O Heiland, reiß die Himmel auf,

Gera: Trinitatiskirche | O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf,
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

O Gott, ein' Tau vom Himmel gieß,
im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
den König über Jakobs Haus.

O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,
dass Berg und Tal grün alles werd.
O Erd, herfür dies Blümlein bring,
o Heiland, aus der Erden spring.

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal.

O klare Sonn, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern;
o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein
in Finsternis wir alle sein.

Hier leiden wir die größte Not,
vor Augen steht der ewig Tod.
Ach komm, führ uns mit starker Hand
vom Elend zu dem Vaterland.

Da wollen wir all danken dir,
unserm Erlöser, für und für;
da wollen wir all loben dich
zu aller Zeit und ewiglich.


Ein Adventslied mit gewaltiger Bildsprache; anschaulich, expressiv und intensiv. Die Beschreibungen ähneln Visionen, inneren Bildern, wie wir sie von den Propheten her kennen oder von charismatischen Menschen wie die Hildegard von Bingen. Doch die Bilder haben eine starke seelische Kraft. Wir werden mit hineingenommen in das Geschehen. Wir kommen in Bewegung, wir werden durchgeschüttelt, weil die ganze Welt erschüttert wird. Das Himmlische kommt auf die Erde, das Ewige besucht die Zeit, Gott bricht in den Alltag ein. Da wird Energie frei, das sag` ich euch! Da wird der Himmel nicht einfach nur geöffnet. Nein, er wird aufgerissen! Und die ganze Schöpfung explodiert vor Lebenskraft. Die Erde schlägt aus, alles wird Grün. Regen und Tau machen alles fruchtbar. Die Elemente toben, doch nicht zerstörerisch, sondern befreiend. Sonne und Stern geben mit ihrem Schein das rettende Licht. Trost wird nicht allein den Christen, auch nicht nur den Menschen, sondern der ganzen Welt zugesagt.
Ein Adventslied, dass das Kommen Gottes beschreibt. Und was passiert, wenn Gott kommt? Gott ist unbändige Lebenskraft, Gott ist voller Kreativität. Es sind Bilder der Schöpfungswonne, denen wir lauschen.
Was geschieht, wenn Gott kommt? Gott, der Grenzenlose, begibt sich in die Grenzen irdischer Existenz hinein, um alle Grenzen zu sprengen. Gott, der Unsterbliche, begibt sich in unseren Tod hinein, um den Tod zu überwinden. Gottes Liebe fließt vom Himmel auf die Erde herab und durchdringt alles – Freude und Trauer, Angst und Vertrauen, Geburt und Sterben, die sichtbaren und die unsichtbaren Welten. Gerade weil Gott mit seiner Liebe alles durchdringt, kann er von innen her heilen und retten. Es sind keine Bilder vom Untergang, vom Tag des Herrn als schreckliche Katastrophe. Nein, wir hören kraftvolle Bilder der Hoffnung. Das Wunder der Gottesliebe wird besungen.
Was geschieht, wenn Gott kommt? Es geschieht: Erlösung!

Das Adventslied „O Heiland reiß die Himmel auf“ hat Friedrich Spee geschrieben. Es steht im katholischen Gotteslob wie in unserem evangelischen Gesangsbuch. Es gehört zu dem musikalischen Schatz der Ökumene. Spee war Jesuitenpater und als Theologieprofessor und Prediger bekannt. Besondere Verdienste erwarb er sich aber als Seelsorger. Er arbeitete in Gefängnissen und Krankenhäusern. Bei dieser Aufgabe kam er mit pestkranken Soldaten in Kontakt. Dabei steckte er sich an und starb im Alter von 44 Jahren.
Friedrich Spee erlebte eine düstere Zeit. Der Dreißigjährige Krieg tobte gnadenlos und raffte ganze Ortschaften dahin. Und er wurde Zeuge von Hexenprozessen. Im Gegensatz zu der herrschenden Meinung seiner Tage lehnte Spee die Folter ab und wandte sich gegen den Hexenwahn. Er verfasste dazu eine Schrift, die damals allerdings anonym erschien.
Wenn wir nun in seinem Lied die Anspielungen auf Elend, Jammertal und Finsternis hören, können wir ahnen, wie sehr dies alles mit seinem Leben direkt zu tun hatte.

Mit seinem Lied jedoch singt er gegen allen Widersinn und gegen alle Trostlosigkeit an. Es ist adventliches Singen. Er singt vom Kommen Gottes, auf das er mit der ganzen Schöpfung wartet. Es ist der Klang der Hoffnung, den er zu hören gibt. Es sind die Bilder der Erlösung, die er beschreibt. Und Friedrich Spee nimmt uns mit seinem Lied, nimmt auch unsere Zeit in diese Hoffnung, in diese Kraft mit hinein. Vielleicht sind es gerade die Menschen, die tiefen Schmerz erleiden, die auch zu tiefem Glauben und zu tiefer Hoffnung fähig werden.

Gott, der Grenzenlose, begibt sich in die Grenzen irdischer Existenz. Gottes Liebe fließt in die Welt hinein. Das Himmlische kommt auf die Erde, das Ewige besucht die Zeit, Gott bricht in den Alltag ein. Irgendwie liest sich das alles auch wie die Beschreibung einer Geburt. Die Bilder des Advent verweisen uns auf das Weihnachtsfest. Ein Kind kommt zur Welt, und der Heiland reißt die Himmel auf.

Friedrich Spee wurde durch den Propheten Jesaja zu seinem Adventslied inspiriert. Hören wir nun dessen Worte:

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.
Bist du doch unser Vater; Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.

Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen,
wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten,
wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten - und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! -
und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Welch ausdrucksvolle, bilderreiche Sprache. Es ist eine Sprache der Seele, die uns tief innen berühren kann und will. Und wenn der Heiland den Himmel aufreißt, damit Gott auf Erden kommen kann, dann möge er auch den Kerker aufreißen, in dem unsere Seele gefangen ist; dieses Gefängnis aus Angst, Schmerz, Sorge und Misstrauen. Wenn der Heiland alles Trennende zerreißt, dann können Himmel und Erde, Gott und Seele endlich frei ineinander fließen.
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