Meister Eckart - eine mystische Biografie

Von Marguerite Porete, dieser faszinierenden Frauengestalt des Mittelalters, haben wir in unserer Mystikreihe bereits gehört. Diese hochbegabte Begine wurde am 01. Juni 1310 in Paris als Ketzerin verbrannt. Meister Eckart, der nach seiner Erfurter Zeit in Köln und eben auch in Paris gewirkt hat, hat diesen Prozess bewusst wahrgenommen. Marguerite und Eckart haben sich in ihren Gedanken gegenseitig beeinflusst. Doch auch in der Verdächtigung, ketzerische Ansichten zu verbreiten, waren diese beiden Mystiker vereint.
Wir schreiben das Jahr 1326. Der Kölner Erzbischof fördert eine Atmosphäre von Denunziation und Verdächtigungen. Es bricht eine regelrechte Ketzerhysterie aus, der zahlreiche Menschen, allen voran Beginen und Begharden zum Opfer fallen. Und nun wird auch dem Meister aus Erfurt der Prozess gemacht. Ihm wird vorgeworfen, durch seine in deutscher Sprache gehaltenen Predigten das einfache Volk zu verwirren und zu verführen. So seien 28 seiner Sätze als mit der Lehre der Kirche unvereinbar einzustufen. Eckart wendet sich direkt an den Papst. Doch den Urteilsspruch der unheiligen Inquisition erlebt er nicht mehr. Etwa ein Jahr nach seinem Tod wird der tiefsinnige Denker, sensible Seelsorger und tiefreligiöse Christ offiziell als Abweichler und Häretiker verurteilt. Zusammenfassend wird ihm vorgeworfen, dass er „mehr habe wissen wollen als nötig war“. Seine Predigten kommen auf dem Index. Wer sich nun mit ihm beschäftigt, begibt sich in Gefahr.
Diese Kirche, die nicht der Nächstenliebe und evangelischen Freiheit folgt, sondern sich nach ihrem eigenen Hochmut richtet, offenbart hässliche – heute wurden wir diagnostizieren „totalitäre“ - Züge.

Um den gesamten Schatz von Meister Eckarts Werk zu folgen, braucht es Geduld und Zeit. Aber einige seiner Gedanken möchte ich hier vorstellen:

Gelebter Glaube, christliche Spiritualität ist kein Selbstzweck. Wort Gottes, Meditation, Gebet führt zur Freiheit – auch zur Freiheit von Eigennutz, Egoismus, Eitelkeit. Meister Eckardt fand dafür das Wort „Abgeschiedenheit“. Gemeint ist damit eine tiefgehende Gelassenheit, die sogar in der Lage ist, sich selbst zu lassen. Wer sich selbst und seine Seele leer macht, wird dadurch ganz offen dafür, sich von Gott füllen zu lassen. Wer seinen Geist der Leere öffnet, schafft Raum für die Anwesenheit Gottes. Was hier geschieht, lässt sich mit menschlichen Worten nicht endgültig ausdrücken. Und so verwendet Meister Eckart Bilder für solch geistlichen Vorgang. Er spricht von dem Fünklein in der Seelenmitte, mit dem Gott in unserer Seele geboren wird. Weihnacht, das Kommen Gottes in die Welt durch die Geburt Christi, ist für Eckart nicht allein ein historisches Ereignisse zur Zeitenwende in Bethlehem, auch nicht ein Gegenwärtigen allein in Predigt und Glauben. Gottes Geburt geschieht in unserer menschlichen Seele hier und jetzt, es ist ein dauerhaftes Geschehen!

Doch dieser mystische Weg, diese Form des Lassens und der Innerlichkeit, bedeutet bei Eckart nun gerade nicht Lebensfeindlichkeit und Weltflucht.
„Wäre der Mensch beispielsweise so in Verzückung, wie es Sankt Paulus war, und wüsste er einen kranken Menschen, der eines Süpplein von ihm bedürfe, ich erachte es für weit besser, du ließest aus Liebe von der Verzückung ab und dientest dem Bedürftigen in größerer Liebe.“
Eckart mahnt seine Zuhörer und Zuhörerinnen immer wieder, „Gott in allen Dingen zu ergreifen“. Gott ist überall, an allen Orten zu erfahren. So wie man Gott im Kloster oder in einer Kirche begegnen kann, so auch im Alltag, beim Tagwerk und in der einfachsten Hütte. Weil Gott der „beständig in der Nähe“ ist, geschieht wahrer Gottesdienst immer im Hier und Jetzt. Wenn jemand meint, mystisches Erkennen führe zu elitärem Bewusstsein und einer spirituell abgehobenen Weltsicht, der wird ganz harsch von Eckart korrigiert. Der mystische Weg hin zu Gott führt immer auch zu den Menschen hin, oder es ist nicht der mystische Weg. Das zeigt sich auch darin, dass Eckart ein begnadeter Seelsorger war.

Deutlich wird das auch bei seiner Auslegung von Lukas 10, der berühmten Geschichte von Maria und Martha. In einer Predigt kehrt er überraschender Weise den Duktus dieser Bibelstelle um. Und dies überrascht so mehr, als es unsere Vorurteile gegenüber der Mystik widerlegt. Jesus lobt nicht die aktive Martha, die den Haushalt schmeißt, sondern die meditative Maria, die zu seinen Füßen lauschend ruht – „Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“ Doch was meint Eckart dazu? Ihm, dem durch die Seelsorge in Nonnenklöster eine eitle Innerlichkeit bekannt war, die so manche fromme Schwester lebensuntüchtig gemacht hat, meinte etwa: Maria hat es durchaus nötig, auf die Stimme Jesu zu hören, denn sie ist noch nicht so weit, sich mit ihrem Glauben von sich weg hin auf andere zu richten. Demgegenüber sei Martha diejenige, die über eine selbstbezogene Frömmigkeit bereits hinausgewachsen ist und bereits fähig geworden ist, im Alltag, im Leben, im Hier und Jetzt ihren Glauben wirksam werden zu lassen. Hier leuchtet auf, was Luther später weiter zuspitzt, der dann radikal das Klosterleben an sich in Frage stellt und sagt, ganz im Geiste des Meisters: Möchte also die ganze Welt voll Gottesdienst sein; nicht all
ein in der Kirche, sondern auch im Hause, in der Küche, im Keller, in der Werkstatt, auf dem Feld, bei Bürgern und Bauern, ... alle miteinander dienen sie Gott.“

Zwei Dinge möchte ich noch ansprechen, die zeigen können, dass Meister Eckart ein hochmoderner Theologe bleibt:

Dazu ein Zitat aus dem Buch „Christliche Mystiker“ von Gerhard Wehr:
„Ernst zu nehmen ist…der Nachweis, in welch hohem Maß Eckhart durch den berühmten muslimischen Philosophen Ibn Rushd und andere beeinflusst wurde. Diese Tatsache ist einer der keineswegs seltenen Belege dafür, dass es bereits im Mittelalter…so etwas wie einen christlich-muslimischen Dialog gegeben hat.“

Und desweiteren sei erwähnt, dass Eckarts Konzept einer auf das Sein und nicht auf das tun konzentrierten Seele den Psychoanalytiker Erich Fromm zu seinem Hauptwerk „Haben oder Sein“ inspirierte.

Und ich bin mir sicher, dass dieser spirituelle Denker, tätige Seelsorger und sich ganz Gott lassende Glaubender auch künftig Menschen bei ihrer Suche nach Wahrheit, Leben und Gott begleiten wird.

Quellen:
Schriften von Meister Eckart
Gerhard Wehr
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