Berührungen

Die Meditation zum ökumenischen Valentinstag-Gottesdienst in Gera:

Ich sitze im Café und einige Tische weiter sehe ich ein Liebespaar. Die beiden sind ganz und gar mit sich beschäftigt; eine Umwelt scheint für sie im Moment nicht zu existieren. Sie spielen das uralte und immer wieder neue Spiel: Sie sehen sich tief an und betasten sich mit den Augen. Sie flüstern zärtlich und streicheln sich mit Worten. Sie fassen einander und fühlen sich mit ihren Händen. Und dann, endlich! Wie könnte es anders sein, geschieht er, der Kuss – zärtlich, behutsam, ganz selbstverständlich.

Verträumt schlürfe ich meinen Kaffee weiter und sinne über Berührungen nach. Wir Menschen brauchen Berührungen. Wir könnten gar nicht überleben ohne Berührungen. Wir berühren uns täglich, mit Augen und mit Worten und mit Händen. Und natürlich auch mit dem Mund.

Berührungen zeigen: ich nehme dich wahr! Oder: ich werde von dir wahrgenommen. Berührungen drückten Nähe und Zuneigung aus. Liebe können wir in jeder kleinen Zärtlichkeit spüren, erleben. Dies gilt nicht allein für das sanfte Fingerspitzengefühl Jungverliebter, sondern ebenso für das Streicheln am Kinderbett, die freundschaftliche Umarmung, das Händehalten eines sterbenden Menschen.

Wer sich berühren lässt, der öffnet sich für einen Anderen, der gibt Distanz auf, der macht sich auch schutzlos.
Ich sehe um mich herum andere, schmerzende Berührung. Da wird einem erwartungsfrohen Ohr eine gehässige Bemerkung zugemutet, eine offen hingestreckte Hand wird heftig zurückgestoßen, ein Kind empfängt eine schallende Ohrfeige. Berührungen, die verletzen. Wir wissen, es gibt viel Gewalt zwischen uns Menschen. Nicht jede Berührung tut gut, manche kann sogar krank machen.

Berührungen berühren unsere Inneres, unsere Seele. Wir bewegen uns auf einem sehr sensiblen Gebiet. Wir wollen berührt werden, dann strecken wir unseren Körper, unsere Sinne, unser Herz in die Welt. Es gibt Situationen, da wollen wir nicht berührt werden. Dann erwarten wir Respekt. Eine Berührung ohne Einverständnis signalisiert: ich nehme dich nicht ernst. Das führt zu Verunsicherungen, manchmal sogar zu Angst oder Wut.

Wir Menschen brauchen Berührungen. Wir ertasten die Welt, suchen mit unseren Fingern nach Nähe, geben einander die Hand, nehmen uns in den Arm. Liebe lässt sich in einer innigen, sanften Berührung erspüren. Berührungen können wohltun, aber auch schmerzen. Wer sich öffnet, kann verletzt werden – und braucht gerade dann wieder eine heilsame Berührung.

Gott berührt unsere Welt. Und er berührt uns Menschen, wenn wir uns von ihm berühren lassen. Gott zeigt uns: ich nehme dich wahr! Du bist mir wichtig! Gottes Berührungen sind liebevoll und heilsam.

Wenn wir uns von Gott berühren lassen, öffnen wir uns für Gott und geben unsere Distanz auf. Gottes Berührungen berühren unser Inneres, unsere Seele. Und wenn wir uns nicht von ihm berühren lassen wollen, dann wartet Gott mit Geduld und Respekt.

Wenn wir uns von Gott berühren lassen, dann spüren wir seine Liebe in unserem Alltag – im Hauch des Windes, im Nass des Regens, im der Stimme und im Blick und in den Fingern der Anderen.

Wenn wir uns von Gott berühren lassen, dann spüren wir seine Liebe in seinem Wort, in seinen Sakramenten, im Gebet.

Dann können wir Gott bitten:
Berühre mich, Herr, heute: durch dein Wort, durch eine zärtliche Geste, durch einen Gedanken. Überrasche mich, Herr, heute durch die Art deiner Berührung.

Und so berührt Gott unsere Seelen, unsere Körper, unser Leben.
Gott berührt uns! Wir nennen das SEGEN.
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