Lisa Bassenge präsentiert ihre Wolke 8 zu den Geraer Songtagen in der Puppenbühne

Lisa Bassenge
  Gera: Puppentheater Gera | Den weibliche Part zum Vortageskonzert mit Max Mutzke gab es am Samstagabend mit Lisa Bassenge im Geraer Puppentheater, in dem kein Stuhl unbesetzt blieb.

Die Provokateurin, die Twisterella, die Bitterkluge und Biestige...

Wie du einen Song findest, ob du ihn richtig schlimm liebst, ob du bloß ab und zu einen wilden Nachmittag mit ihm hast, dich auf ihn freust oder ganz und gar nicht ertragen kannst – das alles hängt auch davon ab, wie er dich findet. Besser: wie er dich gefunden hat. Manche Songs tauchen ja wie von alleine auf.

Andere werden einem geschenkt. Vor den Latz geknallt. Angedient. Und die zugehörigen Sängerinnen und Sänger sind oft wie Kellner, die einem ihr Zeug servieren. Oder ein schlechtes Gewissen machen, so tun, als nehme man ihnen etwas weg, beim Zuhören.

Anderes Beispiel: Lisa Bassenge

Berlinerin, seit Mitte der 90er-Jahre eine zum Glück unüberhörbare Kraft, ist bisher meistens als Jazzsängerin identifiziert worden – auch da hat man gleich eine Kulturtechnik vor Augen, eine bestimmte Art der Vermittlung: das samtfreundlich Introvertierte, latent Tiefe. Das Geheimnis, das einem nicht damit auf die Nerven geht, unbedingt jetzt gleich gelöst werden zu wollen. An manchen Tagen wohl tatsächlich die weinrote Diva an der Seite des Pianisten, aber in der Regel einfach die gepflegte, goldrichtig parfümierte Sorte von Souveränität.

Das neue Album von Lisa Bassenge ist nun da, es heißt „Wolke 8“. Es ist ihre bisher unhöflichste Platte. Mit Abstand.

Nicht nur, weil sie dieses Mal Sachen singt wie „Wär ich Polizistin, wärst du im Knast“ und „Schrei den Menschen auf der Straße deinen Namen in die Fresse“. Sondern weil sie hiermit ganz ernsthaft zum Angriff übergeht. Weil sie mit kurzem, optimal getimeten Anlauf denen ins Gesicht springt, die zwischen Sängern und Hörern immer noch eine dünne Folie vermuten, das Zellophan des ungestörten Genusses, das einen davor beschützt, dass irgendwer zu nahe kommt.

Mit anderen Worten: Auf „Wolke 8“ nimmt sich Lisa Bassenge ihr Publikum so richtig zur Brust. Hier spielt sie wie eine Weltmeisterin einige der ganz großen Rollen der Popliteratur. Die Provokateurin, die Twisterella, die Bitterkluge und Biestige. Die Nachdenkliche auf den Dächern, bei der man nie weiß, ob sie gleich rauf zum Mond oder runter in die Bremslichter springen will. Und die Geschichtenerzählerin, die unterm Apfelbaum sitzend beobachtet, wie komisch die Welt sich verfärbt, wenn die Liebe geht.

Ein großer Schritt vom letzten Album, „Nur fort“, das bravouröse Kritiken und den goldenen Jazz-Award bekam.

Im Ergebnis hat Lisa Bassenge eine Poplyrik geschaffen, wie man sie in Deutschland noch nicht gehört hat, grenzenlos kräftig. Die alles zu können scheint, Lieder tragen, auf Wände und in Handflächen geschrieben werden, die Hitradios erobern, einem den Kopf zerhämmern, Dinge klarmachen, die eigentlich gar nichts mit Sprache zu tun haben, aber nur fassbar sind, wenn einer die richtigen Worte findet. Oder zwei.

Dass sich das Album so abwechslungsreich und abgrundtief anhört, so zupackend und feinmotorisch, literarisch und live, bedeutungsschwanger und neugeboren, wie es nur die allerbesten Popplatten tun – das ist die Nachricht. Das Geständnis. Die Parole. Das sagen die Songs, während sie einem an den Ohren ziehen.

Im Abspann vom „Schweinehunde“-Lied hört man sogar, wie einer „Rock’n’Roll!“ brüllt. Das ist zwar dann doch ein klein bisschen übertrieben. Aber genau die Richtung.


Als nächstes tritt innerhalb der 6. Geraer Songtage Chima am 28. März, 21 Uhr, im Clubzentrum Comma auf.

Alles über die Geraer Songtage ist hier zu erfahren:

http://www.meinanzeiger.de/gera/themen/songtage.ht...
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