Der Dicke und die roten Schuhe - Steppen zwischen Licht und Schatten

Bernhard Prodoehl. Foto: Heyder
 
Verschmelzen zu einer Bühnenfigur. Foto: Heyder
Erfurt: Theater |

Spiel mit Puppen, Menschen und Schuhen, Rhythmus und Tanz - Der Dicke und die roten Schuhe

Gemeinsam haben die Dramaturgin Susanne Heinke und der Stepptänzer Bernhard Prodoehl ein Stück entwickelt und überspringen damit die Grenzen zweier völlig verschiedener Genres. Sie lassen Puppen, ganz anders als sonst. Und das kommt so: Ein Stepptänzer, der den Höhepunkt seiner Karriere längst überschritten hat, findet sich nach einem verpatzten Auftritt vor dem verschlossenen Hinterausgang eines Theaters wieder. Seine roten Tanzschuhe landen im Müll. Ein dicker Flaschensammler findet diese Schuhe. Von nun an ist für ihn nichts mehr, wie es war. Die Schuhe scheinen magische Kräfte zu besitzen: Plötzlich tanzt der Dicke und erobert die Bühne. Eine Traumtänzerin erscheint in einem winzigen Theater, der ehemalige Bühnenstar verliebt sich und bringt mit seinen Füßen und Händen die Welt zum Klingen. Ein Stück Theater mit Musik und ohne Worte für einen Stepptänzer und eine Puppenspielerin, zwei Puppen, eine Mülltonne, einen Hausmeister – und ein Paar rote Schuhe.

Stepptanz und Puppentheater, wie passt das zusammen?

Susanne Heinke: Stepptanz und Puppentheater ist sicher eine ungewöhnliche Kombination. Puppenspiel und Musik, Puppenspiel und Oper gibt es schon länger und auch ganz erfolgreich. Tanzende Puppen gibt es nicht erst seit Jim Henson's Muppet Show. (Wobei man dazu sagen muss, dass man Puppenspieler mit der abgegriffenen Redewendung „die Puppen zum tanzen bringen“ wenig begeistern kann, da Puppenspiel weil mehr ist als hin und her wackeln). Dasselbe trifft auf den modernen Stepptanz, der sich auch immer weiter entwickelt hat in seinen Ausdrucksmöglichkeiten. Die Idee der Zusammenarbeit entstand spontan, als wir uns kennenlernten, wir probierten aus und stellten fest, dass diese beiden Künste sehr wohl zusammen passen und dass eine Puppe sogar Stepptanz kann.

Was ist die besondere Herausforderung bei dieser Art von Stoff, wenn man verschiedene Genre verbindet?
Susanne Heinke: Die Herausforderung liegt darin, sich auf die jeweils andere Kunstform einzulassen, Neuland zu betreten. So musste Bernhard als Tänzer lernen, eine Puppe zu führen, das bedurfte vieler Stunden Übung vor dem Spiegel und intensiver gemeinsamer Proben. Es ist auch eine Herausforderung für einen Profi wie ihn, eine Rollenfigur zu spielen, die im Gegensatz zu ihm selbst steht: klein, untersetzt, behäbig und eher unbeweglich und dann auch noch überzeugen darzustellen, dass man das erste mal Steppschuhe anhat und ganz unmusikalisch ist. Nicht ganz einfach für jemanden wie Bernhard, der praktisch den Rhythmus im Blut hat und den ganzen Tag immerzu irgendwo klappert.

Wie haben Sie beide die Charaktere entwickelt?
Susanne Heinke: Die Anlage der Charaktere – auf der einen Seite der arrogante, etwas abgehalfterte Bühnenstar, auf der anderen Seite derjenige, der weniger Glück im Leben hatte, nicht so gut aussieht und nie auf der Bühne stehen würde – war von Anfang an als Grundidee vorhanden. Und Bernhard sollte diese Doppelrolle spielen. Es sollte eine Art Rollentausch werden. Was passiert, wenn alles anders kommt? Wird man wirklich glücklich im Leben eines anderen? Oder muss man nicht vielmehr im eigenen Leben die Augen und das Herz offen halten für das, was einem so begegnet?

Wie kann man sich das auf der Bühne vorstellen, Puppentheater klassisch hinter einem Vorhang?
Susanne Heinke: Gespielt wird in offener Spielweise und nicht klassisch verdeckt. Lediglich die kleine Traumtänzerin in ihrem Theater wird nicht offen gespielt. Beim Dicken ist der Spieler zwar sichtbar auf der Bühne, er wird aber durch schwarze Kleidung fast 'unsichtbar'.


Müssen Steppschuhe denn immer rot oder schwarz sein? Woher kommt das?
Bernhard Prodoehl: Der klassische Steppschuh ist aus Leder und eigentlich schwarz/weiß oder schwarz und entspricht der Schuhmode der 30er bis 50er Jahre. In den ersten schwarz/weiß Filmen hat Farbe wohl eher eine untergeordnete Rolle gespielt. Auf der Bühne kann natürlich jede Lederfarbe verwendet werden. Rote Schuhe sind besonders für die Bühne geeignet, da sie in dieser Farbe besonders gut zu sehen sind. Der berühmte Film „Die roten Schuhe“ von 1948 ist ein Ballettfilm und hat mit Stepptanz nichts zu tun.

Wie genau wird der Klang der Schuhe erzeugt?
Bernhard Prodoehl: Die ersten Schuhe zum steppen hatten Holz oder Nägel an den Sohlen um den Rhythmus zu verstärken. Heute verwendet man pro Schuh zwei Platten (taps) aus einer Aluminium-Legierung, um die Töne gut hörbar zu machen. Eine Platte wird unter dem Absatz (Heels) und eine unter dem Ballen (Toe) mit je 3 Schrauben befestigt. An der Auflagefläche zur Sohle sind sie hohl und klingen dadurch noch heller. Damit sind ganz verschiedene Sounds möglich, je nach dem mit welchen Teil der Platte der Boden berührt wird: ein "toe" ist ein Schlag mit der Schuhspitze senkrecht zum Boden. Der Sound ist hart und hat, wegen des Gewichtes des Beines mit dem er erzeugt wird, einen höheren Anteil an tiefen Frequenzen, da der Bühnenboden selbst mitschwingt. Ein „heel“ wird mit dem Absatz erzeugt. Da hier das Gewicht des ganzen Körpers eingesetzt wird, hat er weniger Obertöne - dafür einen richtigen „Bums“. Ein „brush“ streichelt den Boden nur mit dem Ballen und ist deswegen leicht und hell. Beim „Sanddance“ wird Sand in eine flache Kiste gestreut und mit Schuhen, die nur eine Ledersohle haben – ohne Platten – betanzt. Die unter Anderem daraus entstehenden Schleifgeräusche geben dem Rhythmus eine besondere Note. Der Sound ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch des Untergrundes, auf dem gesteppt wird.


Muss man da bei der Mikrophonierung etwas beachten?
Bernhard Prodoehl: Auf Bühnen mit einem guten Holzboden in einem Raum mit bis zu 60 Zuschauern ist es eigentlich nicht notwendig Stepptanz auf elektronischem Wege zu verstärken. Ist der Saal größer benötigt man Mikrofone, die den Steppsound über eine größere Tonanlage hörbar machen. Vor allem wenn man mit einer Live-Band spielt. Bis Ende der 90er Jahre wurden dafür Richtmikrofone verwendet. Diese Mikrofone nehmen den Schall aus einer bestimmten Richtung, aus einem bestimmten Feld auf. Der Nachteil: dieses Feld ist relativ begrenzt. Außerhalb dieses Bereiches ist der Schalldruck der Steppgeräusche zu gering, um ausreichend übertragen zu werden. Der Lieblingskommentar für einen Stepptänzer: „Sah toll aus, war aber kaum zu hören ...“. Heute werden sog. Avaliermikrophone oder auch Ansteckmikrophone verwendet. Eigentlich müsste man sagen „zweckentfremdet“, denn sie wurden entwickelt um Sprache drahtlos, per Funk mit einem Sender, denn man am Körper trägt, zu einem Empfänger zu schicken und von dort aus über ein Mischpult zur Verstärkeranlage. Der Vorteil: egal wo man sich auf der Bühne befindet, man hat immer den gleichen Sound. Der Mikrophonkopf ist nur ungefähr so groß wie der Druckknopf eines Kugelschreibers. Für die Abnahme von Stepptanz wird ein einziges Mikrofon auf die Innenseite eines Steppschuhs mit Klebeband befestigt. Seine Rundumcharakteristik (Kugelkopf) sorgt dafür, dass die Sounds von beiden Schuhen gut übertragen werden. Nur drauf treten darf man nicht!

Gibt es eine spezielle Beleuchtung?
Bernhard Prodoehl: In diesem Fall muss die Beleuchtung möglichst punktuell sein, damit der Spieler verschwindet und die Puppe im Licht steht. Das gelingt aber nie vollständig. Daher ist es die Kunst des Puppenspielers der Figur soviel Leben einzuhauchen, das die Aufmerksamkeit des Publikums ganz bei der Puppe ist. Der Spieler dahinter wird dann nicht mehr wirklich wahrgenommen.


Termin: 27. Juni, 20 Uhr, Der Dicke und die roten Schuhe, Genre: Musikt­heater, Konzert, Performance, Theater Erfurt, Studio, Theaterplatz 1

Die Geschichte: Ein Stepptänzer, der den Höhe­punkt seiner ­Karriere längst überschritten hat, findet sich nach einem verpatzten Auftritt vor dem verschlossenen Hinterausgang eines Theaters wieder. Seine roten Tanzschuhe landen im Müll. Ein dicker Flaschensammler findet diese Schuhe. Von nun an ist für ihn nichts mehr, wie es war. Die Schuhe scheinen magische Kräfte zu besitzen: Plötzlich tanzt der Dicke und erobert die Bühne. Eine Traumtänzerin erscheint in einem winzigen Theater, der ehemalige Bühnenstar verliebt sich und bringt mit seinen Füßen und Händen die Welt zum Klingen. Ein Stück Theater mit Musik und ohne Worte für einen Stepptänzer und eine Puppenspielerin, zwei Puppen, eine Mülltonne, einen Hausmeister - und ein Paar rote Schuhe.

Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige