Auf und Ab von Geras Linien - In der Otto-Dix-Stadt verkehrt die zweitälteste elektrische Straßenbahn Deutschlands

Mike Strunkowski ist Initiator und Betreiber der Internetseite www.gera-chronik.de, welche es seit 2005 gibt. Zusammen mit anderen Geraer Urgesteinen und mit Hilfe des Stadtarchivs sammelt er alles zur Chronik der Stadt. Dazu gehört auch die Geschichte der Straßenbahn. Diese ist detailliert auf den Seiten zu finden. Die verschiedenen Themen zur Chronik umfassen nach seinen Aussagen bis heute ca. 4000 Seiten.
 
(Foto: Gera Chronik)
Gera: Innenstadt | Viele Fahrzeuge gab es 1886 nicht, trotzdem führte man damals in Gera eine Verkehrszählung durch. Demnach überquerten täglich durchschnittlich 8770 Fußgänger und 490 Pferdegeschirre den Kontrollpunkt. Mit der Zählung sollte die wirtschaftliche Rentabilität zum Bau einer Straßenbahn geprüft werden. Anträge dafür waren schon seit Jahren auf den Weg gebracht worden. „Die Stadt dehnte sich damals durch die Industrialisierung aus und die Arbeiter der Kombinate sollten schnell von der Wohnung zur Arbeit transportiert werden, da die Wege zu Fuß immer länger wurden“, erklärt Hobbyhistoriker Mike Strunkowski.

1888 wurde schließlich die Geraer Straßenbahn Aktien Gesellschaft gegründet. Im Januar 1892 eröffnete die Gesellschaft ihren Betrieb, indem sie zunächst die Beförderung von Gütern übernahm. Bereits zwei Monate später wurden zwei öffentliche Straßenbahnlinien eröffnet, welche zwischen Debschwitz, Tinz und Lindenthal, Pforten, Untermhaus verkehrten. Gera war nun nach Halle an der Saale die zweite Stadt Deutschlands, in der eine elektrische Straßenbahn den innerstädtischen Verkehr übernahm. „Durch die Bahn wurde Gera zum Besuchermagneten, denn es war damals ein Erlebnis, mit rasantem Tempo durch die Stadt zu fahren“, weiß Mike Strunkowski. In den Folgejahren wurden die Strecken weiter ausgebaut, die Waggons komfortabler. Außerdem rückten die Mitarbeiter in den Mittelpunkt. „So versuchte man schon zeitig, Tarifverträge abzuschließen, was 1918 glückte“, erzählt der Geraer begeistert weiter.

Nicht allein die Straßenbahn brachte Gera ins Gespräch. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges bekam die Stadt mit der ersten O-Bus-Linie Zuwachs im Stadtverkehr. Dieser wurde ebenfalls über elektrische Oberleitungen angetrieben, war aber nicht vom Schienenverlauf abhängig. Auch hier war man Vorreiter, da es die erste O-Bus-Linie Thüringens war, die zwischen dem Rossplatz, Leumnitz und dem Reusspark verkehrte. „In der DDR war die Straßenbahn für viele Hauptbeförderungsmittel“, erinnert sich Strunkowski. Sie fuhr jetzt im Zehn-Minuten-Takt und ab den 60er-Jahren sogar im 7,5-Minuten Takt. In den Folgejahren wurde noch viel umgebaut. Theater und Hauptbahnhof waren per Straßenbahn bald nicht mehr zu erreichen. 1977 kam das Ende für die O-Bus-Linien, die nach damaligen Aussagen nicht flexibel genug waren. Doch man setzte weiterhin auf die Gleise, baute vorhandene Strecken aus und setzte immer wieder neue Technik ein.

Nach der Wende waren die Betreiber mit dem Netz unzufrieden, unternahmen aber zunächst nichts weiter. Erst mit Bekanntgabe zur Austragung der Bundesgartenschau 2007 kam wieder frischer Wind in den Ausbau. So wurde 2002 mit dem Bau der Stadtbahnlinie 1 begonnen, die die Erreichbarkeit des Stadtteils Untermhaus, des Theaters und des Hauptbahnhofs wieder ermöglichte. „Die Buga war diesbezüglich ein Segen für die Stadt“, konstatiert Strunkowski. „In dieser Zeit wurde viel am Netz gearbeitet.“ Beim Ausbau passierte dann ein Fehler: „Am Puschkinplatz vor der Bibliothek wurden die Strompfeiler für die neue Linie gesetzt. Plötzlich merkte man, dass ein Pfeiler genau im vorgesehenen Schienenbett gesetzt worden war. Der musste dann wieder weg“ erinnert sich Mike Strunkowski. Und wie schätzt er die heutige Situation der Straßenbahn mit Blick auf den weiteren Ausbau nach Langenberg ein? – „Durch die Buga bekam die Straßenbahn großen Aufwind. So wurde eine alte Strecke neu belebt und andere weiter ausgebaut. Für die Situation einzelner mag der Ausbau nach Langenberg gut sein, aber wenn man die Gesamtkosten im Vergleich zur Frequentierung sieht, lohnt sich dieser Ausbau nicht.“

Kurze Infos zur Straßenbahn
• Geraer ist die zweitälteste elektrische Straßenbahn Deutschlands
• 1888 Gründung der Straßenbahn AG
• 1892 Aufnahme des Güterverkehrs
• 1892 erste Linie fährt von Innenstadt nach Untermhaus
• Ende 1893 erste Heizung eingebaut
• Einzelfahrschein kostet bis 1917 zehn Pfennig
• 1949 Beförderung von 40 000 Personen pro Tag
• 1968 Einstellung von Fahrstrecken wegen Omnibussen
• Straßenbahn gehört heute zu den Geraer Verkehrsbetrieben (GVB); sie
betreiben drei Straßenbahn- und 20 Buslinien mit insgesamt 234 Haltestellen
• Die Länge aller Linien beträgt 20,1 Kilometer; im Jahr werden 1,7 Millionen
Kilometer gefahren
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