Ostern geht es rund! Einradakrobaten zeigen im Bikepark Oberhof Atemberaubendes

René Karl und sein Einrad auf dem Erfurter Petersberg. Bald geht dort das wöchentliche Training wieder los.
  Erfurt: ... |

Zum Einradfahren kam der Erfurter René Karl ganz zufällig. Eigentlich wollte er nur seine Beinarbeit fürs Klettern verbessern, deshalb lieh er sich das Einrad einer Freundin. Seitdem will er nichts anderes mehr machen. Für ihn und die Szene ist es wie für andere ein Spaziergang, wenn sie die Anhöhe zur Wartburg bezwingen oder in halsbrecherischem Tempo die Schanzen diverser Bikeparks nehmen.

"Schauen Sie sich dieses Naturschauspiel an." Fasziniert blickt der junge Mann zum glutrot gefärbten Horizont, wo sich soeben die Sonne verabschiedet. Er hat etwas Sanftes. Braune Augen, das Gesicht eingerahmt vom schwarzen Bart, das lange Haar im Nacken zusammengehalten. Ziemlich smart. Doch dann ist der Moment vorbei. René Karl setzt seinen grünen Helm auf, schwingt sich auf sein 26-Zoll-Einrad und jagt den Erfurter Petersberg hinauf. Einen begrünten Steilhang wieder hinunter. Und dann springt er aus dem Stand auf einen etwa 80 Zentimeter hohen Steinquader auf der Aussichtsplattform. Jetzt fehlt eigentlich nur noch die Balance auf der Mauer. Karl zwinkert: "Das zeige ich Ihnen nächstes Mal."
Der Erfurter hat auf dem Petersberg schon viele Sonnenuntergänge erlebt. Im Sommerhalbjahr trainiert er mit seinem Team direkt unter der Glashütte Kinder und Jugendliche im Einradfahren.

Schüler kommen aus halb Thüringen


"Der Petersberg ist perfekt: Es gibt Ebenen, Hügel, Unwegsamkeiten und Hindernisse", erklärt er. Einradfahren ist nicht nur eine Nummer im Zirkus, sondern knallharter Sport, den man individuell und im Team betreiben kann. Erfurt ist die Thüringer Hochburg im Einradtraining. Schüler reisen aus Jena, Weimar, Arnstadt, Ilmenau und anderen Regionen zum Training an.
Bis vor fünf Jahren war René Karl passionierter Kletterer. Weil er seine Beinarbeit verbessern wollte, lieh er sich ein Einrad. "Nach einer Woche wollte ich nichts anderes mehr machen. Irgendwann war ich bei einem GMTV, das hat mich sehr inspiriert." Das GMTV - German Muni and Trial Weekend - ist neben den offenen Deutschen Meisterschaften ein großes Event im Einradfahren. Die Veranstaltung hat Karl dermaßen beeindruckt, dass er sie dieses Jahr mitorganisiert. Über Ostern qualmen im Bikepark Oberhof die Fahrradreifen, wenn Sportler von Karfreitag bis Ostersonntag mit ihren Rädern am Fallbachhang über Stock und Stein rasen. Und wer von den Besuchern freundlich fragt, darf mit einem Einrad nähere Bekanntschaft schließen.

So sieht das bei Geübten aus:


Mit Stützrädern dauert es viel zu lange


Motorisch in der Lage, Einradfahren zu lernen, ist man mit ungefähr vier Jahren, weiß René Karl. Stützeinrichtungen lehnt er ab. "Der Lernprozess dauert damit viel länger." Gut beraten seien Einradschüler, während der Anfangsphase jemanden dabeizuhaben, der hilft und motiviert. "Anfangs hat man Zweifel und glaubt, das nicht zu schaffen. Viele hören dann wieder auf. Wenn man diesen Punkt aber überwindet, verlernt man es nie mehr."
Auch mental wirke sich Einradfahren positiv aus. René Karl erzählt die Geschichte von einer Schülerin, die stets schüchtern an der Seite stand und kaum auffiel. "Als sie mit ihrem Einrad anderen etwas beibringen konnte, hatte das Mädchen plötzlich ein enormes Selbstbewusstsein."
Ohne diese Eigenschaft kommt man im Einradsport offenbar nicht aus. Das beginnt schon, wenn man mit dem Sportgerät über die Straße läuft. "Du hast ein Rad verloren", zitiert Karl den Spitzenreiter unter den Sprüchen. "Ich finde das ja auch witzig, aber nicht fünfzig Mal am Tag."


Innerhalb einer halben Stunde völlig auspowern


Straßenpflaster und überfüllte Innenstädte tauscht er ohnehin lieber gegen Wald und Wiese ein. "Ich liebe es, mit dem Einrad in der Natur unterwegs zu sein. Mit diesem Sport kann ich mich innerhalb einer halben Stunde völlig auspowern." Dem Zuseher schwinden die Sinne, wenn er per Helmkamera auf Video die rasanten Abfahrten quasi miterlebt. Für die Sportler ist es ein bisschen wie spazieren gehen, wenn sie sich treffen, um mit ihren ungefederten Sportgeräten die Wartburg hinunterzupreschen. René Karl liebt diese Treffen. "Es ist eine Jugendkultur mit unheimlich viel Potenzial. Über den Sport findet man zueinander", schwärmt er. Doch so schön die Gemeinschaft ist, allein unterwegs zu sein, hat auch seinen Reiz. Einen Traum will sich Karl dieses Jahr erfüllen. "Mit dem Einrad über den Rennsteig."



Hintergrund:
Beliebt bei Einradfahrern sind Freestyle, Einradtanz (nach Musik elegant und grazil schwere Tricks zeigen), Bahnrennen, Einradhockey oder -basketball. In Erfurt gibt es eine Hockeymannschaft, die "Blue Phoenix". Voraussetzungen fürs Mitmachen: Sicherheit auf dem Einrad und im Umgang mit Hockeyschlägern.
Ein gutes Einrad kostet etwa 500 Euro. Es hat keine Federung - der Sportler muss bestimmte Techniken anwenden, um den Körper zu entlasten.
Schutzbekleidung: Helm, festes Schuhwerk, Knie- und Ellenbogenschoner, Rückenpanzer.
Unterwegs im Wald: Rucksack mit Wasser, Werkzeug, Zeckenzange, Verbandskasten.
2014 war Einradfahren Trendsportart des Jahres.
Zurzeit befindet sich der Einradclub Erfurt e.V. in Gründung. Weitere Mitglieder sind herzlich willkommen.
Trainingszeiten: Montag, 16 bis 18 Uhr, IGS Wendenstraße; Dienstag, 16.30 bis 18 Uhr Perspektiv e.V.; Mittwoch (ab Mitte April), 16 bis 18 Uhr, Glashütte Petersberg; Freitag, 15.15 bis 16.45 Uhr Roter Berg, Karl-Reimann-Ring
Termine: August, Erfurt-Marathon - 42 Kilometer mit dem Einrad
Ostern: GMTW in Oberhof, Bikepark am Fallbachhang. Beginn Karfreitag, 10 Uhr mit Streckeninspektion, ab 12 Uhr Downhillrennen. Samstag, ab 10 Uhr, Rundkurs. Sonntag, Trailparcours mit Hindernissen.
Zuschauer dürfen sich auf Einrädern ausprobieren.
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