ERDMÖBEL - Kung Fu Fighting Tour

Wann? 08.03.2014 20:00 Uhr

Wo? Clubzentrum COMMA, Heinrichstraße 47, 07545 Gera DE
(Foto: Agentur)
 
(Foto: Matthias Sandmann)
 
(Foto: Sebastian Weise)
Gera: Clubzentrum COMMA | Mit routinierter Dringlichkeit schraubt sich Claus Kleber in die Kamera. Der große Nachrichtenmann ballt das Gesicht zu einem Mahnmal des kritischen Journalismus und spricht mit zu Schlitzen verengten Augen die magischen Worte: „Sie werden das, was jetzt kommt, möglicherweise nicht verstehen. Ich hab’s jedenfalls nicht verstanden“.

Gemeint ist die Band Erdmöbel. Kleber und seiner heute journal Redaktion war der enorme Zuspruch, den die Band für ihr letztes Album „Krokus“ erhielt, nicht entgangen. Von der SZ über die FAZ bis hin zur Zeit: In allen Blättern überschlug man sich ob der unerhörten Melodien, der wundersamen Arrangements und der assoziativen Texte. Kleber indes dünkt die Sache irgendwie verdächtig, gleichwohl er noch hinzufügt: „Eine Band, die auf den wunderbaren Satz kommt: „Wort ist das falsche Wort“ – eine solche Band kann nicht ganz verkehrt sein“.

Auch für Erdmöbel selbst stellte „Krokus“ den bisherigen Höhepunkte ihres Schaffens dar: Was die vier in Köln ansässigen Münsteraner mit „Krokus“ geschaffen hatten, stand komplett für sich allein und hatte mit nichts etwas zu tun, was sonst unter dem Banner „deutschsprachige Popmusik“ veranstaltet wird. Doch nach Krokus kam die Krise. Nicht sofort. Zunächst tourten Erdmöbel eifrig, nahmen Weihnachtssongs auf, spielten im Auftrag des Goethe-Instituts in Russland und konzertierten auf Kölner Kranhausdächern. Irgendwann aber galt es den Nachfolger zum Über- Album aufzunehmen – ein Unterfangen, das sich mehr als schwierig erweisen sollte.

Wer die Bandmitglieder zu Beginn dieses Jahres traf, der erlebte Künstler in Zerknirschung. „Für uns war klar: Wir mussten „Krokus“ übertreffen und gleichzeitig etwas machen, was so wenig mit der Platte zu tun hat, wie nur möglich“, erzählt Ekki Maas, Bassist und Produzent der Band. Was Maas hier beschreibt, war für ihn mindestens so sehr ein handwerkliches wie ein künstlerisches Problem: „Unser Job ist es in meinen Augen, die Band zu sein, die sich nicht an Stereotypen festklammert.“ Doch auch wenn „kung fu fighting“, das Ergebnis dieses Ringens, nun wieder so vollkommen leichtfüßig klingt und die Erdmöbel-Idee hier mal wieder völlig neue Ausstülpungen erfährt, wollte den vier Männern lange kein rechter Dreh einfallen. „Wir finden diesmal schlicht keinen Neuentwurf“, sagte Ekki noch im Februar. Es war vor allem Sänger und Texter Markus Berges, der mit sich rang und auf dessen Ideen es ankam, sind es doch seine Song-Demos und Anfangsideen, aus denen Ekki Maas mithilfe von Keyboarder Wolfgang Proppe und Schlagzeuger Christian Wübben im Studio diese Wundertütenmusik entstehen lässt. „Wir wollten uns nicht nur übertreffen“, erzählt Markus Berges, „wir wollten uns auch überraschen. Das hat es doppelt schwer gemacht. Ich finde „Krokus“ immer noch ein tolles Album, es langweilt mich bis heute nicht. Wie „Krokus“ zu klingen – das hätte mich allerdings sehr wohl gelangweilt. Es war klar, dass ich nichts schreiben durfte, das sich wie „Krokus“ anhört.“. Das Leben nach „Krokus“: Nichts weniger als Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit zu erreichen, war die Mission. Lange Zeit aber ging: nichts.

Im Gegenteil: Die Band suchte verzweifelt nach einem Konzept und fand keins. Doch wie so oft, wenn man als künstlerisch tätiger Mensch festhängt: Plötzlich platzt er dann doch, der berühmte Knoten. Es war wohl im Frühjahr, als Berges plötzlich einen Song nach dem nächsten anlieferte: Windschiefe Hits wie das treibende „Im Club der senkrecht Begrabenen“ und wundersame Skizzen wie den sommermüden Erinnerungsfilm „Cardiff“, in dem Wörter wie „Heimwehheim“ oder "Häuchelbläulinge“ so selbstverständlich und zwingend klingen, dass man sich fragt, wie die Popmusik bislang ohne sie auskommen konnte. Er habe sich mitunter gefragt, ob das nun völlig großartig oder der größte Mist überhaupt ist, den er da des Nachts an seine Kollegen schickte. Nun, Ekki Maas musste nicht lange nachdenken und so ging plötzlich alles ganz schnell: Unter Maas’ Regie wurden Berges’ Songs im Band-eigenen Studio Musikkollektiv Eigelstein in kürzester Zeit in immer neue Richtungen gebogen. Ohne Krampf und Anstrengung, aber mit viel Spieltrieb und einem angstlosen Forschergeist, wie man ihn hierzulande nur von Erdmöbel kennt.
Doch wie immer bei dieser Band, deren Musikalität keine Grenzen kennt, geht es – wie eben schon geschildert – nicht allein um Kunst, sondern auch um Arbeit: „Wenn wir fanden, dass etwas klang wie „typisch Erdmöbel“, bedeutete das, dass wir es scheiße fanden“, grinst Ekki Maas. Also: weiterarbeiten, weiterspielen. Sein nachdenklicher Gegenpart Markus Berges ergänzt: „Was mir immer wichtiger ist, das ist dieses Arbeiten am Geheimnis“. Er habe diesmal noch freier und noch assoziativer gedichtet, sagt der Erdmöbel-Sänger. So frei, dass diesmal selbst ihm oft nicht ganz klar sei, wovon das ein oder andere Stück tatsächlich handele. Gleichzeitig wundert es Berges, dass er mit seinem lyrischen Ansatz hierzulande so allein dasteht. „Das ist schon seltsam: Alle wollen immer nur über ihre Gefühle singen und sich ausdrücken. Aber es geht doch um Kunst. In England und den USA ist es vollkommen selbstverständlich, assoziativ zu texten und seltsamen Launen zu folgen. Hier wollen alle immer davon singen, wie es ihnen geht.“

Im Falle des Titelsongs „kung fu fighting“ muss man sich nicht allzu groß den Kopf zerbrechen. Das Lied ist eine Ode an die Magie der Erinnerung. Etwas, was sich womöglich über einige der neuen Stücke sagen ließe: Man staunt immer wieder mit Kloß im Hals wie hier aus Klassenfahrterinnerungen, Schwimmbadausflügen und Brückenspaziergängen ein ums andere Mal große Erinnerungspoesie entsteht. Die Musik reicht diesmal von moderner Klassik bis hin zu Steely-Dan-Referenzen; Peter und der Wolf trifft auf Sixties-Soundtracks, verdrehte Reggae- Rhythmen und umgebauten Meters-Funk. Das Zarte und Delikate von „Krokus“ ist einem dringlicheren und – zumindest für Erdmöbel-Verhältnisse – dreckigeren Sound gewichen. „Viel lebhafter als bisher“ empfindet Keyboarder Proppe die neuen Songs.

Markus Berges geht sogar soweit zu sagen, „kung fu fighting“ sei „eine Platte zur Zeit. Es ist für mich ein extrem appellatives Album. Allerdings ohne Botschaft.“
Eins ist „kung fu fighting“ mit Sicherheit: ein aufregendes und zupackendes Album, das den Hörer während seiner kurzen Laufzeit an mehr Orte trägt als die meisten Alben der jüngeren Vergangenheit: nach Biarritz, Zollstock, Emsdetten, Oer-Erkenschwick, Shenzen, Guangzhou, Cardiff (oder doch eher Bromley?), Mumbai, an die finnische See, natürlich nach Kölle – und an all die ganzen Orte, die keinen Namen haben. Und es ist eine Platte, die daran erinnert, dass das Schöne im Leben nicht das ist, worüber man Bescheid zu wissen glaubt, sondern das, wovor man staunend steht. Womit man wieder bei Claus Kleber wäre.

Was der zum neuen Album sagt, ist bislang nicht überliefert. Erdmöbel aber sollten dringend darüber nachdenken, sein Zitat künftig vor jedem Konzert mit viel Hall unterlegt, als Ankündigung vom Band laufen zu lassen.
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