Michael Servet - die bunten Vögel der Reformation

Gera: Evangelisches Gemeindehaus Talstraße 30 | Bunte Vögel der Reformation – eine außergewöhnliche Geraer Gottesdienstreihe im Reformationsjahr

Michael Servet – Leben und Tod

Miguel Serveto wurde 1511 in Spanien geboren. Dieses Land befand sich in diesen Tagen fest im Griff der Inquisition. Zensur, Verrat, Folter und grausam zelebrierte Massenhinrichtungen prägten den Alltag der Spanier. Neben den Juden, und dabei auch die zum Christentum bekehrten Juden, die allzeit im Visier der Glaubenswächter waren, kamen sogenannte kirchliche Häretiker auf den Scheiterhaufen. Dabei handelte es sich um Christen, die von der offiziellen kirchlichen Lehrmeinung abweichende Überzeugungen vertreten haben. Auch Protestanten wurden in Spanien und in den spanisch besetzten Niederlanden als Ketzer blutig verfolgt.

Michael Servet studierte anfangs Rechtswissenschaft, aber Theologie und Philosophie nahmen ihn zunehmend in ihren Bann. Als aus Italien die Ideen des Humanismus auch nach Spanien schwappten, saugte Servet diese Gedanken wie ein trockener Schwamm auf. Er studierte die Heilige Schrift im hebräischen und griechischen Urtext. Dabei prüfte er kritisch, inwieweit kirchliche Lehrsätze mit dem biblischen Worten übereinstimmten. Ihn trieb nach eigener Aussage nichts stärker an als die Suche nach der Wahrheit. Dabei kam er zu der Entdeckung, dass mit der Einführung des Christentums als Staatsreligion unter Kaiser Konstantin und dessen Nachfolger die Kirche in Lehrfragen nicht mehr unabhängig agierte. Die verfassten Dogmen verstoßen – so Servet – gegen die biblische Botschaft. Insbesondere die Lehre von der Trinität – die göttliche Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist – lehnte Servet scharf ab. Ermutigt fühlte sich Servet auch dadurch, mit seiner Kritik in der Kirchengeschichte nicht allein zu sein. So hatte bereits der altkirchliche Theologe Arius (+ 336 n.Chr.) die Trinitätslehre abgelehnt.
Neben dem biblischen Befund hatte ihn ein Weiteres dazu veranlasst: in Spanien waren vor dem Wüten der Inquisition sowohl jüdische als auch muslimische, maurische Einflüsse präsent. Deren Kritik an der Kirche, sie habe mit der Trinitätslehre den Glauben an einen einzigen Gott verlassen, nimmt Servet ernst.
Geradezu modern mutet seine Absicht an, zwischen den drei Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam Brücken der Verständigung zu bauen. Die Vertreibung der jüdischen Gemeinden aus Spanien lehnt er ab. Die gegenseitigen Feindseligkeiten zwischen Muslimen und Christen erfüllt ihn mit Trauer.
Und so gab Michael Servet sein Werk „De Trinitatis erroribus“ zu Deutsch: „Über die Irrtümer der Dreieinigkeit“ heraus. Da war er gerade mal 20 Jahre alt.

Damit war sein Schicksal als Glaubensflüchtling besiegelt. Er flieht vor der Inquisition nach Paris. Unter neuem Namen studiert er Medizin, Geometrie, Kunst. Er vertieft seine Kenntnisse in Hebräisch und Theologie. Anfangs von Calvin beeindruckt, nimmt Servet Kontakt zu dem Reformator auf. Doch an der Frage nach der Trinität bricht ein gefährlicher Konflikt aus. Calvin äußert sich 1546 gegenüber einem Vertrauen: „Wenn es mir zusage, will er nach Genf kommen. Doch ich garantiere für nichts. Denn kommt er wirklich hierher, so lasse ich ihn, wenn mein Einfluss etwas bewirkt, nicht wieder lebendig fortziehen.“ Servet indessen kämpft für seine Überzeugungen – mit dem Wort. Er veröffentlicht weitere Schriften, die per se auch als Kritik an der Theologie Calvins gelesen werden.
Calvin schlägt zurück. Doch seine Waffe ist Heimtücke und Denunziation. Er lässt ausgerechnet der Inquisition Dokumente zukommen, die Servet als Ketzer belasten. Dieser muss wieder fliehen. In Abwesenheit wird er zum Tode verurteilt. Seine Schriften werden symbolisch in der Öffentlichkeit verbrannt.

War es Naivität, Gutglauben, blindes Vertrauen? Oder war es letztlich wortwörtlich - ein provokatives Spiel mit dem Feuer? Ausgerechnet nach Genf, dem Herrschaftsbereich Calvins, lenken ihn seine Füße. Dort besucht er einen Gottesdienst, und sein theologischer Widersacher predigt.
Jetzt beginnt der völlige moralische Abstieg des weltweit geachteten Reformators:
Calvin lässt Servet umgehend in Haft nehmen und forciert von Anbeginn den Prozess mit der Absicht, Servet töten zu lassen. Er liefert dem Gericht „Beweise“ und „Gutachten“ und tritt schließlich selbst als Ankläger auf. Er verweigert Servet einen Rechtsanwalt und lehnt Hafterleichterungen auf Grund des sich verschlechternden Gesundheitszustandes des Angeklagten ab. Und so endet die Farce, wie sie gestartet ist: als Justizverbrechen. Michael Servet wird wegen der theologischen Ablehnung der Trinitätslehre zum Tode verurteilt.
27. Oktober 1553:
In Genf brennt der Scheiterhaufen für Servet, wobei selbst hier die Boshaftigkeit noch einmal gesteigert wird. Nach historischen Berichten verwendete der Scharfrichter nasses Holz, so dass die Qual für den Todgeweihten bewusst heraus gezögert wurde. Die letzten Worte von Servet waren: „Jesus, Sohn des ewigen Gottes, habe Erbarmen mit mir“.
Weitere Reformatoren befürworten ausdrücklich das Urteil. Auch der Wittenberger Reformator Philipp Melanchthon, enger Vertrauter Luthers, bedankt sich bei Calvin. Die Verbrennung Servets bezeichnete er sogar als „ein frommes und denkwürdiges Beispiel“.

Doch es bleibt nicht bei diesen einen, wohl bekanntesten Fall von protestantischer Ketzerverfolgung. In Bern wird 1566 Valentino Gentile und in Heidelberg Johannes Sylvanus als Gegner der Trinitätslehre hingerichtet. Die brutale Jagd auf die Täufer und die Fortführung der durch die katholische Kirche ausgelösten Hexenverfolgung –allein 1545 wurden in Genf unter Calvin 34 Frauen öffentlich verbrannt – werfen bis heute finstere Schatten auf die Reformationsgeschichte.

Andererseits gab es mutige Stimmen, die sich dieser religiösen Gewalt entgegenstellten. Eine wichtige davon war die von Sebastian Castellio.

Michael Servet – die Predigt

Diese Geschichte mit Servet, ich gebe es zu, diese Geschichte ist starker Tobak. Intrigen, Denunziationen, Schauprozess, Justizmord; und das alles im Namen der Reformation. Ein historischer Ausrutscher? Ein Einzelfall? Die berüchtigte Ausnahme von der Regel? Wir Protestanten sind doch historisch gesehen die Christen, die Inquisition und Glaubenszwang abgeschafft haben!! Oder doch eher nicht?

Es schmerzt und kratzt am eigenen Selbstverständnis, aber zur Redlichkeit und geschichtlichen Wirklichkeit gehört das Eingeständnis: auch von Reformatoren und von den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen ging religiös begründete Verfolgung und Gewalt aus. Was bei Calvin die Antitrinitarier, die Täufer und die Hexen waren, das waren bei Luther die hasserfüllten Reden gegen die Juden. Und eben auch eine tödliche Repression gegen Täufer und angebliche Hexen.

„Es kommt aber die Zeit, “ spricht Jesus, „dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst.“

Was fangen wir damit an? Heute? Und im Gedenkjahr der Reformation?
In den Evangelien können wir Worte von der Nachfolge finden. Schauen wir also auf Jesus. Lassen wir uns von ihm leiten, um Michael Servet neu zu begegnen.

Punkt 1: Jesus hat die Menschen angeschaut. Er hat sie angesprochen, hat sie berührt. Er hat nicht nach ihrer theologischen Meinung gefragt, sondern nach ihrer Lebenssituation, nach ihrem Schicksal.
Jesus hat die Menschen gewürdigt, denen er begegnete. Dies schloss kritische Worte durchaus ein. Aber er gab den Menschen immer ihre Würde wieder. Er gab auch dem Zachäus, dem von der Gemeinschaft ausgeschlossenen Aussätzigen und der samaritanischen Frau ihre Würde zurück.
Michael Servet wurde einst von den Reformatoren gemieden wie ein Aussätziger. Schließlich wurde er seiner Würde beraubt und getötet. Später versuchte die Mehrheit der protestantischen Theologen, diesen Namen zu vergessen.

Geben wir heute Michael Servet seine Würde zurück. Zuerst geht es um diesen konkreten Menschen, dem Unrecht getan wurde. Er war für Niemanden eine Gefahr. Er hatte nichts Böses getan. Michael Servet – oder richtiger Miguel Serveto – hatte nur die „falsche“ Meinung. Und war zur falschen Zeit am falschen Ort.
Stellen wir uns, gerade wir Evangelischen, seiner Geschichte und haben den Mut, an Miguel Serveto zu erinnern; gerade im Reformationsjahr. Und erweisen wir diesem Mann die Ehre. Wir müssen nicht seine theologischen Ansichten oder seine Kritik an der Trinität teilen. Aber sprechen wir laut aus, was wahr ist:
Miguel Serveto war ein mutiger, kluger und standhafter Mensch. Er ist für seinen Glauben und für seine Überzeugung bereit gewesen, Leid und Tod auf sich zu nehmen. Serveto war ein Mensch in der Nachfolge Jesu Christi. Er gehört mit zu den bedeutenden Reformatoren und war ihnen gleichsam an einigen Punkten weit voraus. Miguel Servet war ein Märtyrer. Er war ein Zeuge für Jesus Christus. Und für die Gewissensfreiheit.

Punkt 2: Jesus hat zur Buße aufgerufen. Er rief zur Umkehr von falschen Wegen auf. „Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken im eigenen Auge siehst du nicht?“ Eine ehrliche, selbstkritische Haltung gehört zur Nachfolge dazu. Vergebung, Versöhnung und Neuanfang sind dabei das Ziel.

Wenn wir uns der Geschichte von Miguel Serveto stellen, so hat das auch etwas mit Wahrheit und Wahrhaftigkeit zu tun. Gerade Christus macht uns Mut, zu unseren Fehlern, Schwächen, zu unserer Schuld zu stehen. Schuldeinsicht und Schuldbekenntnis sind wesentlich, um Vergebung und Versöhnung zu finden.
Auch unsere eigene reformatorische Geschichte hat ihre dunklen, destruktiven, blutigen Seiten. Dem dürfen wir um Christi und der Menschen willen nicht ausweichen.

Und das geschieht, gerade im Jahr der Reformation. Da gibt es die Ausstellung über Luther und die Juden, Gespräche zwischen Baptisten und Lutheranern über die Schuld gegenüber den Täufern, Versöhnungsgottesdienste über Konfessionsgrenzen hinweg. Und heute haben wir in diesem Gottesdienst ganz konkret über Miguel Serveto gesprochen.
Und wir sagen: „Herr, es war protestantische Schuld, es war ein Irrweg, der zum Tod von Miguel Serveto geführt hat. Wir bitten Miguel Serveto und dich, Herr, um Vergebung!“

Punkt 3: Jesus hat sich der frommen Überheblichkeit ebenso entgegengestellt wie der Gewalt und dem Hass. Er stand auf der Seite der Ausgegrenzten und Bedrohten. Er war darin so konsequent, dass er sein eigenes Leben gab, um die grenzenlose Liebe Gottes zu bezeugen.
Buße und Umkehr bedeuten, dann auch einen neuen Weg einzuschlagen. Glauben wollen und können wir heute nur noch in ökumenischer Offenheit leben. Dabei kann Miguel Serveto mahnen, auch auf die Unitarischen Gemeinden zuzugehen. Unitarier sind Menschen, die sich als geistige Nachfahren Servetos verstehen und eine dogmenkritische Religiosität vertreten. Statt die Unterschiede als abgrenzende Mauern zu sehen, könnten wir stärker auf bestehende Gemeinsamkeiten achten.
In der Verfassung unserer Kirche ist zudem die Verpflichtung zum christlich-jüdischen Gespräch und dem Dialog mit anderen Religionen festgeschrieben.
Als protestantische Kirche sind wir, gerade wegen unserer ambivalenten Geschichte, ganz der Religions- und Gewissensfreiheit verpflichtet. Das bedeutet auch ein aktives Eintreten für „die Wahrung der Menschenwürde, die Achtung der Menschenrechte und für ein von Gleichberechtigung bestimmtes Zusammenleben der Menschen“. Auch das steht in unserer kirchlichen Verfassung. Heute erscheint uns das fast wie selbstverständlich. Es war aber für unsere protestantischen Kirchen und Gemeinden ein schwieriger, wechselvoller Weg, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass Freiheit und Menschenwürde wesentlich zur Nachfolge Christi dazugehören. Miguel Serveto war ein Mensch, der mit seinen Ideen und seinem Leiden dazu beigetragen hat, dass dieser Wahrheit zum Durchbruch geholfen werden konnte. Und diese Wahrheit ist immer auch bedroht. Halten wir sie fest und verteidigen sie, in Christi Namen. Amen
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1 Kommentar
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Jürgen Wesiger aus Nordhausen | 21.03.2017 | 11:56  
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