Thüringenderby - Ein paar Erinnerungen

In den Augen einen sechsjährigen Jungen sah der Mann auf dem Foto etwas einschüchternd aus. Er trug ein dunkles Trikot und mein Vater sagte, dies sei der Torhüter des FC Rot-Weiß Erfurt. Mein Vater las mir auch die Überschrift des Artikels neben dem Bild vor. Sie lautete: Weigang gegen Jena. Er seufzte und prognostizierte den weiteren Verlauf der Oberliga-Saison mit den Worten: Die werden wohl wieder Meister und wir spielen gegen den Abstieg. Nun, so schlimm kam es nicht. Jena wurde Vizemeister und der RWE immerhin Achter der Abschlusstabelle der Saison 1968/69. In diesem Spiel aber, hatte uns Horst Weigang vor einem Debakel bewahrt. Es endete nur 1:0 für den FCC.

In dieser fernen Zeit waren die Machtverhältnisse im Thüringer Fußball eindeutig geklärt. Jena war die dominierende Mannschaft des DDR-Fußball der sechziger und frühen siebziger Jahre. Der RWE pendelte zwischen Oberliga und Zweitklassigkeit. Dies änderte sich erst, nachdem es beinahe zur Eskalation gekommen war. Auf Betreiben Georg Buschners wurden in kurzer Zeit die beiden besten Erfurter Spieler Rüdiger Schnuphase und Lutz Lindemann nach Jena «delegiert». Das geschah keineswegs gegen den Willen der Spieler, hatte aber - neben sportlichen Gründen - seine Ursache in der höchst unterschiedlichen finanziellen Ausstattung die man Top-Spielern zu bieten in der Lage war. In Erfurt ging es Profifußballern gut, in Jena öffnete sich ihnen das Paradies (jedenfalls für damalige Verhältnisse). All das kann man nachlesen in einer ebenso lesenwerten wie faktenreichen Dissertation von Dr. Michael Kummer. Dort steht ebenfalls, dass einige Arbeiter der Optima Werke (des RWE-Trägerbetriebes) so wütend ob des Weggang ihrer Lieblinge waren, dass sie mit Arbeitsniederlegung drohten. Ein ungeheuerlicher Vorgang für DDR-Verhältnisse. Seitdem und bis zum Ende der DDR kam es zu keinem nennenswerten Aderlass des Erfurter Fußballs mehr.

Das hatte Folgen: Nach dem Wiederaufstieg 1972 etablierte sich der RWE fest in der Oberliga. Jena war immer noch ein Spitzenteam, verlor aber die einstige Dominanz. Seitdem ging es knapp zu bei den Derbys, obwohl Jena noch immer die Mehrzahl der Spiele gewann. An das Spiel der Spiele - das Pokalfinale 1980 - erinnere ich mich noch lebhaft. Wir kamen etwas zu spät im Stadion der Weltjugend an, wahrscheinlich weil wir Provinzeier die Größe Berlins (wenn auch nur der halben Stadt) unterschätzt hatten. Rot-Weiß spielte großartig und hatte in der zweiten Halbzeit mehrere Konterchancen um das vermutlich entscheidende zweite Tor zu erzielen. Die «neutralen» Berliner Zuschauer schlugen sich auf die Seite der Erfurter Außenseiter.

Anerkennende Worte um uns herum. Doch Jena ließ nicht nach, machte kurz vor Schluss den Ausgleich und hatte in der Verlängerung schlichtweg die bessere Kondition. Auch neben dem Platz spielte sich Spektakuläres ab, allerdings ahnte davon niemand etwas: «In ähnlicher Form griff Biermann direkt in die Gestaltung der Spielprämien auch beim FDGB-Pokalfinale im Mai 1980 ein. Der FC Rot-Weiß führte hier lange mit 1:0 gegen den FC Carl Zeiss, ehe es nach einem 1:1-Unentschieden in die Verlängerung ging. Wolfgang Biermann saß auf der Ehrentribüne und ließ die ausgelobte Siegprämie innerhalb des noch andauernden Spiels zweimal verdoppeln. Es oblag dem damaligen Clubvorsitzenden Ernst Schmidt, die Botschaft über diese jeweiligen Erhöhungen dem Trainer Hans Meyer zu übermitteln.» Das findet sich auf Seite 242 der Doktorarbeit von Michael Kummer und beruht auf einem Tonbandprotokoll des Jenaer Spielers Lutz Lindemann. An anderer Stelle wird dessen Aussage von Jürgen Heun bestätigt. Die Prämie betrug ursprünglich 2.000 Mark pro Jenaer Spieler und wurde während der Halbzeit und vor der Verlängerung auf 8.000 Mark erhöht, verkündet durch Hans Meyer. Kein Wunder, dass sie sich die Seele aus dem Leib rannten. Der Chef der Zeiss-Werke Wolfgang Biermann nutzte den schier unerschöpflichen Reichtum seines Imperiums wie ein Sultan, damit es seinen geliebten Kickern an nichts fehlte. Allerdings nur wenn sie gewannen. Wenn nicht, wütete er wie ein alttestamentarischer Rachegott. Abramowitsch nichts dagegen. Der Vollständigkeit halber sei noch hinzugefügt, dass nichts davon mit den Gesetzen der DDR in Einklang stand. Aber weder der DTSB, noch der Fußballverband der DDR konnten und wollten dagegen vorgehen, weil Biermann ein alter Duzfreund Erich Honeckers war. Er war mithin unberührbar.

Wenn man das liest ist man ja fast schon froh, dass heute beide Vereine arm wie eine Kirchenmaus sind. Es lebe die Chancengleichheit!

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Hannelore Grünler aus Artern | 16.12.2011 | 17:10  
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