Satire - was darf sie?

Gera: Trinitatiskirche | „…Gott saß dann auf der Bettkante und sagte: Ich habe unruhig geschlafen. Die ganze Welt schiebt mir alles in die Schuhe, aber dass die Menschen selbst was verbrochen haben könnten und was dagegen tun, darauf kommt natürlich kein Schwein. Er sagte tatsächlich wortwörtlich: kein Schwein.“

Hanns Dieter Hüsch war ein begnadeter Satiriker. In seinen lustigen Versen schwang stets auch tiefgründiger Ernst mit; und wenn er so richtig nachdenklich wurde, blitzte in seiner Rede dann auch immer der Schalk auf. Hüsch kannte den Menschen – mit all seinen Schwächen, Fehlern und Grenzen. Aber Hüsch fand dennoch – oder gerade deshalb – die Menschen liebenswert. Sein Humor brachte uns zum Lachen und auch dazu, genauer hinzuhören, tiefer wahrzunehmen. Hüsch war nicht oberflächlich, sondern ging unter die Haut. Und auch das gehört dazu. Hanns Dieter Hüsch war im besten Sinn des Wortes ein frommer Mensch. Seinen Glauben knüpfte er beherzt in seinen Humor mit hinein.

Humor und Glaube – das erscheint uns als eine schwierige Beziehung. Satire und Religion sind ganz aktuell in einen blutigen Konflikt geraten. Nach den Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ wissen wir: Humor kann lebensgefährlich sein. „Sich totlachen“ – dieser Begriff hat eine ganz neue Bedeutung erfahren. Jetzt, wo sich die sogenannte närrische Zeit naht und das „sich-lustig-machen“ zur allgemeinen Bürgerpflicht erhoben wird – wenigstens für 2, 3 Tage – und dann ist aber wieder Schluss mit Lustig!, kommt dieser Streit zwischen Religion und Satire wieder ins Blickfeld zurück.

„Köln (dpo) - Der diesjährige Rosenmontagszug in Köln wird ausschließlich aus genormten, hellgrauen Quadern von 8x3x3 Metern bestehen. Mit dieser Meldung überraschte heute das verantwortliche Festkomitee. Einen Tag zuvor hatten die Verantwortlichen bereits angekündigt, auf einen "Charlie-Hebdo"-Motivwagen zum Thema Meinungsfreiheit zu verzichten, damit alle "befreit und ohne Sorgen einen fröhlichen Karneval erleben" können.

Heute hieß es dann auf der Homepage des Festkomitees, man habe bei einer zweiten, kritischen Überprüfung festgestellt, dass auch nahezu jeder andere der geplanten Festwagen in irgendeiner Form religiöse, politische oder persönliche Gefühle verletzen und damit den öffentlichen Frieden gefährden könnte.


Daher wurde der Bau der provokanten Festwagen heute völlig eingestellt. Stattdessen werden nun die genau abgemessenen grauen Quader aus Gipskartonplatten mit je einer kleinen Aufschrift "Alaaf" zu gedämpfter Musik durch die Stadt rollen.“

Fragen wir mal bei einem Kollegen von Herrn Hüsch nach, der als ausgewiesener Satire-Experte gilt. Kurt Tucholksy meinte:
„Übertreibt die Satire? Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten. Was darf Satire? Alles“.

Ich schätze Tucholsky sehr. Noch immer lohnt es, seine Gedanken und Wortschnipsel zu lesen. Und dennoch sei mir erlaubt, kritisch nachzufragen: Darf Satire tatsächlich ALLES?

Satire und Humor sind lebenswichtig, ohne Zweifel. Satire ist ein Spiegel, die Unzulänglichkeiten der menschlichen Welt auf unterhaltsame Art wahrzunehmen. Und der Humor gleicht einem fliegenden Teppich, der uns über die Abgründe des Alltags trägt. Kabarettist, Karikaturist, Hofnarr – das sind und waren Menschen, die einerseits geachtet, andererseits angefeindet wurden. Doch erinnern wir uns an die DDR – der politische Witz hatte Hochkonjunktur und gehörte zur Widerstandskultur dazu. Zwischen den Zeilen lachen, eine Kunst, die immer mehr verlernt wird. Oder denken sie an den jüdischen Humor, der angesichts von Ausgrenzung, Verfolgung und Pogrom zu einer Überlebensstrategie wurde. Wenn die Ohnmächtigen über die scheinbar Allmächtigen lachen konnten, hatte das eine befreiende Art. Und Gott lachte mit! Humor brachte immer auch Mut. Satire darf alles.

Wirklich? Es gibt auch ein Lachen, dass im Halse stecken bleibt. Es gibt auch Humor, der bösartig daher kommt. Es gibt Satire, die verletzt. Wenn die Mächtigen sich über die Ohnmächtigen lustig machen, ist das nicht lustig. Wenn Männer über Frauen abfällig scherzen; wenn Europäer über den Hunger und die Armut in Afrika Witze machen; wenn Heterosexuelle Schwule und Lesben in den Dreck ziehen; wenn geistig behinderte Menschen zur Zielscheibe des Spottes werden – dann ist das alles nicht lustig! Und jedes Mobbing –Opfer weiß zu berichten, dass die Anderen ja nur mal eben „einen kleinen Scherz“ gemacht haben. Satire darf alles? Auch verletzen?

Es gab und gibt Satire, die ich nicht nur als nicht lustig, ja auch nicht nur geschmacklos, sondern auch als gefährlich, ja kriminell bewerte. Es gibt im Internet eine facebook-Seite „just black humor“. Aber es geht nicht um schwarzen Humor, der selbst Leid und Tod noch etwas zum Schmunzeln abringt. Dort werden rassistische, antisemitische, menschenverachtende Spruche gepostet. Darf Satire alles?
Wir dürfen nicht vergessen: im Nationalsozialismus waren der „Stürmer“ und der „Völkische Beobachter“ voll von Karikaturen. Juden wurden da als Untermenschen dargestellt, entwürdigender Lächerlichkeit preisgegeben. Auch diese Karikaturen haben die Verbrechen des NS-Regimes begleitet. Darf Satire alles? Auch töten?

Humor ist Teil unserer Seele. Er gehört zu unserem Mensch-sein dazu. Humor ist – wie die Hoffnung – eine Gabe, die Gott uns aus dem Paradies mitgegeben hat, damit wir hier in der Welt besser bestehen können. Wirklicher Humor ist bissig, treffend, mitunter scharf wie Pfeffer, aber er bleibt im Wesenskern liebenswürdig. Wo Achtung, Würde, Respekt fehlen, wo es der Liebe mangelt, da werden Scherze gefährlich und da wird Satire durchaus auch grausam.

Wenn wir uns gegen würdelose Scherze oder hasserfüllte Witze wenden, dann bitte aber erstens: um der Menschen willen, die von solcherart „Humor“ betroffen sind und zweitens: nicht ebenfalls mit verbissenem Gesicht, sondern mit unserem eigenen, menschlichem Humor. Wir sollten nicht über menschenverachtende Satire lachen, sondern deren Urheber ihrerseits der Lächerlichkeit preisgeben.

Aber was wir ganz gewiss nicht zu tun brauchen: angesichts religionskritischer Satire als Menschen Gott verteidigen zu wollen. Glauben Sie mir, das kann Gott sehr gut und viel besser selbst für sich tun. Zu oft haben Menschen, die bestrebt waren, Gott vor Menschen schützen zu wollen, gerade damit den eigenen Glauben in Misskredit gebracht.
Ich frage nun – so gegen Ende der Predigt – den Satiriker Kurt Tucholsky noch einmal an. Willst du, Kurt, für uns noch etwas hinzufügen? Er nickt. Und sagt": Die Welt verachten - das ist sehr leicht und meist ein Zeichen schlechter Verdauung. Aber die Welt verstehen, sie lieben und dann, aber erst dann, freundlich lächeln, wenn alles vorbei ist -: Das ist Humor."

Das mit der Verdauung lässt mich aufhorchen. Da gab es doch mal etwa….er war zwar kein Satiriker, obwohl…wer weiß…er hatte jedenfalls auch jede Menge Humor und lebte lebensgefährlich. Er schrieb den ersten utopischen Roman und wurde schließlich von seinem König aufs Schafott geführt. Ich rede von Thomas Morus. Ein rebellischer Geist, der eher aus historischem Zufall heraus Märtyrer und katholischer Heiliger wurde. Von ihm ist folgendes Gebet überliefert:

"Schenke mir eine gute Verdauung, Herr, und auch etwas zum Verdauen. Schenke mir Gesundheit des Leibes mit dem nötigen Sinn dafür, ihn möglichst gut zu erhalten. Schenke mir eine heilige Seele, Herr, die im Auge behält, was gut und rein ist, damit sie sich nicht einschüchtern lässt vom Bösen, sondern Mittel findet, die Dinge in Ordnung zu bringen. Schenke mir eine Seele, der die Langeweile fremd ist, die kein Murren kennt und kein Seufzen und Klagen, und lasse nicht zu, dass ich mir allzu viel Sorgen mache um dieses sich breit machende Etwas, das sich 'Ich' nennt. Herr, schenke mir Sinn für Humor. Gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen davon mitteile."
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