Druck für Coach Chris Ensminger?

Heyder: Den größeren Druck macht sich Chris selbst. Er hat selbst den Ehrgeiz, als Trainer in die erste Liga zu kommen. Er war 14 Jahre Spieler in dieser Liga und will jetzt als Trainer den nächsten Schritt machen. Es ist eine riesige Herausforderung, eine Chance.

Fleddermann: Es war ein positives Zeichen an ihn, dass wir die Voraussetzungen für den Aufstieg geschaffen haben. Er fühlt sich nicht zum Erfolg verdammt. Er ist sehr ehrgeizig, ein disziplinierter Trainer, der Ziele hat. Den Druck macht er sich schon selbst. Aber es ist ein positiver Druck.


Der Vertrag mit der Erfurter Messe gilt zunächst einmal für zwei Jahre. Soll dies erst einmal ein Test sein? Oder wollen sie der Stadt Gotha mit Ihrer Entscheidung die Pistole auf die Brust setzen, das Team doch noch zur Rückkehr zu bewegen?

Heyder: Mit der Stadt wurde immer wieder geredet, schon vor sechs, sieben Jahren. Da gab es Pläne, da gab es auch Zusagen finanzieller Art. Aber es ist nie etwas passiert. Wir setzen niemandem die Pistole auf die Brust, denn da wird nichts passieren. Das ist meine Überzeugung.

Fleddermann: Das denke ich auch. Wir haben erst einmal die nächsten zwei Jahre abgesichert und sehen, ob das funktioniert. Davon gehen wir aber aus.


Wie waren denn die Reaktionen der Fans?


Fleddermann: Naja, im Nachhinein müssen wir uns den Schuh anziehen, dass wir die Situation hätten anders lösen müssen. Wir hätten die Zuschauer und alle Beteiligten von Anfang an mitnehmen und erklären sollen, warum wir den Weg nach Erfurt gehen. Als wir allen Beteiligten die Entscheidung mitgeteilt haben, gab es erst einmal nicht unbedingt positive Reaktionen. Basketball war schon ein Event für Gotha. Mittlerweile hat sich die Stimmungslage aber geändert, da wir viele Erklärungen abgegeben haben, viele Entscheidungen versucht haben, zu kommunizieren. Wir stehen im ständigen Kontakt mit den Fans, machen Infoabende, Probesitzen, um allen die ganze Sache näherzubringen. Wir haben das Gefühl, dass es positiv aufgenommen wird.


Vielleicht wäre ein Umzug auf Raten besser gewesen. Sie hätten erst einmal nur für die wichtigen Partien nach Erfurt ausweichen können.

Heyder: Das hätte uns nicht weitergeholfen.


Vielleicht hätten sich die Fans dann Schritt für Schritt an die neue Halle gewöhnt.

Heyder: Ich glaube, es war notwendig, einen klaren Schnitt zu machen. Sonst ist man hier und hier und nirgendwo ganz. Ich glaube, man muss den Weg in Erfurt gehen und zeigen, dass man wirklich dort ankommen will, dass man auch ein Erfurter Produkt ist, eine Erfurter Mannschaft. Es funktioniert definitiv nicht, zu sagen, das ist eine Gothaer Mannschaft, die ab und zu mal in Erfurt spielt. Man muss in Erfurt ankommen, man muss dort ein Faktor sein. Anders wird es nicht funktionieren. Man hätte dies den Leuten vorher klar und deutlich erklären können. Da gibt es auch viele gute Argumente. Ich glaube, das verstehen die Menschen auch. Wenn sie es natürlich aus der Zeitung erfahren und vor vollendete Tatsachen gestellt werden, dann wird es schwierig. Das war das Problem. Aber um den Schritt kommt man nicht herum. Oder man backt kleine Brötchen, spielt in der ProB und Schluss. Ich kenne aber keinen Hauptsponsor, der da mitgeht.

Eine Mannschaft für die Region.



Ein Erfurter Team? Ist BiG, wie es der Name eigentlich sagt, denn jetzt kein Gothaer Club mehr?

Heyder: Es ist schon ein Gothaer Club. Der Kern und die Essenz der Geschichte laufen weiterhin in Gotha. Es ist das Ziel, mit der zweiten Mannschaft in die Regionalliga aufzusteigen. Die Nachwuchsbundesliga ist ein ganz fulminantes und prägnantes Jugendkonzept. Das wird alles weiter in Gotha bestehen. Aber die Profimannschaft wird als Oettinger Rockets in Erfurt spielen und soll eine Erfurter Mannschaft sein, die aus Gotha kommt und in Gotha ansässig ist.

Fleddermann: Eine Mannschaft für die Region. Der Standort und die Basis bleibt Gotha mit allen Jugendmannschaften, mit den Nachwuchsbundesligatruppen.


Sie planen mit 1000 Zuschauern mehr pro Spiel. Macht das den Braten fett?


Heyder: Es geht doch ums Ziel. Das Budget ist ja vorhanden. Da kommt es nicht auf 1000 oder 500 Zuschauer zusätzlich an. Natürlich ist es das Ziel, die Halle vollzumachen, eine entsprechende Stimmung zu schaffen, einen Basketballstandort zu entwickeln. Mit unserem Budget konnten wir jetzt schon um die erste Liga spielen. Das Ziel konnte aber nie definiert werden, weil die Halle nicht vorhanden war. Die Halle ist ein entscheidender Faktor, um überhaupt eine Lizenz in der Liga zu bekommen.


Sie lassen sich also nicht vorwerfen, den zweiten Schritt vor dem ersten zu gehen statt erst aufzusteigen und dann umzuziehen?

Heyder: Nein, die sportliche Leistung war da. Aber sie können niemanden motivieren, wenn es nicht um den Aufstieg geht. Das ist ein Widerspruch in sich selbst. Man bekommt nur dann die Spieler, wenn sie wissen, es ist das Ziel des Vereins, aufzusteigen in die erste Liga. Mit dem richtigen Umfeld bekommt man ganz andere Spieler und Möglichkeiten.

"Der Standort Erfurt hat ein ganz anderes Potenzial."



Fans haben oft ein sehr feines Gespür für künstliche Konstrukte. Haben Sie keine Befürchtungen, dass Sie Ihnen den Umzug krumm nehmen?

Heyder: Ganz und gar nicht. Natürlich wäre es vielleicht der beste Schritt gewesen, wenn die Stadt vor drei Jahren eine Halle gebaut hätte mit 4000 Plätzen. Dann hätten wir das hier machen können. Auch dann hätten wir die Diskussion führen müssen, ob es der Wirtschaftsraum in Gotha hergibt, die Sponsoren zu finden für die BBL. Der Standort Erfurt hat ein ganz anderes Potenzial.

Fleddermann:
In Erfurt gibt es kein Profiteam. Wir kooperieren und die Erfurter Teams profitieren davon.


Profitieren die Erfurter Clubs wirklich? Oder droht ihnen nicht, ihre Fans an Sie zu verlieren?

Fleddermann: Wir wollen eine große Basketball-Community entstehen lassen. Da sind alle Basketballvereine in Erfurt beteiligt. Wahrscheinlich haben sie Zulauf an Mitgliedern aufgrund der Tatsache, dass das Produkt Oettinger Rocktes Erfolg hat, dass Kinder in die Halle gehen, zuschauen, sagen: „Das möchte ich selber machen“ und dann in einen Basketballverein eintreten.


Welchen Stellenwert hat Basketball in Thüringen bisher aus Ihrer Sicht?

Heyder: Es gibt immerhin eine BBL-Mannschaft und eine ProA-Mannschaft in Thüringen – das hat sicherlich eine Signalwirkung. Man muss in der Leistungsbreite etwas tun. Aber gerade mit Jena und Gotha als Ausbildungsstandorte mit intensiver Jugendarbeit ist das keine schlechte Basis. Insgesamt könnte die Dichte und Breite des Basketballs größer sein. Daran muss man arbeiten.


Wie ist Ihre Beziehung zu Science City Jena – gibt es dort auch so eine Fan-Feindschaft wie im Fußball?


Fleddermann: Man tauscht sich aus. Es ist ganz und gar nicht negativ. Nicht zu vergleichen mit dem, was im Fußball passiert.

Heyder: Es wird sicherlich eine sportliche Konkurrenz geben. Das ist gut und wichtig. Aber keine Feindschaft.

Fleddermann: In den vergangenen zwei, drei Jahren, in denen wir gegeneinander gespielt haben, das waren immer ganz tolle Duelle und tolle Events für Thüringen. Die Stimmung ist immer gut und überhaupt nicht feindselig, was im Basketball generell fast nie der Fall ist. Es hat definitiv Derbycharakter. Die Leute sind schon angespitzt. Wenn wir uns beide in der BBL wiederfinden, ist doch gut.

"Es ist uns sehr wichtig, die Community mitzunehmen."



Hand aufs Herz: Werden Sie die Blaue Hölle vermissen?

Fleddermann:
Die Blaue Hölle hat vier Jahre gestanden und hier sind die Oettinger Rockets gewachsen. Wir hatten auch nicht von Anfang an 1800 Zuschauer. Das war eine besondere Geschichte. Die Zuschauer haben es zu einem Erlebnis gemacht, in einem Zelt zu spielen. Die ganze Atmosphäre und die enge Community sind dort gewachsen.


Schon der Name der Spielstätte war quasi eine Kampfansage an die Liga. Wie klingt das denn in Erfurt?

Fleddermann: Letzten Endes geht es um die Leute, die den Kult dazu gemacht haben. Wenn wir die mitnehmen, wovon ich ausgehe, wird das in Erfurt die neue Blaue Hölle.


Wie wollen Sie das erreichen?

Heyder: Es ist uns sehr wichtig, die Community mitzunehmen. Die Kartenpreise sind stabil geblieben, es gibt keine Erhöhung. Jeder Besucher mit Ticket bekommt das Angebot, mit dem Shuttle nach Erfurt zu fahren. Damit wollen wir auch dokumentieren, dass es uns wichtig ist, die Menschen mitzunehmen.


Zur Person:

Wolfgang Heyder, der ehemalige Geschäftsführer der Brose Baskets, ist Berater der Oettinger Rockets. Thomas Fleddermann ist seit Kurzem neuer Geschäftsführer der BiG GmbH.

Termin

Die beste Möglichkeit, die ­Oettinger Rockets in ihrer neuen Spielstätte zu erleben, ist am 23. August um 19.30 Uhr. Dann startet das Testspiel gegen den Bundesligisten und achtmaligen Deutschen Meister ALBA Berlin. Noch gibt es Karten, Telefon  0 36 21 / 2 29 08 - 0
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