Mechthild von Magdeburg - Der Glaube kennt die Sprache weiblicher Erotik

Gera: St. Michael Pforten | „Herr, du bist mein Geliebter, meine Sehnsucht,
mein fließender Brunnen, meine Sonne,
und ich bin dein Spiegel“ Mechthild von Magdeburg

Weibliche Mystik im Mittelalter

Mechthild von Magdeburg gehört zu den bedeutenden und originellen Stimmen weiblicher Mystik. Wenig nur ist über ihren äußeren Lebenslauf bekannt. Sie lebte und wirkte im 13. Jahrhundert im Umkreis von Magdeburg. Später, im hohen Alter, ließ sie sich im Zisterzienserkloster Helfta bei Eisleben nieder.
Als junge Frau lernte sie das höfische Dasein aus eigenem Erleben kennen. Obwohl ihr als Frau der Zugang zu höherer theologischer Bildung verwehrt war, so zeigt sich in ihrem schriftlich überlieferten Werk, dass sie eine solide schulische Ausbildung empfangen hatte.
Der Wunsch, als Frau ein selbstständiges Dasein zu führen, stieß im Mittelalter an Grenzen. Wer sich der Aufsicht eines autoritären Ehemannes oder einer einengenden Klosterdisziplin entziehend wollte, schloss sich den Beginen an. Dies tat auch Mechthild.
Beginen waren Frauen, die in Gemeinschaft lebten und sich an selbst gesetzte religiöse Regeln hielten. Sie gehörten weder einem Orden an noch waren sie durch ein Gelübde gebunden. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie meist durch Handarbeit oder durch karitative Tätigkeiten. Sie konnten sich frei bewegen und auch gegebenenfalls zu ihren Familien zurückkehren. In den Beginengemeinschaften war mystische Frömmigkeit lebendig. Frauen fanden ihre eigene Sprache, um von ihren religiösen Erfahrungen zu reden. Gottesbegegnungen wurden in visionären Bildern beschrieben. Dabei übten sie durchaus auch Kritik an den Zuständen in Gesellschaft und Kirche. Mechthild mahnt in ihren Worten reinigende Reformen an, um die Kirche von verderblichen Einflüssen zu befreien.
Von der kirchlichen Autorität wurden die Beginen misstrauisch beobachtet. Die Gefahr, als Ketzerinnen eingestuft zu werden, war sehr groß. So wurde die Schwester im freien Geiste, die Mystikerin Marguerite Porete, 1310 in Paris als Ketzerin verbrannt. Margerite unterschied zwischen der äußeren Kirche, der die unsichtbare Geistkirche übergeordnet sei. Wer von Gottes Geist und Liebe im Inneren getroffen wurde, der hatte äußerliche Gnadenmittel, wie sie die Kirche anbietet, nicht mehr nötig. Diese religiöse, letztlich auch soziale und kulturelle Unabhängigkeit, zumal in Person einer Frau, war den kirchlichen Wächtern unheimlich. Sie reagierten tödlich.
Mechthild trat am Ende ihrer Tage in ein Zisterzienserkloster ein, was ihr gewissen Schutz geboten hat. Hier entstand das 7. Buch ihres spirituellen Nachlass. Ihr Werk erschien unter dem Titel „Das fließende Licht der Gottheit“

Mechthilds Sprache

Ute Störmer-Caysa achreibt in ihrem Buch „Entrückte Welten“:
„Mystiker sind Amateure. Das stimmt schon im wortwörtlichen Sinn. Amateur heißt Liebhaber, und über die Liebe zu Gott und das Erlebnis, wiedergeliebt zu werden, wäre Mystik tatsächlich einigermaßen sinnvoll bestimmt.“
Mechthild hat das Problem aller mystisch begabten Menschen: sie soll etwas in Worte fassen, was sich als unaussprechlich erweist. Sie soll das Unsagbare aufschreiben. Nicht nur zum eigenen Schutz vor der Inquisition, auch aus grundsätzlichen Erwägungen sträubt sie sich lange dagegen. Nach dreißigjährigem Schweigen erst beginnt sie mit ihren Aufzeichnungen. Dabei verwendet sie für ihre religiösen Beschreibungen durchaus sinnliche Bilder. Die Inspiration und visionären Eindrücke nennt sie den „Gruß vom Heiligen Geist“. Ihre Worte drehen sich immer wieder um die Begegnung zwischen menschlicher Seele und der Wirklichkeit der ewigen Gottheit.
So erhebt sich die Seele im Glauben wie ein Adler, der zum Himmel aufsteigt. „Wie ein Tautropfen, den eine ausgedorrte Erde verschlingt, so will sich die sehnende Seele mit der von oben kommenden Gnade verbinden“ (G. Wehr S. 77) Gott erscheint als ein lebendiger, fließender Brunnen – unergründlich und in die Tiefe reichend -, dessen Wasser den Seelendurst zu stillen vermag. Gottes Liebe erfasst die Seele als ein Brennen, als ein glühendes Feuer. Hier greift Mechthild eine erotische Sprache auf, wie wir sie auch im Hohelied Salomos finden: „Der Liebe Glut ist feurig – eine Flamme des Herrn“. Die sinnenfrohen Liebeslieder der Bibel wurden im Mittelalter als Zwiegespräch zwischen Seele und Gott interpretiert. Dies greift Mechthild auf und führt diesen Dialog weiter.
Die Sprache weiblicher Erotik liefert die Bilder für den Glauben, für religiöse Leidenschaft, Hingabe und Verschmelzung.
Die Brautmystik, wie man diese Sprache auch nennt, war dabei ursprünglich gar nicht für Frauen bestimmt. Es waren erstaunlicherweise zuerst männliche Theologen wie Gregor von Nyssa oder Origenes, die die Seele – und damit vor allem die männliche Seele – als Braut sahen. Sie harrten hingebungsvoll darauf, von ihrem Bräutigam geliebt und erfüllt zu werden. Damit öffnete ausgerechnet die Theologie eine Möglichkeit, dass Männer auch weibliches Empfinden zulassen konnten. Starre Geschlechterrollen wurden – wie nicht selten in der Religionsgeschichte – zuerst spirituell aufgebrochen.
Mechthild eignet sich die Bildersprache der Brautmystik an. Sie taucht regelrecht ein in die spirituelle Sinnlichkeit des Hoheliedes. Damit berührt sie im interreligiösen Kontext die Welt des Tantra, einer vedischen und auch buddhistischen Form des Glaubens, die bewusst Erotik bzw. Sexualität mit Spiritualität in Beziehung setzt.
Mechthild schreibt Liebespoesie. Sie schreibt sozusagen das Hohelied weiter. „Dadurch erscheinen die klaren erotischen Bilder, die sie findet, kühn und ungeheuerlich“ meint Ute Störmer- Caysa, und führt weiter aus „obgleich das Hohelied selbst auch kühn und ungeheuerlich ist.“ Mit ihrer Sprache hebt Mechthild die vorgefundene starre Trennung zwischen Leib und Seele auf. Die Empfindungen der Seele sind mit dem Leib verknüpft und reichen bis ins Körperliche hinein. „Sie stattet die Seele mit einem irdisch fühlenden Leib aus“:
„Ja; Herr, liebe mich so, dass es weh tut. Liebe mich oft, und liebe mich lange! Denn je näher deine Liebe dem Schmerz kommt, um so reiner werde ich; je häufiger du mich liebst, um so schöner werde ich; je länger du mich liebst, um so heiliger werde ich hier auf Erden. – Dass ich dich bis zum Schmerz liebe, das habe ich aus meiner Natur, denn ich selbst bin die Liebe. Dass ich dich oft liebe, das habe ich von meinem Begehren, denn ich begehre, dass man mich bis zum Schmerz liebt. Dass ich dich lange liebe, dass kommt von meiner Ewigkeit, denn ich bin ohne Ende und ohne Anfang“.
Die Begegnung mit Gott, mit dem Göttlichen ergreift alle Bereiche des Menschen – seine Sinne und seine Empfindungen, sein Seele aber ebenso seinen Körper. Die Seele bleibt ganz sie selbst, denn sie wird geliebt – und verschmelzt gleichzeitig mit dem Geliebten. In so eine intime, personale Beziehung kann letztlich von außen niemand eingreifen oder herumreden. Die eigene Liebesbeziehung mit Gott führt zur Selbstständigkeit – in Seele und Leib, im Religiösen wie im Sozialen. Deshalb war die Brautmystik gerade auch für Frauen von großer Bedeutung. Mechthilds Schriften haben spätere Gottsuchende – Frauen wie Männer – ermutigt und beeinflusst. Und ihre Impulse bleiben weiterhin aktuell – für Religion, Kirche, Spiritualität ebenso wie für die heutige Kultur einer Geschlechterbeziehung.
Mechthild hat ein anregendes Werk hinterlassen. Ihre Sprache macht Mut, dass auch wir unseren Glauben in sinnliche Bilder fassen können.

Quellen:
"Entrückte Welten" Uta Störmer-Caysa
"Christliche Mystiker" Gerhard Wehr
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