Die Sandwich-Methode des Toastmasters

Die sprechenden Puff­bohnen treffen sich ­regelmäßig, um Reden zu halten. Hinten rechts steht Präsident Jan schmeiser neben Angelika Höfer.Fotos: Steinfeld
 
Das goldene Sparschwein freut sich über jeden sprachlichen Ausrutscher.
Erfurt: Sprechende Puffbohnen |

Auch wenn einige Begriffe der Thüringer Truppe nach geschmierten Weißbrotstullen klingen, trainieren die sprechenden Puffbohnen eigentlich, gute Reden zu halten.

Das waren jetzt doch ein paar Ähms zu viel. Jan Schmeiser seufzt und presst frustriert die Lippen aufein­ander. Dafür grinst das goldene Sparschwein. Jedes Füllwort, das dem Club-Präsidenten gerade entwichen ist, bedeutet fünf Cent für die Vereinskasse. Wie ein Fernsehrichter klopft er nach seinen Begrüßungsworten mit einem schmalen Holzhammer aufs Pult. Das Treffen der „sprechenden Puffbohnen“ ist eröffnet.

Die einzige Gruppe der Thüringer Toastmasters ist nach mehreren Umzügen durch Erfurt derzeit in einem Wahlkreisbüro der Linken untergekommen. Nur eine Hand voll potenzieller Redner sitzt an diesem Mittwochabend um ein paar Tische, die zur langen Tafel zusammengeschoben wurden. Trotzdem geht es hier offiziell zu wie bei einem Staatstreffen. Auf die Rituale und die festen Strukturen des international organisierten Clubs will hier keiner verzichten. Gegenseitig schütteln sich die Erfurter also die Hände, sprechen sich plötzlich mit „Meine Damen und Herren“ an und spenden allen gesprochenen Worte am Abend höflich Applaus.

„Ein Toastmaster heißt übersetzt Zeremonienmeister“, erläutert Schmeiser den Hintergrund des Prozedere. „Er ist der Moderator bei einer Festivität – einer Hochzeit oder einem Geburtstag. Dort gibt er den Ton an, kündigt die Programmpunkte an, hält die Reden. Dafür ist es notwendig, gut reden zu können. Niemand hört gerne einer piepsigen Stimme oder ständigen Ähs zu.“

Treffen sich heute die Thüringer Toastmasters alle zwei Wochen, geht es weniger um Trinksprüche. Geredet werden darf aber über so ziemlich alles. „Ich könnte über meine Katze sprechen oder meinen Chef. Verboten sind nur Religion, Politik und anzügliche Dinge“, erklärt Angelika Höfer, die während ihres Studiums zum Club stieß. Um das Eis zu brechen, soll jeder zu Beginn spontan über sein vergangenes Wochen­ende sprechen. Der Zuhörer merkt schnell: Nur weil das Thema trivial ist, muss es nicht leicht sein, spontan darüber zu reden.

Jan Schmeiser ist seit zwei Jahren dabei. „Ich habe mich schon immer dafür inte­ressiert, Reden zu halten.“ Früher hat er fertige Sprüche oder Gedichte im Internet gesucht. Das reichte ihm irgendwann nicht mehr. „Das Konzept von Toastmasters fand ich sehr interessant. Ich wusste, dass ich etwas an meiner Rede­fähigkeit verbessern konnte, aber nicht wie.“ Über eine Bekannte wurde er auf die Gruppe in Erfurt aufmerksam. „Die Atmosphäre hat gepasst, alles war sehr familiär und freundschaftlich.“ Angelika Höfer stimmt zu: „Für die ersten Reden habe ich gleich ein Lob bekommen. Das ist wie Applaus für einen Musiker auf der Bühne. Es ist ein feines Gefühl, vorne zu stehen und alle hören einem zu.“

Am Abend werden zwei Reden gehalten, eine auf Deutsch, eine auf Englisch, das sich als Geschäftssprache  auch in  ­Thüringen ­immer mehr durchsetzt. Mal steht bei den Reden die Körpersprache im Vordergrund, mal die Leidenschaft beim Vortragen. Trainiert wird ebenso, aus dem Stegreif zu reden oder Witze zu ­erzählen. Einer zählt die „Mhms“ und „Ähs“ oder stoppt die Zeit. Schaltet die kleine Ampel auf Rot, ist die Redezeit abgelaufen. „Es ist wichtig, dass man auf den Punkt kommt. In Geschäftsmeetings hat man auch nicht alle Zeit der Welt“, erklärt Höfer.

Noch wichtiger als das Reden ist für die Toastmasters allerdings das Zuhören. Denn nach jeder Rede bewertet ein anderes Mitglied den Vortrag und zwar stets fair und konstruktiv. Ständige Nörgeleien demotivieren nur. Deshalb bevorzugen die „sprechenden Puffbohnen“ die Sandwich-­Methode, die allerdings nichts mit Essen zu tun hat. Doch wie beim Sandwich der Belag von zwei Weißbrotscheiben umhüllt ist, werden auch die kritischen Verbesserungsvorschläge mit reichlich Lob weich verpackt. „Natürlich bekommt man auch ein klares Feedback, ob man herumzappelt, zu leise ist oder eben ­monoton redet“, berichtet Höfer. „Das ist wichtig, damit man sich immer verbessern kann. Bei mir war es die Aussprache. Je nervöser ich war, desto schneller bin ich geworden.“ Vor allem ihr Lampenfieber sei gesunken; „Ich bin selbstsicherer ­geworden und weiß, wenn ich vorne stehe, dass mich keiner auffrisst.“

Ein großer Motivationskick sind ebenso die Wettbewerbe, die zweimal jährlich stattfinden. Im Ausscheidungsverfahren kann man sich bis ins Ausland reden. Wer sich qualifiziert, bekommt die Reisekosten von Toastmasters bezahlt. So ein wenig träumt deshalb jede „sprechende Puffbohne“ davon, einmal zum Finale in die USA zu fliegen.


Hintergrund

Toastmasters Inter­national gibt es jetzt seit 90 Jahren. Ralph Smedley gründete die gemeinnützige Gesellschaft in den USA, um die Kunst des öffentlichen Redens zu fördern.
• Toastmasters organisieren sich weltweit in etwa 14 350 Clubs in rund 122 Ländern mit über 292 000 aktiven Mitgliedern. Der einzige Thüringer Club existiert seit 2006 und sitzt in Erfurt. Die Treffen finden an jedem zweiten Mittwoch in der Johannesstraße 49 statt.
• Unter den Thüringer Toastmasters sind die BürgerReporter Catherine Delos Santos und Angelika Höfer, die auf meinAnzeiger.de über die „sprechenden Puffbohnen“ berichten.


Tipps der sprechenden Puffbohnen:

• Übung macht den Meister: Verbessern kann sich nur, wer regelmäßig Reden hält.
• Hilfreich ist es, über Themen zu reden, die einen selbst auch interessieren.
• Vor dem Spiegel zu reden, ist gut. Auf längere Sicht sind aber das Feedback und die Unterstützung anderer notwendig, um sich verbessern zu können.
• Schweigen lernen: Eine gut gewählte Pause macht die Rede spannender und der Redner gewinnt Zeit, ein bisschen nachzudenken und die Rede auf den Punkt zu bringen.
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2 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 03.10.2014 | 05:48  
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Renate Jung aus Erfurt | 05.10.2014 | 18:04  
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