„Aghet“ - Gera erinnert an den Völkermord an den Armeniern

Todesmarsch (Foto: (Foto: http://genocide-museum.am/eng/armin_wegner.php Wallstein Verlag, Germany. All rights reserved))
Gera: Trinitatiskirche | ökumenischer Gedenkgottesdienst
Völkermord an den Armeniern
So, 26. April 17:00 Uhr St. Trinitatis Gera

„Aghet“ die Katastrophe, so wird vom Armenischen Volk der Genozid genannt. Der 24. April erinnert an den Völkermord, der 1915 seinen Ausgang nahm und bis zu 1,5 Millionen Menschen – Armenier, Aramäer, Syrer, Griechen tötete. Es war eine ethnische Säuberung in einem grauenvollen Ausmaß. Es kam bereits vorher, seit 1884 im Osmanischen Reich immer wieder zu Pogromen und Gräueltäten an der armenischen Bevölkerung, doch mit dem 1. Weltkrieg nahm das Morden systematische, geplante Dimension an. Ohne jeden Zweifel wurde hier ein Völkermord vollzogen. Die Verfolgung hatte dabei nicht allein ethnische, sondern auch religiöse Bedeutung. Es handelte sich auch um eine Christenverfolgung.

Trauer. Der Schmerz wird erneut spürbar. Das Vergangene, längst Geschehene wird wieder gegenwärtig. Stellvertretend für die Opfer fühlen nachfolgende Generationen auf ihre Weise die Angst, die Ohnmacht, die Entwürdigung. Nur wer zu Trauern lernt, hat die Chance zu überleben.
Trauer findet im eigenen Herzen seinen Platz. Sie ist individuell, sehr persönlich. Es gibt Fotografien der Opfer, ihre Namen wurden aufgeschrieben. Armenische und aramäische Familien beklagen den Tod von Angehörigen. Jeder Armenier, jede Armenierin sucht nach dem eigenen Weg, mit diesen Ereignissen zu leben, die vor 100 Jahren geschahen und noch immer das armenische Dasein Heute beeinflussen.

Trauer sollte dabei nicht zur Vereinsamung führen. Es hilft gemeinsam zu trauern. Der Schmerz wird geteilt. Wir können Trauer gemeinsam tragen, um sie erträglicher zu machen. Das Armenische Volk hat Formen gefunden, die Erinnerungen, den Schmerz, die Trauer miteinander zu ertragen. Es ist tief berührend, wie sie es tun, wie sie Aghet, die Katastrophe, den Völkermord im gemeinschaftlichen Gedächtnis bewahren.

Wir können Trauer gemeinsam tragen, um sie erträglicher zu machen. Nicht nur in Armenien; weltweit fanden Erinnerungsveranstaltungen statt. Darunter wurden in ökumenischer Weite in zahlreichen Ländern mit Gottesdiensten des Völkermordes gedacht. Als Christen trauern wir mit unseren armenischen Geschwistern. Wir stellen uns an ihre Seite und bringen mit ihnen unseren Schmerz zu Gott. Und Gott nimmt diese Trauer, diesen Schmerz auf sich, wie er es mit Christus auf Golgatha bereits getan hat.

Es sind Menschen, die um der Not anderer Menschen willen Klagen. Es sind Brüder und Schwestern der großen Menschenfamilie, es sind Kinder Eva & Adams, es sind Muslime, Alewiten, Juden, Atheisten und Bahai und noch viele Weitere, die mit dem Armenischen Volk zusammen trauern, die mit dem Armenischen Volk zusammen die Erinnerung an ein großes Leid wach halten und den Opfern Würde und Anerkennung erweisen.

Es sind auch türkische, kurdische und deutsche Menschen, die mittrauern. Sie beklagen die Opfer des Genozids, und sie beklagen die Beteiligung ihrer eigenen Nation an diesem Verbrechen. Scham über Schuld mischt sich in die Trauer. Sie verleugnen nicht die historische Verantwortung, sie relativieren nicht die schrecklichen Tatsachen. Damit, dass sie den Völkermord beim Namen nennen, geben sie den Opfern ihre Menschlichkeit zurück, die ihnen einst genommen wurde. Nur wer den Mut zum Trauern findet, hat die Möglichkeit zu überleben.

Doch mischt sich auch Wut in die Trauer hinein. Wer Hinterbliebene begleitet, weiß dass dies zum Weg dazugehört, mit dem Schrecklichen leben zu lernen. Aktuell ist es die Wut darüber, wie die türkische Regierung mit dem historischen Geschehen umgeht. Statt Trauer, Mitgefühl und Einsicht bieten die Verantwortlichen ein zynisches Debakel voll mit Selbstrelativierung, Verdrängung und Verleugnung. Provokativ wird ausgerechnet am Gedenktag des Genozides ein nationales Spektakel aufgeführt, eine militaristische Inszenierung, die angebliche Heldentaten der Osmanen im 1. Weltkrieg feiert. Und nicht ein Wort zu dem Völkermord. Stattdessen hysterische Reaktionen auf internationale Persönlichkeiten, die den Völkermord beim Namen nennen. Es gibt Hoffnung, dass türkische Menschen selbst sich diesem unwürdigen Verhalten entziehen und den Mut haben, mit dem Armenischen Volk zu trauern. Sie haben erkannt: die Anerkennung von Schuld öffnet den Weg zur Versöhnung; einer Versöhnung, die für das armenische wie türkische Volk heilsam werden kann.

Trauer. Der Schmerz bleibt aktuell.
Auch gegenwärtig werden Menschen deportiert, interniert, gefoltert und ermordet. Auch in unseren Tagen sind Menschen wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit, wegen ihrer Religion, Kultur, Lebensweise, sexuellen Orientierung, Geschlechtszugehörigkeit, wegen ihres Einsatzes für Menschlichkeit und ihres Mutes zur Wahrheit der Verfolgung ausgesetzt. Sie müssen um Freiheit, Unversehrtheit und Leben bangen. Staaten und Paramilitärs über systematischen Terror aus. Auch in unseren Tagen müssen wir Völkermord beim Namen nennen. Nicht nur im Mittelmeer sterben tausende Menschen, die vor Krieg, Gewalt und Entwürdigung auf der Flucht sind.

Und so wollen wir in diesem Gottesdienst gemeinsam trauern – um die Opfer des Völkermordes vor 100 Jahren; um die Menschen, die heute dem Hass, der Gewalt, dem Terror zum Opfer fallen. Die Erinnerung daran, dass vor 100 Jahren Menschen – Frauen, Kinder, Alte, Gebrechliche, junge und alte Männer – ihren Peinigern schutzlos ausgeliefert waren und dass andere Menschen kaum etwas getan haben, um die Bedrohten zu retten, das andere Menschen einfach weggeschaut und geschwiegen und so das Massenmorden möglich gemacht haben, diese Erinnerung ist nun auch ein Auftrag an uns heute, dort hinzuschauen, zu reden und zu handeln, wo Menschen ihrer Würde und Menschlichkeit beraubt werden.

In unsere Trauer mischt sich Scham und Wut, vor allem aber auch Hoffnung, „Aghet“ – das Geschehen vor 100 Jahren als Auftrag zu begreifen. Nur wer zu Trauern lernt, hat die Chance zu überleben. Ergreifen wir die Chance, um auch Anderen zum Überleben zu helfen.
Gott gebe uns dazu seinen Segen!
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