Rot-Weiß Erfurt vs. Chemnitzer FC 1:0 / Keine Krise. Nirgends.

Er machte ein sehr gutes Spiel: Andre Laurito (Foto: www.fototifosi.de)

Jetzt ist sogar ein leibhaftiger Tatort-Kriminaloberkommissar Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt. Ich alpträume bereits davon, ihn eines unschuldigen Sonntagabends in der Bettwäsche meines Herzensvereins beim Fuck & Go (Tatortjungdeutsch) abgelichtet zu sehen. Den Drehbuchautoren sei überdies, aus Gründen der Glaubwürdigkeit, bei der Entwicklung dieses Charakters dringend geraten, von einer nebenberuflichen Karriere nämlichen Kommissars in der Erfurter Lokalpolitik abzusehen. Kein Fan von RWE hatte dort jemals eine Chance.

Über das Spiel gegen Chemnitz ist bereits viel geschrieben worden. Die Sichtweise auf Resultat und Spielgeschehen darf man durchaus disparat nennen. War der Sieg jetzt glücklich oder doch verdient? Nun, da für beide Zuschreibungen keine objektiven Maßstäbe existieren, liegt das letztendlich stets im Auge des Betrachters. Man vergeht sich auch nicht an den Grundsätzen der Logik, wenn man beides gleichberechtigt nebeneinander gelten lässt. So oder so, der anschwellende Bockgesang von einer Erfurter Krise ist vom Tisch. Die Mannschaft hat ihn mit einer konzentrierten, einsatzstarken und (defensiv) fehlerarmen Performance verstummen lassen. Vorläufig.

Nach dem frühen Führungstor von RWE war Chemnitz bis zum Abpfiff die eindeutig spielbestimmende Mannschaft. Vier Mal musste ein Erfurter Verteidiger den Ball von der Linie bugsieren, da kann man das Adjektiv glücklich durchaus bemühen, ohne völlig daneben zu liegen. Es sei daran erinnert, dass der CFC vor der Saison – neben Heidenheim – als erster Aspirant für den direkten Aufstieg in die 2. Liga galt. Am Samstag konnte jeder der wollte sehen, dass die Mannschaft tatsächlich nicht von Vollblinden mit Vollblinden bestückt wurde. Fußballerisch gehören die Sachsen zweifellos zu den besten Teams der Liga. Trotzdem resultierten die Chancen zum überwiegenden Teil aus Standardsituationen. Die wurden mehrheitlich von Ronny Garbuschewski getreten, dem ich in dieser fußballerischen Teil-Disziplin Bundesliganiveau attestieren würde.

Ich komme jetzt zu den Argumenten, die ins Feld führen kann, wer den Sieg der Erfurter nicht in erster Linie als glücklich bezeichnen möchte. Wie unter Gerd Schädlich war die Spielanlage des CFC sehr auf die Außenpositionen hin angelegt. Kein Wunder, sie verfügen dort mit Pfeffer und Garbuschewski über begabte Individualisten. Nach anfänglichen Unsicherheiten stellten sich die Erfurter Außenverteidiger im Verbund mit den offensiven Außenbahnspielern und dem jeweils ballnahen Innenverteidiger gut auf dieses Mittel der Wahl des CFC ein. Mit einem Wort: es wurde kollektiv gut verschoben und gegen den Ball gearbeitet. Chemnitz fand auf den Flügeln nur selten frei bespielbare Räume. Sie waren stark bei Standards, blieben auf diese allerdings auch angewiesen, um überhaupt torgefährlich zu werden. Die beiden zentralen Stürmer der Chemnitzer hatten gegen Laurito und Kleineheismann in der Regel das Nachsehen.

Ein Wort zur zweifellos starken Leistung von Andre Laurito, der noch in der Vorwoche das Epizentrum des Unmuts vieler Erfurter Anhänger war. Hierzu sollte man sich zunächst einmal die Stärken und Schwächen Lauritos vor Augen führen. Zu seinen Stärken zählen das Spiel mit dem Kopf, robuste Physis, ein sicheres Stellungsspiel, große Ruhe am Ball und eine solide Technik. Diese Vorzüge konnte er am Samstag allesamt über die gesamte Spieldauer hinweg einbringen. Rot-Weiß stand fast durchweg relativ tief und es bestand selten die Gefahr, dass Andre Lauritos größtes Manko, nämlich Schnelligkeitsdefizite gegen antrittsstarke, agile Stürmer, offenbar wurde. Es hängt meist nicht vom Willen und der Motivation der Spieler ab, ob sie ein gutes oder schlechtes Spiel abliefern, sondern ob sie mehrheitlich in Spielsituationen geraten, die ihre Stärken oder eben Schwächen hervorheben.

Diesen etwas umständlichen Satz habe ich mir deshalb zurechtgelegt, weil er gleichsam für Tunjic und Nietfeld gilt, die beiden Stürmer in der Anfangself von RWE. Beide sind, wie letztens bereits vermerkt, ähnliche Stürmertypen: groß, physisch durchsetzungsfähig, laufstark. Filigrantechniker sind sie nicht. Mir hat bei ihrem Zusammenspiel am Samstag sowohl die Breite als auch die Tiefe gefehlt. Soll heißen: sie standen zu nah beieinander, wo es besser gewesen wäre, dass sich einer als Anspielstation ins offensive Mittelfeld oder in die flügelnahen Halbräume bewegt. Wobei das nicht wirklich ihr Spiel ist, was aber nichts daran ändert, dass es notwendig gewesen wäre. Um mal wieder einen dieser coolen neuen Fußball-Termini zu benutzen: dem Angriffsspiel des RWE mangelte es an Fluidität. So wurde die Chemnitzer Abwehr ihrerseits nur sehr selten auseinandergezogen. Die langen angriffseinleitenden Bälle von RWE konnten die Verteidiger leicht neutralisieren. Der Erfurter Zielspieler im Angriff war meist die ärmste Sau auf dem Feld, weil er einen schwierig zu verarbeitenden Ball gegen eine Überzahl von Gegnern behaupten musste, was dann auch selten gelang. Dieses Problem des RWE-Offensivspiels ist nicht wirklich neu und es wird Zeit Folgendes zu konstatieren: alle bisherigen Versuche, unter formaler Beibehaltung des 4-4-2, Simon Brandstetter halbwegs adäquat zu ersetzen, müssen als mehr oder weniger gescheitert angesehen werden.

Weshalb ich für eine Änderung des Systems hin zu einem 4-2-3-1 plädiere – bis Brandstetter wieder einsatzfähig ist. Wenn es gut funktioniert auch darüber hinaus. Warum? Engelhardt und Pfingsten-Reddig haben am Samstag defensiv ein sehr gutes Spiel gemacht. Sie waren mit Abwehraufgaben allerdings weitgehend ausgelastet, dahinter musste zwangsläufig der Spielaufbau zurückstehen. In Folge davon (und weil Chemnitz früh ins Pressing ging) mussten die Stürmer meist über lange Bälle ins Spiel einbezogen werden, was meist schnell den direkten Ballverlust zur Folge hatte. Ich verspreche mir von der Implementierung eines offensiven Mittelfeldspielers schlichtweg mehr spielerische Impulse und eine höhere Passqualität. Und ich kann auch mit einem personellen Vorschlag aufwarten: Patrick Göbel hat nach meinem Dafürhalten in dieser Saison eine sehr erfreuliche Entwicklung genommen und nach seiner Einwechslung am Samstag einen quirligen, ballsicheren, laufstarken sowie selbstbewussten Eindruck hinterlassen. Er wäre der RWE-Spieler meiner Wahl für diese zentrale, offensive Aufgabe. Ganz sicher kein Zehner klassischer Prägung wie Netzer, Overath oder Riquelme, aber für die moderne Interpretation dieser Position verfügt er über alle nötigen Talente.
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