„Schüler gegen Stalin im Gottesdienst“ – Das Schauspiel „Die im Dunkeln“, über den Widerstand in der frühen DDR, wird auf der Theaterbühne in Gera uraufgeführt

Jörn-Ulrich Brödel und Gerhard Schmale sind Zeitzeugen und waren Mitorganisatoren der Widerstandsgruppe in Altenburg
 
Mona Becker, Nora Wieczorek, Jörn-Ulrich Brödel, Gerhard Schmale, Ulrich Milde, Enrico Heitzer, Bernhard Stengele - während der Matinee
Gera: Bühnen der Stadt Gera | Am 31.Januar hat ein Schauspiel Premiere, das die Geschichte einer Gruppe junger Altenburger aus den Jahren 1948 bis 1950 erzählt.
Geprägt von den schrecklichen Berichten und Erlebnissen über das untergegange Naziregime haben Schüler der Altenburger EOS Karl Marx Visionen von einem freiheitlichen Staat ohne politische Diktatur und Gewalt. Doch schon früh erkennen die jungen Leute, dass in der Sowjetischen Besatzungszone und der frühen DDR die totalitären Tendenzen des Stalinismus unverkennbar sind und jeder freiheitliche Gedanke mit Gewalt bekämpft wird.
Motiviert durch Literatur und eigener Konfrontation mit Tod und Leid in den Nachkriegsjahren wollen sie nicht schweigen. Sie verteilen Flugblätter und stören eine Radiosendung zum 70. Geburtstag Stalins mit einem selbstgebauten Radiosender. 1950 wird die Gruppe durch die Staatssicherheit zerschlagen und vor ein sowjetisches Militärtribunal gestellt. Vier Schüler werden in Moskau hingerichtet, die anderen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.
Der Schauspieldirektor der Theater und Philharmonie Thüringen Gera-Altenburg Bernhard Stengele war durch einen Wikipedia Eintrag auf diese Ereignisse in Altenburg aufmerksam geworden und wollte diese Geschichte künstlerisch auf die Theaterbühne bringen.
Viel Recherchearbeit ist auf die junge Autorin Mona Becker zugekommen. Anhand von Briefen, den Aussagen Angehöriger und Beteiligter der Gruppe und aufgefundenen Dokumenten entsteht ein Dokumentarspiel. „Das Stück besteht aus etwa 80% dokumentarischen Material und etwa 20% fiktiven Szenen", erklärt die Autorin.
Bei der Entstehung und Umsetzung des Stückes konnten sich die Theaterleute auf die Aussagen der beiden Zeitzeugen, Jörn-Ulrich Brödel und Gerhard Schmale, beziehen, die die Verfolgung von damals überlebt haben. Die Inszenierung schildert die Ereignisse aus deren heutiger Sicht. Dr. Enrico Heitzer von der Gedenkstätte Sachsenhausen sorgte für die historische Genauigkeit.
Beide Zeitzeugen berichten in einer Matinee in der Bühne am Park aus eigener Erfahrung über die Ereignisse und ihre Motivation.
„Wir waren voller Energie und Idealismus, wir wollten eine bessere Gesellschaft“, so beschreibt Jörn-Ulrich Brödel die Aufbruchsstimmung jener Zeit. „Die Lügen und Verfolgungen Andersdenkender haben wir bald mitbekommen, wollten etwas dagegen tun und verteilten selbstgemalte Flugblätter“, ergänzt Gerhard Schmale, ein eifriger Funkamateur. Unter seinen Händen entstand ein modular aufgebauter Mittelwellensender, der bis zu 40km weit zu hören war. Am 20. Dezember 1949 störten sie damit die Rede Wilhelm Piecks zum 70.Geburtstag Stalins und sprachen dazu eigene Kommentare zur Situation in der DDR.
Der Schauspieler Ulrich Milde verkörpert im Stück Gerhard Schmale. Während der Vorbereitung auf seine Rolle hat Ulrich Milde oft mit den Zeitzeugen gesprochen und viele Erinnerungen seines Lebens in der DDR und Berührungen mit der Staatsicherheit waren wieder präsent.
Enrico Heitzer betont, dass die Altenburger Gruppe nur ein Beispiel sei und es sich überall in Thüringen und der damaligen DDR Widerstandsgruppen gebildet hatten.
„Es gab zu allen Zeiten, so auch in der entstehenden DDR, mutige Menschen, die sich nicht davon abringen ließen, ihre Meinung zu sagen. Diese Botschaft ist heute ebenso wichtig. Das Stück richtet sich daher auch durchaus an junge Leute, denn es waren ja Schüler, die aus Begeisterung für Redefreiheit und Meinungsfreiheit Widerstand leisteten. Heute gehört genau so viel Mut dazu, auf Missstände hinzuweisen und für die Wahrheit zu kämpfen.“, fasst Bernhard Stengele die Kernaussage des Schauspiels zusammen.
Zu den Begleitveranstaltungen im Rahmen der Premiere in Gera gehört auch ein Theatergottesdienst in der Salvatorkirche. Bernhard Stengele hat die Szene aus dem Stück mit zwei zum Tode verurteilten Schülern während ihrer Zugfahrt in der Todeszelle speziell für den Kirchenraum inszeniert. „Es ist sehr beeindruckend, an welche literarischen Werke sich beide kurz vor ihrer Hinrichtung erinnern. Neben Ikarus und Worte des Horaz ist es besonders die Ballade „Pidder Lüng“ von Detlev von Liliencron. Der Aufruf "Lewwer duad üs Slaav (Lieber tot, als Sklave)“ aus dem Freiheitskampf der Friesen gegen die dänische Gewaltherrschaft sollte für die Verurteilten schreckliche Realität werden.“, so Pfarrer Dr. Frank Hiddemann. Auch die Predigt nimmt unmittelbaren Bezug darauf. Der Regionalbischof des Propstsprengels Gera-Weimar, Diethard Kamm, charakterisiert die Ereignisse und portiert sie in unsere Zeit, beschreibt woher Menschen Mut und Kraft nehmen, um zu widerstehen. Die friedliche Revolution 1989 und das Engagement gegen rechte Weltanschauung und Gewalt sind hier beispielgebend. Propst Diethard Kamm wurde im Jahr des Volksaufstandes 1953 geboren und hatte bereits als Schüler erste negative Berührung mit der Staatssicherheit. Als Jugendpfarrer in Gera mischte er sich bewusst in die „inneren Verhältnisse unseres Landes“ ein und organisierte erste Friedensgebete in der Salvatorkirche.

Termine und Begleitprogramm zu "Die im Dunkeln"
31. Januar 19.30 Uhr
Premiere im Großen Haus der Bühnen der Stadt Gera
Weitere Vorstellung:
28. Februar 19.30 Uhr
anschließend Publikumsgespräch mit Beteiligten der Inszenierung
8. März 2014 18.00 Uhr Bühne am Park
Zeitzeuge und Autor Harald Beer liest aus seinem Buch „Schreien hilft dir nicht"
Weitere Vorstellung:
15. März 19.30 Uhr
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1 Kommentar
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Michael Kleim aus Gera | 29.01.2014 | 18:12  
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