Mehr Willkür als Demokratie: Streit um Therapiehof in Stotternheim

  Erfurt: Reit- und Therapiehof Kinderleicht e. V. |

Kinder weinen, weil ihnen derzeit keine Reitstunden angeboten werden können und sie vom Hof geschickt werden müssen, die AG Reiten der Stotternheimer Grundschule und der Förder-AG Reiten für den Erfurter Kindergarten „Spatzennest“liegen buchstäblich auf Eis, weil der Reitverein Kinderleicht keine Aufwärmmöglichkeiten mehr hat und eine Nutzung der Toiletten unmöglich gemacht wurde.

Die mehrheitlich minderjährigen Mitglieder des Reit- und Therpiehof Kinderleicht e.V. erfahren derzeit mehr Willkür als Demokratie. Es begann im Juni 2011 mit einem Schreiben der Erfurter Sportbetriebe zur Androhung der Nutzungsuntersagung für das Gelände und die Gebäude des Hofes, in dem auch zu lesen ist, dass man den Verein bei der Suche nach einem neuen Domizil unterstützen wolle. Alle Vorschläge seitens des Vereines, dem es um dessen Erhalt geht, wurden kurz abgelehnt und eine Verteilung der Pferde auf umliegende Höfe, was im Sinne der Sportbetriebe gewesen war, hätte nach kurzer Zeit das Aus für die Vereinsarbeit bedeutet, weil das logistisch nicht zu bewältigen ist.

Alle Aktivitäten beruhen auf ehrenamtlichem Engagement. Der Verein bietet als einziger in der Erfurter Umgebung Reiten für Kinder ab 3 Jahren an und ist bemüht, den als vielerorts elitär geltenden Sport für jeden zugänglich zu machen, was bisher auch gelang. Allein in den letzten zwei Jahren konnte die Zahl der Mitglieder vervierfacht werden, die monatlichen Beiträge sind bezahlbar und können mit Bildungsgutscheinen gestützt werden. Daraus ergibt sich ein Nebeneinander an Mitgliedern aus allen sozialen Schichten und durch die in den Verein eingebundene Reittherapie ist es auch schon gelungen, beeinträchtigte Kinder in den „normalen“ Reitbetrieb zu integrieren. Der Verein betreibt wertvolle Kinder- und Jugendarbeit in einem Sport, der sonst vielen nicht zugänglich wäre und vermittelt Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit den Tieren, was auch gerade der städtischen Jugend von zu Hause aus häufig nicht möglich ist.

Aber all das interessiert die Erfurter Sportbetriebe als Teil der Stadtverwaltung und Eigentümer des Grundstückes herzlich wenig. Der Verein soll nach nunmehr über 20 Jahren so schnell wie möglich von dort verschwinden- egal wie. Das Grundstück verspricht beim Verkauf eine ordentliche Finanzspritze für die leeren Kassen der Stadt. Allerdings wurde bereits im Aufstellungsbeschluss zum Bebauungsplan STO 600 „Walter-Rein-Straße“eine „Bewältigung der Nutzungskonflikte zwischen dem Reitsport und einer Weiterentwicklung der Wohnnutzung“ festgeschrieben. Schließlich fand der Verein die Kündigung des Nutzungsverhältnisses für das Vereinsgelände zum 31.12.2012 im Briefkasten.

Dies veranlasste ihn, einen Einwohnerantrag in die Wege zu leiten und sich beim Erfurter Stadtrat und in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. Die Stadtratssitzung am 26.9.2012 beschließt, dass die Kündigung zurückgenommen werden soll, die Sportbetriebe Gespräche führen über die „grundsätzlichen Voraussetzungen für eine Nutzung und die Perspektiven für den Erhalt des Reit- und Therapiehofes“, die „tatsächlichen baulichen Kosten zur Erteilung einer Baugenehmigung der Reithalle“ zu ermitteln sind und der Bestand des Reiterhofes planungstechnisch abzusichern sei, so auch nachzulesen im Amtsblatt vom 2.11.2012.

Leider sollte der Verein in der nächsten Zukunft nur erfahren, wie geduldig Papier ist und wie wenig wert der Stadtverwaltung die Unterschrift eines Oberbürgermeisters. Die Gespräche zum Erhalt bezogen sich lediglich auf die Aussicht auf eine erhebliche Erhöhung der Pacht, wenn man denn etwas sanieren würde, die Ermittlung der baulichen Kosten mündeten in einer Studie, die dem Gebäude, das als Reithalle genutzt wurde, eine Einsturzgefahr bei Zusammenspiel der Faktoren dreißig Zentimeter Schneelast auf dem Dach, Sturm und gleichzeitig einer Erschütterung innerhalb der Halle, wenn zum Beispiel ein Pferd vor einen Pfeiler läuft, bescheinigt und die eine Luxussanierung vorsieht, die einem Schockemöhle zur Ehre gereicht hätte. Dabei ließe sich die Halle mit geringem finanziellem Aufwand wieder sicher machen, wie ein zweites Architekturbüro geäußert hatte. Auch ist verwunderlich, dass sich keine Baugenehmigung finden lassen will, obwohl das Dach der (maroden?) Halle auf Veranlassung der Sportbetriebe erst 2002 (?) mit schwereren Ziegeln neu eingedeckt wurde.

Nach wie vor wird nichts unternommen, diese Widersprüche aufzuklären und von einer planungstechnischen Absicherung hat der Verein bis heute keine Kunde, aber jede Menge Emails der Sportbetriebe vorliegen, in denen Unterstützung vollmundig bekundet wird.

Auf Grundlage der Studie wurde die Halle sofort gesperrt, der Verein hatte eine Woche Zeit das Ganze zu räumen und innerhalb zweier Wochenendaktionen entstand ein Außenreitplatz, damit der Vereinsbetrieb weiter gehen und die Pferde bewegt werden können. Allerdings befindet sich in dem Gebäude mit der Halle auch der Sanitärtrakt, der gleich mit gesperrt wurde, obwohl von den Ingenieuren gar nicht besichtigt. Eine Wand trennt die Halle von Garage und Toiletten, die beide noch zusätzlich eine Betondecke haben. Hier machte man sich nicht die Mühe, die Gebäudeteile voneinander getrennt zu betrachten.
Des Weiteren befinden sich im gleichen Gebäude sieben Pferdeboxen, deren fünf Bewohner den Winter auf der Koppel beziehungsweise in auch in Windeseile errichteten Notunterkünften, für deren Materialkosten die Stadt aufkam, auf einem Privathof in Nöda verbrachten. Aber eine wirkliche Perspektive ist das alles nicht.

Die Maßnahmen den Verein zu vertreiben, gipfelten bisher darin, dass am Samstag, dem 9.2.2013, morgens der Stromzähler ausgebaut wurde, immerhin mit einer Vorankündigung am Vorabend bei der Vorsitzenden Frau Hammerschmidt. Man hätte angeblich schon seit vier Tagen versucht jemanden zu erreichen, was nicht gelungen sei, aber kein Vorstandsmitglied hatte einen Anruf oder eine Email im Protokoll. Und der Stadtrat oder der OB hätten hier sowieso nichts zu melden, so die Aussage des Mitarbeiters.

Der Verein hatte also am 27.2.2013 wieder einen Termin in der Stadtratssitzung, wo die Sportbetriebe zu dieser Aktion Stellung nehmen sollten. Es ist gekündigt und damit de facto keiner mehr da und da könne man den Zähler auch ausbauen, so hieß es seitens der Stadt. Es steht nun die Frage, ob hier rechtens gehandelt wurde, denn eigentlich fällt Stromlieferung in die Kompetenzen der Stadtwerke.
Mit Recht fragt sich nun auch der Stadtrat, wozu er eigentlich da ist, wenn seine Beschlüsse so vehement ignoriert werden. Nach über zweistündiger Diskussion wurde mehrheitlich dafür gestimmt, dass der Stromzähler wieder einzubauen sei und Voraussetzungen zum Weiterbetrieb auch in Bezug auf die Nutzung der Nebengebäude, in denen sich Umkleide, Futter- und Sattellager befinden, geschaffen werden sollen. Auf beides wartet der Verein bis heute.
Stattdessen befanden sich am nächsten Tag sogleich „Betreten verboten“- Schilder mit Strafandrohung an der Hallentür und mit Strom hilft glücklicherweise der Nachbar.

Dass es in Deutschland auch anders geht, zeigt derKinder- und Jugend-, Reit- und Fahrverein Zehlendorf e.V. (KJRFV) mit dem gleichen Konzept und viermal größer. Dieser Verein erhält Förderungen, die seinen Fortbestand seit nunmehr dreißig Jahren sichern und die Gründerin Ilse Spreenwurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, weil sie es geschafft hat, den Reitsport für jeden zugänglich zu machen. In Erfurt scheint so etwas nicht gewollt zu sein.
Man hat den Eindruck, dass es hier um Machtgerangel geht, wer hat wem etwas zu sagen. Nur dass es auf dem Rücken vieler auch benachteiligter Kinder und Jugendliche und der Tiere des Hofes ausgetragen wird, scheint aus dem Blickfeld gerückt zu sein. Auch Paragraphen bieten Ermessensspielräume und mit etwas gutem Willen seitens der Stadtverwaltung ließe sich die Sicherheit sehr schnell wieder herstellen, oder auch eine Alternative finden, zu der seitens des Vereins bereits ein Vorschlag vorliegt, der dem Stadtrat wie vereinbart im Oktober vorgelegt wird. Immerhin weiß der Verein den Stadtrat noch auf seiner Seite und er hofft, dass es so bleibt, ihm sinnvolle Kinder- und Jugendarbeit am Herzen liegt und nicht nur das nächste Wahlergebnis.
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2 Kommentare
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Herbert Rietz aus Erfurt | 12.03.2013 | 17:58  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 12.03.2013 | 22:50  
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