Mit seinem Einrad geht der Erfurter Paul Wegfraß über Tisch und Bänke

Mit seinem Einrad stellt Paul Wegfraß spektukuläre Dinge an. Darauf muss er sich mental vorbereiten.
Erfurt: ... |

Paul Wegfraß ist einer, der für seine Sache brennt. Er könnte stundenlang, ach was, tagelang leidenschaftlich übers Einradfahren erzählen, ohne seine Zuhörer zu langweilen. Dabei wollte der Erfurter anfangs gar nichts mit Unicycling - so heißt der Sport in Fachkreisen - zu tun haben.

Als er acht Jahre alt ist, ermutigt ihn sein Vater, Einradfahren zu lernen. "Das war für mich ein Mädchensport, weil meine Schwester das gerade lernte. Außerdem verband ich Einräder mit Zirkus. Ich wollte lieber Fahrrad fahren", erinnert sich Paul heute. Doch der Vater lässt nicht locker, denn er erkennt das Talent in seinem Sohn. "Irgendwann hatte mein Vater mich soweit. Als meine Kumpels mich aber auslachten, war ich schnell demotiviert und kehrte zu meinem Fahrrad zurück. Aus und vorbei, schwor ich mir."
Doch eines Tages sieht Paul einen Film über Einradfahrer und ist infiziert. Er holt sein Rad aus dem Keller und trainiert. Heute ist der junge Mann 23 und studiert biomedizinische Technik an der TU in Ilmenau. Das Einrad ist inzwischen sein ständiger Begleiter.

Paul: "Auf einer WM lernte ich Kris Holm kennen"

"Dieser Sport gibt so viel. Dass ich auf einer Weltmeisterschaft in Italien Kris Holm kennenlernte, war für mich ein Höhepunkt. Er brachte viele Menschen zum Einradfahren, das bewundere ich." Der Kanadier, muss man wissen, ist der Trendsetter in der Branche. Der mit großem D. "Einradfahren ist ein Extremsport und Holm entwickelt spezielle Materialien für die Räder", erläutert der Student.
Aktionsfotos von Paul und seinem Sportgerät betrachten Außenstehende mit vor Schreck geweiteten Augen und vor Staunen offenem Mund. Ab und an trifft er sich mit einem Ilmenauer Fotografen zu Extrem-Shootings. Da nimmt er mit dem Rad zentimeterbreite Holzgeländer und meterhohe Mauern, springt über Wassergräben und Erdwälle, fährt treppauf und treppab. Paul reagiert belustigt auf das Staunen. "Bei Unicycling geht es nun mal über Tisch und Bänke."
Der Unterschied zwischen Leichtsinn und Sport liegt in der Vorbereitung auf solch ein Shooting. Paul Wegfraß geht mit seinem Rad so manches Wagnis ein - aber niemals unvorbereitet. "Vor einem Termin schauen wir uns die Location an und ich entscheide, ob das machbar ist. Wenn ich vor einer Zwei-Meter-Schanze stehe und weiß, was passieren kann, ist das auch eine Frage der mentalen Vorbereitung. Das geht nicht von jetzt auf sofort."

Unicycling finden auch Frauen attraktiv


Unicycling kommt in Mode und ist auch für Frauen attraktiv, weiß der junge Erfurter. In Thüringen tragen die Einradfahrer Regionalmeisterschaften aus, es gibt Europa- und Weltmeisterschaften mit 100-, 400- und 800-Meter-Sprints. Sogar 42- und 100-Kilometer-Marathons bewältigen die Sportler mit ihren 36-Zoll-Rädern. Der Geschwindigkeitsrekord liegt bei 55 Kilometern pro Stunde. Auch Weit- und Hochsprung, Hockey und Basketball sind mit Einrädern möglich.
"Einradfahren ist ein sehr konditioneller Sport. Er erfordert Kraft und Style. Es gibt keinen Leerlauf wie beim Fahrrad, wir müssen unentwegt treten. Jeder kleine Hügel kann den Fall bedeuten, das muss man ausbalancieren. Deswegen üben wir im Training auch das Abrollen", erklärt Paul. Bisher zog er sich nur eine Verletzung zu: einen Bänderriss - beim Absteigen. "Das Hinfallen ist nicht schlimm. Nur das Liegenbleiben", findet der Extremsportler.

Japaner wollen knipsen, Russen bieten Wodka an

Wie die Erfahrung zeigt, hat Einradfahren auch einen soziokulturellen Wert: "Wenn wir mit unseren Rädern unterwegs sind, werden wir nicht mehr belächelt. Die Menschen begegnen uns aufgeschlossen und neugierig. Japanische Touristen wollen natürlich Fotos machen und Russen bieten Wodka an", erzählt Paul lachend. Einsteigen kann man in jedem Alter. Der Sport, sagt Paul, sei so universell, dass man ihn gar nicht extrem betreiben müsse. Mit dem Einrad kann man ebenso gut Eis essen oder im Wald die Welt erkunden. Unicycling ist in Erfurt populär, es gibt sogar eine Einradschule (Kasten).
Seinem Vater ist der junge Mann heute dankbar. Ohne dessen Gespür und Beharrlichkeit hätte er viel verpasst, sagt er. Auch mit der Entwicklung des Sports ist er sehr zufrieden: "Früher war Einradfahren etwas für Exoten, heute ist es Jugendkultur."


Hintergrund:
Paul Wegfraß legte 2009 den Grundstein für die Einradschule in Erfurt, die heute von René Karl und Sophie Kahlert betrieben wird. Mit im Team ist Jugendtrainerin Carolina Münzberg.
Trainingszeiten: Montag, 16 bis 18 Uhr, Integrierte Gesamtschule (IGS) Erfurt; Mittwoch, 16.30 bis 18 Uhr, Petersberg; Freitag, 16 bis 18 Uhr, Regelschule am Karl-Reimann-Ring. Interessierte sind herzlich willkommen.
Termin: 28. August, Downhill im Einradfahren, Nordpark Erfurt
Kontakt René Karl: 01 73/9 77 75 22
Facebook: Einradtraining Erfurt
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Renate Jung aus Erfurt | 27.05.2015 | 18:17  
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