Marguerite Porete- Mystikerin, Märtyrerin, Beghine

Denn der HERR ist der Geist; wo aber der Geist des HERRN ist,
da ist Freiheit. 2. Kor. 3,17

Lebensdaten historischer Persönlichkeiten aus dem Mittelalter zu rekonstruieren, das stellt uns heute vor manche Schwierigkeit. Es gab einst keine Geburtsurkunden, schriftliche Zeugnisse gingen in den Wirren der Zeit oft verloren. Die Menschen hatten mehr Interesse an guten Geschichten und berührenden Legenden denn an exakten Dokumenten. So bleibt selbst bei namentlich bekannten und berühmten Menschen Vieles bis heute im Dunkeln.
Dies gilt noch umso mehr, wenn es sich um eine weibliche Persönlichkeit handelt. Deren Lebenslauf wurde meist nicht wichtig genommen und nur dann überliefert, wenn es sich um eine Königin, Heilige oder Ketzerin gehandelt hat.

Auf Marguerite Porete trifft allerdings dies alles zu:
Sie war eine Königin der bedingungslosen Liebe, eine Heilige des freien göttlichen Geistes, eine Ketzerin mit Haltung, Mut und Gewissen.

Dennoch bleiben auch bei Marguerite Porete viele Dinge im Schatten der Geschichte verborgen. So ist ihr Geburtsdatum nicht bekannt. Markanter Weise brannte sich ihr Todestag umso deutlicher in das kollektive Gewissen ein: es war der 01. Juni 1310. An diesem Pfingstmontag wurde die selbstbewusste Begine in Paris dem Feuer auf einem Scheiterhaufen übergeben. Was als zynische Sequenz von den frommen Mördern gedacht war - ganz gezielt das Fest des Heiligen Geistes zu missbrauchen, um Marguerites Werk zu diffamieren – erweist sich im Nachhinein als eine makabere Würdigung dieser geistbegabten Frau. Sie wurde zu einer Märtyrerin des Heiligen Geistes: denn unser Gott ist der Geist, und wo der Geist dieses unseres Gottes weht, da ist Freiheit!

Marguerite Porete wurde eine der ersten Beginen, gegen die ein Prozess durch die Inquisition betrieben und mit dem vollstreckten Todesurteil beendet wurde. Auslöser für solch rabiates Vorgehen der männlich dominierten Kirchenhierarchie war ein Buch. Es nennt sich „Spiegel der einfachen Seelen“. Bereits, dass ein solches Buch existierte, war eine Provokation. Frauen durften sich offiziell nicht mit Theologie befassen, geschweige denn sich mit eigener Autorität zu theologischen Fragen äußern. Frauen war es ausdrücklich verboten, ohne eine entsprechende, nur selten gewährte Ausnahmegenehmigung der männlichen kirchlichen Autoritäten zu predigen oder zu lehren. Deshalb erregte bereits die Tatsache offiziellen Ärger, dass Marguerite grundlegende religiöse Positionen vertrat und diese auch noch veröffentlichte. Als ihre Schrift zudem recht großen Anklang fand, schrillten bei der Inquisition die sündhaften Alarmglocken. Doch auch der Inhalt ihres Buches brachte die Hüter der angeblich rechten Lehre auf die Palme. Im „Spiegel der einfachen Seelen“ wird nichts anderes als ein mystischer Weg beschrieben, bei dem die menschliche Seele zu Gott aufsteigt und schließlich mit dem Urgrund der Liebe verschmilzt. Der „Fernnahe“, wie Marguerite Gott nennt, war „unfasslich außer durch sich selbst“. Erfahrbar war Gott letztlich allein, indem sich die Seele vollkommen und ohne weitere Absicht der Liebe überlässt. Die Seele, eins mit Gott in der Liebe, erlangt so vollkommene Freiheit. Sie ist nun weder der Vernunft noch den Tugenden, weder kirchlichen Autoritäten noch deren Heilsvermittlungsangeboten unterworfen. Die freie Seele schert sich dabei auch nicht um Himmel und Hölle, denn Liebe ist nur dann vollkommen, wenn sie auch vollkommen absichtslos ist. Christsein bedeutet für Marguerite, in einer unaufhebbaren Liebesbeziehung zu Gott zu leben; denn „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm (1. Joh. 4,16). Zu dieser innigen, von weltlichen Dingen, Mächten und Autoritäten unabhängigen Gottesbeziehung zu gelangen, darin besteht der Weg der Seele.

Hier klingt eine Nähe zu anderen Mystikern ihrer Tage an; zu Mechthild von Magdeburg oder Meister Eckardt zum Beispiel. Andererseits lässt Marguerite durchaus Themen anklingen, die später auch von den Reformatoren aufgegriffen werden. Es war riskant, damit auch noch an die Öffentlichkeit zu treten. Doch Margerite fürchtet weder tugendhafte Teufel noch vernunftbegabte Höllen; wie sollte sie vor einer Handvoll vergänglicher, der eigenen Eitelkeit unterworfener irdischer Gewalten Angst haben? Liebe befreit die Seele, und eine freie Seele kehrt niemals in irgendeinen Kerker zurück; erst recht nicht in die Kerker aus Furcht und Angst. Sie erfüllt mit ihrem Zeugnis und Leben das biblische Wort aus 1. Joh 4, 18: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus“.

Konsequent bezeugt Marguerite ihren Glauben. Sie soll widerrufen. Doch kann diese mutige Frau die Liebe und damit Gott höchstselbst widerrufen? Sie lehnt selbstbewusst die von den Inquisitoren angebotenen Notausgänge ab. Liebe kennt keinen Notausgang. Größer kann die Kluft zwischen ihr und ihren Anklägern nicht sein. Marguerite ist eine Königin der bedingungslosen Liebe, eine Heilige des freien göttlichen Geistes, eine Ketzerin mit Haltung, Mut und Gewissen.
So wird sie zu einer Märtyrerin der Beginen, zu einer Märtyrerin des Heiligen Geistes, weil Liebe und Freiheit ihr mehr bedeuten als ein fragwürdiges Überleben in einer durch und durch korrupten Welt.

Ihre Schrift wird von der Inquisition ebenfalls symbolträchtig verbrannt. So bewahrheitet sich eine Aussage, die hunderte Jahre später Heinrich Heine postuliert: „Wer Bücher verbrennt, verbrennt auch Menschen“. Ich füge hinzu: und umgekehrt.

Der „Spiegel der einfachen Seelen“ gewann aber auf diese Weise geradezu Kultstatus. Er verbreitete sich umso mehr, je verbissener seine Gegner dagegen arbeiteten. Bald kursierten Übersetzungen in Latein, Englisch und Italienisch. Der „Spiegel der einfachen Seelen“ wurde nicht allein bei Beginen eine begehrenswerte Lektüre. Weibliche Spiritualität und mystisches Erkennen gewannen durch Marguerites Schrift unschätzbare Unterstützung.

Allerdings fand nach der Hinrichtung seiner Autorin dieses Buch nur noch eine anonyme Verbreitung. Erst im Jahr 1946 wurde Marguerite auch als Autorin rehabilitiert. Die Historikerin Romana Guarnieri konnte belegen, dass „Der Spiegel der einfachen Seelen“ aus Poletes Feder stammt. Sie hätte das sicher gefreut, auch wenn sie wahrscheinlich angemerkt hätte: „Ihr Lieben, die Liebe und die Freiheit sind wichtig. Hat mein Büchlein dafür Zeugnis gegeben, so war es doch gut und richtig. Ob ich es verfasst, ihr Lieben, ist letztlich unwichtig.“

Hier möchte ich ausnahmsweise dieser wunderbaren Frau widersprechen.
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