Otto Dix retrospektiv in Gera. Kunstsammlung würdigt Schaffen des großen Geraer Künstlersohnes zu seinem 120. Geburtstag - Ausstellung in Orangerie und Dix-Haus vereint rund 240 Werke

Wann? 18.03.2012 bis 03.06.2012

Wo? Kunstsammlung Gera, Orangerieplatz 1, 07548 Gera DE
Selbst vernichtete Werke von Otto Dix sind in der Ausstellung als Bildprojektion zu sehen.
   
Holger Saupe, Leiter der Kunstsammlung Gera, führt durch die Ausstellung
 
Otto Dix, Weinberg, Weg von den "Buchen" an der Straße nach Milbitz zum Plateau des Berges, um 1908, Öl auf Pappe, Dauerleihgabe aus Geraer Privatbesitz in der Kunstsammlung Gera
Gera: Kunstsammlung Gera | Mit der hochkarätigen Schau „Otto Dix: retrospektiv“ würdigt die Otto-Dix-Stadt Gera das Schaffen ihres großen Künstlersohn anlässlich seines 120. Geburtstages. Die städtische Kunstsammlung präsentiert in der Ausstellung, die am Freitag (02. Dezember) eröffnet wurde, rund 240 Werke aus allen Schaffensphasen des am 2. Dezember 1891 in Gera-Untermhaus geborenen Künstlers. Die Exposition vereint in der Orangerie und dem Dix-Geburtshaus Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafiken aus der Geraer Sammlung, der Otto-Dix-Stiftung Vaduz sowie öffentlichen und privaten Sammlungen aus ganz Deutschland. Beide Häuser können mit einem Kombiticket besucht werden. Die Ausstellung ist bis zum 18. März 2012 dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 11.00 bis 18.00 Uhr zu besichtigen.

Die Werke der Jubiläumsausstellung ranken sich um Porträt, Eros und Tod, Krieg und Gewalt, Allegorie und Landschaft. Sie veranschaulichen die inhaltliche und stilistische Breite der Kunst des Meisters der Neuen Sachlichkeit und des Expressionismus. Darunter sind so bekannte wie „Meine Freundin Elis“ aus der Geraer Sammlung, das „Selbstbildnis mit Jan“ aus dem Kunstmuseum Stuttgart und das „Selbstbildnis mit Staffelei“ aus dem Leopold-Hoesch-Museum & Papiermuseum Düren. Gezeigt werden erstmals aber auch sieben Arbeiten, die neu in die mehr als 450 Werke umfassende Geraer Dix-Sammlung kamen. Sie stammen aus dem Besitz des Neffen Volkmar Dix, der 2009 in Gera verstarb.

Otto Dix (1891-1969) gehört zweifelsohne zu den bedeutendsten deutschen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Schon 1966 verlieh ihm Gera die Ehrenbürgerwürde, und anlässlich seines 100. Geburtstages entstand in seinem historischen Geburtshaus ein monografischer Museums- und Galeriekomplex, in dem die Geraer Dix-Sammlung seither ständig präsentiert wird. Diese Schau wurde für die Zeit der Retrospektive neu gestaltet. Die Präsentation im Otto-Dix-Haus korrespondiert mit der Gesamtschau und liefert zusätzlich detaillierte thematische Einblicke in seine frühe und späte Landschaftsmalerei sowie sein Porträtschaffen der 1950er und 60er Jahre. Ergänzend zu den Arbeiten zum Thema Krieg sind die 46 gezeichneten Feldpostkarten aus der eigenen Sammlung zu sehen, die letztmalig als Leihgabe in Paris vollständig ausgestellt waren.

Den Auftakt zur Schau „Otto Dix: retrospektiv“ geben frühe Landschaftsdarstellungen mit Motiven aus der Umgebung von Gera, die noch deutlich durch den Impressionismus und die Freilichtmalerei beeinflusst wurden. Erstmals sind fünf kleinformatige Ölgemälde aus dem malerischen Jugend- und Frühwerk von Dix zu sehen, die neben seiner umfangreichen zeichnerischen Erkundung auf Skizzen und Zeichenblättern nun auch eine stärkere malerische Auseinandersetzung mit seiner unmittelbaren heimatlichen Umgebung zu erkennen geben. Ein Beispiel dafür ist das um 1910 entstandene Gemälde „Blick vom Elsterufer bei der Uferstraße in Richtung Adelheidbrücke“ (Öl auf Leinwand, 34 x 43 cm) aus der Kunstsammlung, das zu den Neuzugängen gehört und die Sicht unmittelbar vor der Haustür des Wohnhauses der Familie über die bewegte Wasseroberfläche bis hin zur Flussbrücke und dem dahinter steil ansteigenden Hainberg wiedergibt.

1910 ging Dix zum Studium an die Kunstgewerbeschule Dresden, wo er auch über den Einfluss der Schule hinaus nachhaltige Anregungen aus der Dresdner Kunst erhielt. „Die Ausstellung macht deutlich, dass sich in seiner Malerei ein Wandel zum kraftvoll-expressiven Realismus mit symbolistischen Bezügen vollzieht“, betonte der Leiter der Geraer Kunstsammlung, Holger Saupe. 1914 wird Dix Soldat im Ersten Weltkrieg und erlebt die Realität des modernen Infernos unmittelbar an der Front im Schützengraben. Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg wurde eines der zentralen Themen im Œuvre von Dix. Als Künstler habe er wie kein anderer, die grausige Wirklichkeit des Krieges, von Chaos, Zerstörung, Gewalt und Tod veranschaulicht. Seine einzigartigen Darstellungen der Schrecken des Krieges, vor allem aber auch der weitreichenden Folgen in der Nachkriegsgesellschaft, sei das, was Dix von vielen Künstlern seiner Generation unterscheide.

Nach dem Ersten Weltkrieg ging Dix zurück nach Dresden, studierte an der Dresdner Kunstakademie. Die Ausstellung zeigt herausragende Werke aus seiner so genannten „Kosmischen Phase“, etwa das kleinformatige Gemälde „Sehnsucht (Selbstbildnis)“ von 1918/19 (Öl auf Leinwand, 53,5 x 52 cm) als Leihgabe der Galerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, das Dix seinem Biografen Fritz Löffler zufolge aus Gera mit nach Dresden brachte, oder das „Schwangeres Weib“ von 1919 (Öl auf Leinwand, 135 x 72 cm) aus Privatbesitz.

In der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts gilt Dix zweifelsohne als unverwechselbarer Porträtist und Menschenschilderer. „In seinen Bildern spiegeln sich die Individualitäten der Zeitgenossen wider, die bedrückende Enge und Einsamkeit, aber auch das Leben in der modernen Großstadt mit ihren Vergnügungen, Attraktionen und Verwerfungen“, machte Saupe deutlich. Mit unerbittlichem Realismus richte Dix in seiner Kunst den Blick auf die Erscheinungen der Zeit, die sozialen Randexistenzen der Großstadt, auf bornierte Spießer und revolutionäre Barrikadenkämpfe, auf Kriegskrüppel, verhärmte Schwangere und Arbeitslose, in das zwielichtige Milieu der Dirnen und Zuhälter, Bordelle und Salons. Sein zugespitzter, messerscharfer, provokanter und polemischer Realismus verfehle bis heute seine Wirkung nicht.

Von Dresden ging Dix zunächst nach Düsseldorf, dann nach Berlin. In den virulenten großstädtischen Metropolen entwickelte sich der inzwischen berühmt-berüchtigten Künstler zu einem der großen Maler des 20. Jahrhunderts. 1927 kehrte er nach Dresden zurück und trat eine Professur für Malerei an der dortigen Kunstakademie an. Hochrangige Leihgaben an Aquarellen und Zeichnungen aus der Otto-Dix-Stiftung Vaduz sowie aus deutschen Galerien und Museen lassen die Werkphase der 1920er Jahre in der Ausstellung anschaulich werden. Darunter befinden sich das „Selbstbildnis mit Staffelei“ von 1926 (Tempera auf Holz, 80 x 55 cm) aus dem Leopold-Hoesch-Museum & Papiermuseum Düren, das „Bildnis des Philosophen Max Scheler“, 1926 (Mischtechnik, 100,5 x 69,7 cm) von der Universität Köln sowie das „Selbstbildnis mit Jan“ aus dem Jahr 1930 (Mischtechnik auf Holz, 118 x 88,7 cm) aus dem Kunstmuseum Stuttgart.

1933 wurde er durch die Nationalsozialisten als „Entarteter Künstler“ diffamiert und aus dem Lehramt entlassen. Unterstützer in dieser schweren Zeit findet er bei Sammlern und Porträtauftraggebern, wie dem Brauereibesitzer Dr. Wilhelm Zersch aus Köstritz, dessen Bildnis Dr. Wilhelm Zersch (1935, Mischtechnik auf Holz, 78 x 68 cm) aus Privatbesitz erstmals öffentlich in Gera zu sehen ist. Dix zog sich in die „Innere Emigration“ an das Bodenseegebiet zurück. Ab Mitte der 1930er Jahren widmete er sich wieder stärker der Landschaftsmalerei, die er in altmeisterlicher Lasurtechnik ausführte. Für den Maler war die Landschaft damals eine Art Emigration, da er „keine Gelegenheit zu Deutungen von Menschen“ (Otto Dix) hatte. Doch auch in den scheinbar unverfänglichen Landschaftsdarstellungen der 1930er Jahre und den Bildern mit religiösen Motiven aus jenen Jahren, werde eine anspielungsreiche Metaphorik erkennbar, sagte Saupe. Exemplarische Beispiele dafür sind die aus Privatbesitz stammenden Gemälde „Lärche im Engadin“, von 1938 (Mischtechnik auf Holz, 105,5 x 72 cm) und „Der Heilige Antonius im Walde“ von 1941 (Mischtechnik auf Holz, 100 x 70 cm).

Die Geraer Ausstellung widmet sich auch dem malerischen Spätwerk und will dazu beitragen, dass der distanzierende Blick auf den expressiven Nachkriegsrealismus von Dix geschärft wird. Dabei wird der Fokus nicht nur auf die Nachkriegssituation, auf Trümmer- und Ruinenbilder sowie Porträts gerichtet, sondern ebenso auf Bilder mit religiösen Motiven, die Dix wiederum in Auseinandersetzung mit der Gegenwart zu symbolischen und sinnbildhaften Gesellschaftsszenarien verdichtet hat und in denen Gewalt und das Leid des Menschen thematisiert wird. An dieser Stelle wird der Ausstellungsbesucher noch einmal zurückgeführt, zu dem 1924 von Dix geschaffenen Radierzyklus „Der Krieg“, der vollständig gezeigt wird.

„Verschollenen Meisterwerken“ von Otto Dix ist ein eigener Ausstellungsteil gewidmet. Wichtige Bilder wie die „Kriegskrüppel“ (1920) oder der „Schützengraben“ (1923) wurden im Rahmen der Naziaktion „Entartete Kunst“ aus deutschen Museen entfernt und gelten bis heute als verschollen. Andere hingegen hat Dix vor dem nationalsozialistischen Zugriff retten wollen und in Kisten verpackt bei Freunden versteckt. Gerade im sicher geglaubten Versteck kam es 1950 zu einer bis heute unfassbaren Zerstörungsaktion. Zahlreiche der provokanten Bilder von Dix, die den Zeitgenossen in Darstellung und Größe noch unmittelbar vor Augen standen und die ungeheure Anziehungskraft, Faszination, aber auch Ablehnung der Kunst von Dix begründeten, sind heute nur durch kleine Reproduktionen bekannt. In Zusammenarbeit mit der Otto-Dix-Stiftung Vaduz unternimmt die Kunstsammlung Gera deshalb den Versuch, einige der bedeutendsten „verschollenen Meisterwerke“ von Dix in Form einer visuellen Projektion bzw. Reproduktion in Originalgröße in den Ausstellungsbereich und somit in das Bildgedächtnis zurück zu holen und die Geschichte der Bilder auf Basis der neuesten kunsthistorischen Erkenntnisse zu rekonstruieren.

Die Ausstellung war nur möglich durch die Unterstützung des Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, der Sparkasse Gera-Greiz, der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, der GFD SUEZ Energie Deutschland AG und der POG Präzisionsoptik Gera GmbH, die damit einmal mehr ihr Engagement um die Kunst von Otto Dix unter Beweis gestellt haben.

Angebote für Führungen durch die Sonderausstellung „Otto Dix: retrospektiv“

Öffentliche Besucherführungen
Ab 11. Dezember 2011 jeden Sonntag, 14.00 Uhr;
Zwischen Weihnachten und Neujahr: am 26. und 28. Dezember, jeweils 14.00 Uhr

Begegnungen mit Kunst - für Kunstfreunde im Ruhestand
immer Dienstag: 20. Dezember 2011, 17. Januar und 21. Februar 2012, jeweils 14.00 Uhr

Einführung für Lehrer
Donnerstag, 08. Dezember, 16.00 Uhr

Arbeitsgruppe „Kinder führen Kinder“
jeden Dienstag, 13.30 Uhr (außer in den Ferien)

Gruppenführungen
nach Vereinbarung unter Telefon 0365 - 838 4250


PS: Bitte bedenken Sie, dass die Werksaufnahmen Fotos sind, die unter Ausstellungsbedingungen und nicht im Studio entstanden sind. Sie können durchaus geringe Farbabweichungen, Tonwertunterschiede und Spiegelungen durch die Galeriebeleuchtung aufweisen.

PPS: Die Fotos zeigen nur einen Teil der ausgestellten Arbeiten.
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Steffen Weiß aus Gera | 04.12.2011 | 15:41  
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Steffen Weiß aus Gera | 04.12.2011 | 17:00  
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