Mit Volldampf in die neue Zeit. Neue Sonderausstellung im Stadtmuseum Gera gibt Querschnitt durch 200 Jahre Geraer Industriegeschichte

Wann? 09.04.2012 bis 31.08.2012

Wo? Stadtmuseum, Museumsplatz 1, 07545 Gera DE
Hans Traugott Golde, ein Nachfahre der Geraer Wagen- und Karosseriefabrik Traugott Golde, betrachtet das Modell des Fahrzeuges, dass seine Vorfahren in Gera gebaut haben. Im Vorfeld der Ausstellungseröffnung übergab er dem Stadtmuseum die kompletten Jahrgänge der Zeitschrift „Deutsche Fahrzeug-Technik“. Herausgegeben wurde diese Fachzeitschrift für die gesamte Fahrzeug- und Karosseriebauindustrie von der Firma seiner Vorfahren.
 
Ausstellungseröffnung
  Gera: Stadtmuseum | Wer weiß schon, dass Johann Christoph Münch im Februar 1811 in Gera die Genehmigung erhielt, in seinem in der Greizer Straße / Ecke Stadtgraben gelegenen Wohnhaus eine Baumwollspinnerei mit einer kleinen Spinnmaschine anzulegen? Das war der Start für die Industrialisierung in Gera.

Oder kennt jemand das Funktionsmodell der ersten Geraer Dampfmaschine aus dem Jahr 1833 oder das Modell des 1906 in Gera von den Firmen Friedrich Erdmann und Traugott Golde konstruierten und gebauten Transporters?

Einen Querschnitt durch 200 Jahre Industriegeschichte präsentiert das Stadtmuseum in der neuen Sonderausstellung „Mit Volldampf in die neue Zeit“. Bis zum 9. April 2012 vermittelt die Schau auf einer Fläche von zirka 250 Quadratmetern dem Besucher interessante Informationen und Details zu rund 300 Objekten, die die industrielle Entwicklung der Stadt von den Anfängen bis zur Gegenwart widerspiegeln; darunter sehenswerte Fotos, Dokumente und einzigartige Modelle.

„Das markante Datum für Gera ist das Jahr 1811: Den Beginn der Industrialisierung kann man in Gera an der Aufstellung der ersten Maschinen, Baumwollspinnmaschinen, festmachen, die Johann Christoph Münch in Betrieb nahm“, berichtet die Leiterin der Stadtmuseums Ute Heckmann. „Die Basis für die überaus rasante Industrialisierung in Gera bildeten aber nicht die Baumwollstoffe, sondern die aus Schafwolle gefertigten Kammwollstoffe.“ Vor der Verarbeitung der Schafwolle seien deren kurze, harte Fasern ausgekämmt worden, so dass im Ergebnis des Fertigungsprozesses weiche Stoffe mit sehr guten Trageeigenschaften entstanden.

Der Einsatz von Maschinen und die Gründung von Fabriken sind wichtige Fixpunkte für die Anfänge der industriellen Entwicklung, die sich in Gera über einen längeren Zeitraum in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts vollzog. Die Vielfalt und gute Qualität der hier produzierten Kammwollstoffe verhalfen der Stadt rasch zu einem überregionalen Bekanntheitsgrad.

Am Ende des Jahrhunderts galt Gera als ein Zentrum der Textilindustrie in Deutschland. Bedingt durch den großen Maschinenbedarf in der Textilindustrie entwickelte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts der Maschinen- später auch der Werkzeugbau.

So hatte Gera um 1900 deutschlandweit einen überdurchschnittlich hohen Grad der Industrialisierung erreicht – knapp 70 Prozent der Erwerbstätigen arbeiteten zu dieser Zeit in Fabriken; der Durchschnitt lag bei lediglich 39 Prozent.

Nach 1920 dominierte noch immer die Textilbranche in Gera, aber die bemerkenswerten Zuwachsraten erzielte der Maschinen- und Werkzeugbau. Darüber hinaus entwickelte sich bereits eine Branchenvielfalt.

Ende der 1930er Jahre wurde im Zuge der Ausrichtung auf die Rüstungsproduktion als weiterer großer Industriezweig die Elektrotechnik angesiedelt.

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die Geraer Industrie auf eine langjährige erfolgreiche Entwicklung aufbauen. Im Rahmen der zentralen Planwirtschaft der DDR erfuhr sie aber auch erhebliche Veränderungen. Mit der verstärkten Bildung von Kombinaten entstanden seit den 1970er Jahren Großbetriebe. Zum größten Industriezweig entwickelte sich in diesem Zeitraum die Elektrotechnik/Elektronik.

Nach der friedlichen Revolution erfolgte die Privatisierung der Industrie. Betriebe wurden an Alteigentümer zurückgegeben, an Investoren verkauft oder wegen Unrentabilität geschlossen. Manch eine traditionsreiche Firma verschwand so aus dem Stadtbild. Unternehmen, denen der Einstieg in die Marktwirtschaft gelang, mussten sich mit reduziertem Personal nicht nur neu strukturieren, sondern auch neu orientieren – dazu gehörten neben der Spezialisierung auch die Umstellung von Groß- auf Kleinserien oder Einzelanfertigungen nach Kundenwünschen.

Der Querschnitt durch die beeindruckende Geraer Industriegeschichte wird in der Ausstellung anhand zahlreicher Firmen und deren Produkte aufgezeigt. Neben den dominierenden Industrien - Textilindustrie, Maschinen- und Werkzeugbau und Elektrotechnik/Elektronik - finden sich weitere Industriezweige. Dazu gehören u.a. die Porzellanindustrie, der Musikinstrumentenbau, Druckereien und Zeitungswesen, die Kosmetikindustrie oder die Produktion von Nahrungs- und Genussmitteln.

Präsentiert werden etwa 300 Objekte. Darunter befinden sich Großobjekte wie das Funktionsmodell der ersten Geraer Dampfmaschine aus dem Jahr 1833, ein Arbeitsplatz zur Endkontrolle von Geweben in der Firma Schulenburg & Bessler, ein sieben Quadratmeter großes Gemälde, das eine Werkhalle im VEB Blendax zeigt und ein Magnetbandspeicher, der im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena/Betrieb für Informations- und Verarbeitungstechnik Gera produziert wurde.

Auch Modelle belegen die breite Vielfalt der Geraer Industrie. Sehenswert sind besonders die Modelle eines mechanischen Webstuhls aus der Zeit um 1900, eines Autos, das 1906 in Gera hergestellt wurde oder einer im VEB Maschinen- und Dampfkesselbau gefertigten Flaschenreinigungsmaschine aus den 1980er Jahren.

Darüber hinaus wird die Industriegeschichte durch eine große Anzahl Firmenansichten, Innenaufnahmen von Fabrikhallen und Werbeprospekten sowie in Gera hergestellter Produkte widerspiegelt.

„Die Ausstellung wird nicht nur für alteingesessene Geraer viele interessante Aspekte bringen. Auch jungen Leuten wollen wir auf anschauliche Weise die Entwicklung ihrer Heimatstadt näher bringen. Wir sehen hier auch eine interessante Ergänzung zum Schulunterricht“, so Ute Heckmann.

Die Ausstellung ist vom 17. November 2011 bis 9. April 2012 im Stadtmuseum Gera, Museumsplatz 1, Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen, 11 bis 18 Uhr, geöffnet.


PS:

Zu sehen ist auf den Fotos natürlich nur ein Teil der ausgestellten Objekte. Auch die Erläuterungen zu den Objekten sind in der Ausstellung weitaus umfangreicher.

PPS:

Einen Bericht über die Ausstellung „Gera zu Dix‘ Zeiten“, die bis 26. Februar 2012 zu sehen ist. finden Sie hier:

http://www.meinanzeiger.de/gera/leute/zeppelin-ueb...
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7 Kommentare
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Steffen Weiß aus Gera | 17.11.2011 | 16:40  
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Steffen Weiß aus Gera | 24.11.2011 | 11:03  
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Steffen Weiß aus Gera | 03.04.2012 | 17:10  
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