Interieur: Vom Ansichtsraum zum Erlebnisraum. Begegnung in der Sammlung Gemälde, Zeichnung, Druckgrafik

In der Sonderausstellung „Interieur: Vom Ansichtsraum zu Erlebnisraum. Begegnung in der Sammlung.“ im Nordflügel der Orangerie.
 
Otto Dix (1891 Gera - 1969 Singen), Verwundetentransport im Houthulster Wald, 1924, Radierung; aus Der Krieg, 1924 (Radierwerk), Verlag Karl Nierendorf, Berlin, Kunstsammlung Gera, Exemplar 65/70; zu sehen in der Sonderausstellung „Szenen des Krieges. Entsetzen, Trauma und Tod“ im Südflügel der Orangerie.
 
In der Sonderausstellung „Lisa Weber. Himmel den Lichtern“ im Mittelpavillon der Orangerie.
 
In der Sonderausstellung „Szenen des Krieges. Entsetzen, Trauma und Tod“ im Südflügel der Orangerie Gera.
 
Otto Dix (1891 Gera - 1969 Singen), Badende Kompanien, ohne Jahr (1917), Schwarze Kreide auf Feldpostkarte; zu sehen in der Sonderausstellung „Szenen des Krieges. Entsetzen, Trauma und Tod“ im Südflügel der Orangerie.
Gera: Orangerie |

Die Kunstsammlung Gera präsentiert bis 31. August 2014 zwei neue Sonderausstellungen im Nord- und Südflügel der Orangerie, die sich dem eigenen Sammlungsbestand widmen: „Szenen des Krieges. Entsetzen, Trauma und Tod“ und „Interieur: Vom Ansichtsraum zum Erlebnisraum. Begegnung in der Sammlung.“. Im Mittelpavillon sind bis 13. Juli 2014 die Arbeiten der Artist-in-Residence-Künstlerin Lisa Weber unter dem Titel "Himmel den Lichtern" zu sehen.

Lisa Weber. Himmel den Lichtern (Mittelpavillion, bis 13. Juli 2014)

Die 1985 in Zweibrücken geborene Künstlerin Lisa Weber war mittlerweile die 9. Gastkünstlerin des im Jahre 2007 begründeten Geraer Künstlerförderprogramms „Artist in Residence“, das speziell auf die Förderung zeitgenössischer Kunst ausgerichtet ist und das durch die großzügige finanzielle Unterstützung der Geraer Bank eG veranstaltet werden kann. Das Ziel des Stipendiatenprogramms besteht darin, einerseits jungen künstlerischen Positionen einen für die eigene Arbeit nutzbaren Studien- und Arbeitsaufenthalt in der Geburtsstadt des bedeutenden kritischen Realisten Otto Dix zu ermöglichen und andererseits damit zugleich auch den Austausch künstlerischer Erfahrungen mit der hiesigen Kunst- und Kulturszene zu befördern.

Lisa Weber wurde durch eine Jury als Artist-in-Residence-Künstlerin des Jahres 2013 ausgewählt und weilte im Rahmen ihrer viermonatigen Residenzzeit im vergangenen Jahr in der Otto-Dix-Stadt Gera. Die im Mittelpavillon der Geraer Orangerie präsentierte Ausstellung „Himmel den Lichtern“ bildet den Abschluss ihrer Stipendiatenzeit und will einen Einblick in das aktuelle Schaffen der Künstlerin vermitteln.

Lisa Weber studierte an der Kunsthochschule und Johannes Gutenberg Universität in Mainz sowie an der California State University Chico. In ihren aktuellen künstlerischen Arbeiten setzt sie sich mit prozessualen Vorgängen und Wetterphänomenen auseinander, in denen Formen der Wahrnehmung, Zeit und Zeitverläufe thematisiert werden.

In ihren jüngsten, teils wandfüllenden Videoarbeiten, die in der Geraer Orangerie präsentiert werden, kommt sehr eindrücklich zum Ausdruck, dass die durch unterschiedliche Wetterlagen gebildeten Erscheinungen und Ereignisse, wie Wolkenformationen, Nebel, Gewitter und Blitz, zu charakteristischen Lichtsituationen führen und die uns umgebenden natürlichen und urbanen Räume in einem faszinierenden Spiel von Farben und Farbverläufen erscheinen lassen. Die kurzen Videoloops zeigen beeindruckende, stille und poetische Bilder, die vor allem auch die sinnlich-ästhetischen Aspekte natürlicher Wetterereignisse verdeutlichen.

Parallel zur Ausstellung in der Kunstsammlung Gera wird die ortspezifische Installation „direction and speed of the wind on the roof“ (Installation mit Monitor und Wetterstation, 2013) der Künstlerin in der Geraer Salvatorkirche gezeigt, die direkt für diesen Ort entwickelt wurde.

Szenen des Krieges. Entsetzen, Trauma und Tod. Zeichnungen und Druckgrafiken aus dem Bestand der Kunstsammlung Gera (Südflügel, bis 31. August 2014)

2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal. Der Südflügel der Orangerie ist diesem bedeutenden Thema vorbehalten. Unter dem Titel „Szenen des Krieges. Entsetzen, Trauma und Tod“ werden Zeichnungen und Druckgrafiken aus dem Bestand der Kunstsammlung Gera präsentiert.

Mit seinen 17 Millionen Toten stellt dieser erste Massenvernichtungskampf eine Zäsur des 20. Jahrhunderts dar. Die als „Urkatastrophe“ bezeichnete Auseinandersetzung mit ihrer vernichtenden Brutalität wurde zu einer neuen Dimension der bis dato geführten Kriege. Durch den Einsatz modernster Kriegsgeräte geriet der Erste Weltkrieg zu einer unvorstellbaren Materialschlacht die Mensch und Landschaft vernichtete.

Einer der bedeutendsten Chronisten dieser Geschehnisse war der in Gera 1891 geborene Künstler Otto Dix. Ebenso wie viele anderer seiner Generation wurde Dix am 22. August 1914 als Ersatz-Reservist in Dresden eingezogen. Es folgte eine 13 Monate dauernde Ausbildungszeit in Bautzen für die Feld-Artillerie und das schwere Maschinengewehr. Erst im September 1915 rückte Dix an die Westfront aus und nahm an der Herbstschlacht in der Champagne bei Reims teil. In den insgesamt 38 Monaten die er an den Frontverläufen im Westen und Osten verbrachte wurde er zum Vizefeldwebel befördert und mehrmals ausgezeichnet. Unter anderem erhielt Dix das Eiserne Kreuz II. Klasse. Nach 4 Jahren Einsatz an den Fronten verzeichnet der Militärpass seine Entlassung am 22. Dezember 1918 aus dem Kriegsdienst nach Gera.

In dieser Zeit der schrecklichen Graben- und Stellungskämpfe fertigte Otto Dix fast 500 Zeichnungen und 100 Gouachen an, fast alle in Tornistergröße. Es sind unmittelbare Zeugnisse und Reflexion des Erlebten und Gesehenen. Die Auseinandersetzungen mit dem Thema des Ersten Krieges begleiten sein Schaffen bis in die 1930er-Jahre und wurden zu epochaler Bedeutung für die Geschichte der Kunst.

Die Kunstsammlung Gera besitzt mit dem Konvolut von 46 Feldpostkarten aus der Zeit von 1915 bis 1918 und dem 1924 entstandenen Radierzyklus "Der Krieg" zwei bedeutende Werkbeispiele aus den Jahren des Krieges und Nachkrieges.
Aus Anlass der 100. Wiederkehr des Kriegsbeginns 2014 stehen diese Werkkomplexe im Mittelpunkt der Ausstellung "Szenen des Krieges. Entsetzen, Traum und Tod".

Auf den 46 handtellergroßen Feldpostkarten schildert Dix in Bleistift, Kohle und Tusche seinen Kriegsalltag von den Schlachtfeldern unter anderem von Langemark, Pilkem und Artois. Die Empfängerin war seine damalige Vertraute Helene Jakob in Dresden, mit welcher er in der Kunstsprache Esperanto korrespondierte. Insgesamt berichten 300 Feldpostkarten von den Entsetzlichkeiten des Krieges an die Daheimgebliebenen. Das motivische Spektrum reicht vom Porträt bis zum Soldatenalltag, über das „Naturphänomen“ (Dix) der Trümmer- und Kraterlandschaft. Ebenso vielfältig wie die Motivik ist die Formensprache. Die Bandbreite in der Dix das Erlebte schildert, bewegt sich von genauer Gegenständlichkeit zu linearer Verknappung, um in einer abstrakten Steigerung zu münden. Die bizarre Kriegsästhetik fasziniert und verstört gleichermaßen. Das von Helene Jakob gehütete Weltkriegsepos erhielt Dix 1919 von ihr zurück. Dieses Konvolut bildete späterhin die Grundlage für die erneute Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg, dann allerdings aus der Erinnerung.

Zehn Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges erscheint im Verlag des Berliner Kunsthändlers Karl Nierendorf der Radierzyklus „Der Krieg“ von Otto Dix. In einer Auflage von 70 Exemplaren, bestehend aus fünf Einzelmappen mit je zehn Blättern. Parallel dazu gab es eine Buchhandelsausgabe mit 24 Offsetdrucken und einem Vorwort von Henri Barbusse. Kurz nach Erscheinen des Werkes wurden erste Versuche unternommen, die Grafikmappe der Stadt Gera zum Kauf anzubieten. Diese Bemühungen blieben trotz großer Anstrengungen erfolglos. Erst 1949, zur ersten Einzelausstellung in seiner Heimatstadt Gera, wurde der Radierzyklus vom Künstler erworben und ist seitdem bedeutender Teil des Dix-Sammlungsbestandes. Das Geraer Exemplar trägt die Nummer 65. Neben den Gemälden, die Otto Dix zum Thema Krieg geschaffen hat, sind seine Grafiken ein wichtiger Beitrag zur Darstellung des Ersten Weltkrieges. Alle Facetten des Krieges sind existent: zerstörte, von Granaten zerwühlte Landschaften, zerschossene Soldatenkörper, Sturmangriffe, Etappenalltag, Bordellbesuche, Saufgelage. Als historischer Vorläufer ist die von Francisco de Goya geschaffene Grafikfolge "Desastres de la Guerra" von 1810-1814 anzusehen, die das Elend des Krieges ebenso schonungslos und eindringlich darstellt. Das von Henri Barbusse erschienene Vorwort zur Buchhandelsausgabe umschreibt die Schrecken des Krieges und die Bedeutung des Dix-Werkes für die Geschichte der Kunst: „Der diese Bilder des Grauens sich aus Hirn und Herzen riß und vor uns ausbreitet, stieg in den letzten Schlund des Krieges. Ein wahrhaft großer deutscher Künstler, unser brüderlicher Freund Otto Dix schuf hier in grellen Blitzen die apokalyptische Hölle der Wirklichkeit!“

Die Ausstellung zeigt neben diesen beiden bedeutenden Werkkomplexen die die Geraer Sammlung zum Thema Krieg besitzt noch weitere Exponate aus dem Bestand der Kunstsammlung die sich dem themenspezifischen Schwerpunkt widmen. Vertreten ist der Ostthüringer Künstlerkreis mit Alfred Ahner, welcher als Sanitätssoldat am Ersten Weltkrieg teilnahm, Paul Neidhardt, der als Soldat in Polen und Russland eingesetzt wurde und Erich Drechsler, der mit Jahrgang 1903 zu jung für den Einsatz an der Front war aber in seinen Totentanzzyklen symbolisch die Ereignisse reflektiert bis hin zu Bernhard Heisigs 1979 geschaffenen Illustrationsfolge für den Roman von Ludwig Renn „Der Krieg“ (1928), in denen der Künstler, selbst Soldat im Zweiten Weltkrieg, sein Erlebnis des Krieges modifiziert durch die gelesenen Schilderungen, gestaltet hat.

Die Ausstellung "Szenen des Krieges" vermittelt ebenfalls einen Einblick in den kunsthistorischen Kontext, in denen die Bilder des Krieges stehen und die damit verbundenen Fragen nach der Darstellbarkeit des Krieges und dessen Auswirkungen auf die Künstler. Das Thema Krieg und Kampf in der Kunst setzt nicht erst mit dem 20. Jahrhundert ein. In einem kleinen historischen Abriss werden Schlachtenszenen vorwiegend aus dem 18. und 19. Jahrhundert präsentiert und damit die historische Tradition von Kriegsdarstellungen aufgezeigt. Zu sehen sind Kampfszenen mit Schlachtcharakter, kriegerische Triumphe und heroisches Sterben - ganz der Intention des patriotischen Bewusstseins dieser Zeit.

Künstler der Ausstellung:

Otto Dix, Alfred Ahner, Paul Neidhardt, Erich Drechsler, Alfred Frank, Käthe Kollwitz, Christian Rohlfs, Théophile Steinlen, Albin Egger-Linz, Walter Gramatte, Bernhard Heisig und andere.

Interieur: Vom Ansichtsraum zum Erlebnisraum. Begegnung in der Sammlung
Gemälde, Zeichnung, Druckgrafik (Nordflügel, bis 31. August 2014)

Parallel dazu ist im Nordflügel der Orangerie ein zweiter Themenschwerpunkt aus der eigenen Sammlung zu sehen. Unter dem Titel „Interieur: Vom Ansichtsraum zum Erlebnisraum. Begegnungen in der Sammlung“ werden hier Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken aus dem Bestand der Kunstsammlung präsentiert. Der aus dem französischen Sprachgebrauch entlehnte Begriff „Interieur“ bezeichnet in der Architektur das „Innere“ eines umbauten Raumes, in der bildenden Kunst handelt es sich zumeist um die Darstellungen von Zimmern oder Innenräumen eines Gebäudes. Als erste Vorläufer der reinen Interieurmalerei innerhalb der europäischen Kunst gelten die antiken Innenraumwiedergaben des 1. pompejanischen Stils. Bereits in der Spätantike wurden diese illusionistischen Wandmalereien durch formelhafte Andeutungen ersetzt. Erst im 15. Jahrhundert mit der zunehmenden perspektivischen Beherrschung kam es zu einem frühen Höhepunkt der Darstellung von Innenräumen als Handlungshintergrund. Besonders im Genre und in der christlichen Ikonographie wurden detaillierte Räumlichkeiten aufgezeigt, die in den Werken von Albrecht Dürer „Heiliger Hieronymus im Gehäuse“ (1514) und Leonardo da Vinci „Das letzte Abendmahl“ (1495-1498) gipfeln. Zur selbständigen Gattung wurde das Innenraumbild aber erst durch die Niederländer im 17. Jahrhundert erhoben, die vorwiegend das bürgerliche Interieur darstellen.

Die aus dem Geraer Sammlungsbestand ausgewählten Werke sind in der Zeit zwischen dem 15. und 20. Jahrhundert entstanden und geben ein vielfältiges Spektrum der Interieurdarstellungen wieder. Die Bandbreite reicht von der detailgenauen Wiedergabe eines architektonischen Innenraums, wie es der für seine Veduten von Rom berühmt gewordene Giovanni Battista Piranesi pflegte, über die Milieuschilderungen mit moralischen Anspielungen des Engländers William Hogarth bis hin zur Gattung des klassischen Kircheninterieurs. Ebenso erscheinen Arbeitsräume von Emil Orlik, Kurt Günther, Johannes Wüsten, intime Lebens- und Wohnräumen von Carl Theodor Grimm und Paul Neidhardt, fürstliche Repräsentationsräume von Johann Friedrich Leberecht Reinhold sowie gesellige Gasthausszenen von Alfred Ahner, Eberhard Dietzsch, Petra Flemming und Otto Griebel.

Das Interieur-Bild veranschaulicht die unterschiedlichsten Lebenswelten und ist zugleich bis in die Gegenwart eine komprimierte Geschichte der Kunst.
Die Ausstellung will anhand der ausgewählten Werke verdeutlichen, das sich das Sujet der Interieurdarstellungen vom schlichten, eher gegenstandsbeschreibenden Ansichtsraum bis zum Handlungs- und Stimmungsgeladenen Ereignisraum der Gegenwart gewandelt hat.

Künstler der Ausstellung:

Alfred Ahner, Eberhard Dietzsch, Wolfram Ebersbach, Petra Flemming, Carl Theodor Grimm, Kurt Günther, Otto Griebel, Otto Hamel, William Hogarth, Hugo Kaufmann, Lutz R. Ketscher, Paul Neidhardt, Elena Olsen, Emil Orlik, Giovanni Battista Piranesi, Johann Friedrich Leberecht Reinhold, Horst Sakulowski, Hans Thoma, Barbara Toch und andere.


Kunstsammlung Gera

Orangerie, Orangerieplatz 1, 07548 Gera
Telefon: 03 65 / 838 42 50, Fax: 03 65 / 838 42 55
E-Mail: kunstsammlung@gera.de
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, Feiertag 12 -17 Uhr

PS: Die Informationen zu den Ausstellungen wurden von der Kunstsammlung Gera zur Verfügung gestellt. Bitte bedenken Sie, dass es sich bei den Werksaufnahmen um keine Reproduktionen unter Studiobedingungen handelt. Die Fotos entstanden allesamt in der Ausstellung und können somit geringfügige Tonwert- und Farbabweichungen und zudem Spiegelungen aufweisen.
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1 Kommentar
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Steffen Weiß aus Gera | 29.07.2014 | 16:00  
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