Renft - musikalischer Widerstand in der DDR

Cover 2. Renft-LP
 
Kunert Pannach Biermann Fuchs 1977
 
Röntgengerät im Staatssicherheitsgebäude Gera
Ich nehme die Anregung von Holger John, Gotha auf, meinen Kommentar zu
Altstadtfest in Jena mit Ostrocklegenden LIFT & RENFT
als eigenen Artikel zu veröffentlichen:


Renft gehört untrennbar zur Widerstandsgeschichte der DDR:

Die SED wollte darüber entscheiden, was in der DDR gelesen und gehört werden durfte – und was nicht. Unterbunden sollte alle Kunst, alle Literatur und Musik, die politisch, philosophisch, kulturell, moralisch oder anderweitig nicht in das vorgegebene Weltbild passte. Vor allem sollte alles, was sich kritisch mit der eigenen gesellschaftlichen Realität auseinander setzte, kompromisslos unterbunden werden.
Wer bei der staatlichen Plattenfirma AMIGA eine Scheibe produzieren, nach Warschau, Prag oder Budapest auf Konzertreise gehen durfte – das alles entschied nicht Popularität und Originalität, sondern die Partei, und das nach ihren Kriterien.

Dennoch entwickelte sich eine plurale und kreative Musiklandschaft, rockte der Roll und arbeiteten Künstler, immer ihre engen Grenzen auslotend, auf dem Drahtseil zwischen eigenem Anspruch und drohendem Verbot.

Renft war die Kultband der Tramperszene und eine Legende, die Rock ‚n Roll made in DDR wirklich mit Haut und Haaren gelebt hat.
Der Bandgründer Klaus Jentzsch „Renft“ aus Leipzig erlebte bereits das Verbot seiner ersten Band. Bald darauf machte er mit „Butlers“ weiter.
Dann kam – 1965 – das Fiasko. In Westberlin kam es während eines Rolling-Stones-Konzerts zu massiven Ausschreitungen der Fans. Die Waldbühne wurde in Trümmeer gelegt. Die Genossen beobachteten dieses Vorgehen mit großer Sorge um ihre Jugend und reagierte prompt:
44 Bands werden verboten
Ermittlungsverfahren wegen angeblicher Steuerhinterziehung werden eingeleitet
in der Presse werden Musiker und ihre Fans denunziert
die Szene wird mit drakonisch als innerer Feind bekämpft.

„Der Minister des Inneren wird beauftragt, die erforderlichen Maßnahmen einzuleiten, dass...die Mitglieder solcher Gruppen (Gammler u.ä.)...entsprechend der Ordnung vom 24. August 1961 in Arbeitslager eingewiesen werden.“

Das Verbot trifft auch die sehr beliebten „Butlers“. Diese waren bereits im Vorfeld beobachtet und denunziert wurden.

„...waren wir entsetzt, dass in einem Arbeiter- und Bauern-Staat solche Musik zugelassen wird...Die Kapelle muss sofort von der Bildfläche verschwinden.“
Ein junger Genosse an das Polizeipräsidium

In der Szene rumort es. Am 31. Oktober versammeln sich zwischen 1.000 und 2.000 Jugendliche, um gegen die Verbote ihrer Gruppen zu demonstrieren, unter ihnen auch die Mitglieder der „Butlers“. Die Leipziger Beat-Demo wird damit zum größten Protestkundgebung der DDR nach 1953 und vor 1989.

1967 versuchte es Klaus Jentzsch zum dritten Mal. Mit einem kreativen und unangepassten Haufen musikalischer Individualisten schuf er das Phänomen Renft-Band. Zwei Plattenaufnahmen, Rundfunk- und Fernsehpräsenz und erste Plätze innerhalb der DDR-Charts waren auf Grund einer zeitweisen Liberalisierung möglich und verschafften der Gruppe ein hohes Maß an Popularität. Doch sowohl in ihren Texten als auch im Auftreten blieb sie unangepasst. Die Kritische Texte „zwischen den Zeilen“ wurden zunehmen offener und deutlicher. Anteil daran hatte der Liedermacher Gerulf Pannach. Er war mit dem Jenaer Psychologen Jürgen Fuchs befreundet. Dieser verfasste Gedichte und Kurzerzählungen, in denen er Pazifismus und Menschenrechte thematisierte.

Nachdem Pannach und Fuchs mit Auftritts- und Leseverboten belegt wurden, ließ die Renft-Combo die beiden auf ihren Konzerten in Erscheinung treten. Dies führte 1975 schließlich zum Verbot der Klaus-Renft-Comobo.

Im November 1976 werden Christian Kunert (Renft-Combo), Gerulf Pannach und der Schriftsteller Jürgen Fuchs verhaftet.

„Woher kam dieser Schock? Es ist etwas eingetreten, womit zu rechnen war. Aber womit habe ich denn gerechnet? Ich habe von der Möglichkeit einer Verhaftung gesprochen. Aber das waren Worte. Ich habe doch gar nicht gewusst, was es heißt, verhaftet zu werden. Ich habe Worte verwendet, deren Bedeutung, deren Erlebnisinhalt ich nicht kannte. Ich habe nicht gewusst, wovon ich sprach.“

Später beschreibt Jürgen Fuchs in seinem Buch „Vernehmungsprotokolle“ die Realität im Stasi-Knast. Nach neun Monaten wurden sie in den Westen abgeschoben; „auf eigenen Antrag“, so behauptete die DDR-Führung.

„Wir sind nicht freiwillig nach Westberlin gekommen. Über ein dreiviertel Jahr hinweg versuchten wir den widerlichen Methoden derr Staatsicherheit unsere feste Absicht entgegenzusetzen, dass wir in der DDR leben wollen, um dort als Künstler mitzuhelfen, eine fortschrittliche, menschenwürdige Gesellschaft zu verwirklichen. Ich wiederhole: in der DDR zu leben und nicht im Gefängnis zugrunde zu gehen.“
Erklärung Jürgen Fuchs, Gerulf Pannach und Christian Kunert 1977

Inzwischen sind die meisten der prägenden Persönlichkeiten um Renft verstorben.

o Gerulf Pannach starb 1998 an Krebs
o Jürgen Fuch starb 1999 an Krebs
o Rudolf Bahro, der aus sozialistischer Sicht die DDR in seinem Buch „Die Alternative“ kritisierte und der auch in dieser Zeit in Stasihaft saß, starb 1997 an Krebs.

Als 19989 das Bürgerkomitee das Staatssicherheitsgebäude auch in Gera besetzt, finden die Bürgerrechtler hinter einem Vorhang ein Röntgenapparat.

„Das Dosismeter lag in der „Effektenkammer“ der Stasi-Untersuchungshaftanstalt von Gera in einem verschlossenen Raum. Auf die Frage, wozu denn dieses Gerät da sei, drucksten die anwesenden Leute des gerade aufgelösten Ministeriums für Staatssicherheit herum“
Peter Wensierski im Spiegel

„Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass diese tödlichen Leiden durch Röntgenstrahlen verursacht wurden, denen die Dissidenten, allesamt längere Zeit in Stasi-Haft, während ihrer Haftzeit wohl mehrfach ausgesetzt waren.“
ddr-im-www.de

Holger John:
"Eins ist aber jetzt unbedingt hinzuzufügen: Alle 3 (Pannach, Fuchs und Bahro) starben am gleichen Krebs. Es konnte aber trotz aller Anstrengungen kein Zusammenhang zwischen den Todesarten und den Röntgenapparaten bewiesen werden.

Gerulf hat kurz vor seinem Tod erzählt, dass er sich gewundert hat, in Hohenschönhausen sehr oft und immer so lange fotografiert worden zu sein."
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4 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 21.09.2011 | 17:46  
3.004
Gerald Kohl aus Erfurt | 27.11.2011 | 22:59  
1.585
Michael Kleim aus Gera | 30.11.2011 | 15:17  
3.004
Gerald Kohl aus Erfurt | 01.12.2011 | 23:02  
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