Still geworden in Gera. Seit dem Verschwinden des Übungsspieltisches erklingt das Glockenspiel nur noch selten

War Heiligabend das letzte Mal, dass Carillonneur Klaus Recknagel das Geraer Glockenspiel zum Klingen brachte? Es mangelt an einem Übungsspieltisch.
 
Carillonneur Klaus Recknagel am Geraer Glockenspiel.
Gera: Rathaus | Was machen Musiker gewöhnlich, bevor sie auf die große Bühne treten? Üben. Und das logischerweise im stillen Kämmerlein, ohne dass ihnen die halbe Welt zuhören kann. Kaum ein Künstler kommt auf die Idee, ohne sich einstimmen zu können, ohne jemals geprobt zu haben, vors Publikum zu treten.

Aber wie soll das bei einem im Rathausturm installierten Glockenspiel funktionieren? Einfach mal proben ginge nur, wenn die halbe Stadt zuhört. Zum Glück gibt es hierfür eine technische Lösung: den Übungsspieltisch. Der gleicht im Aufbau dem eigentlichen Spieltisch. Nur das bei ihm keine Zugdrähte die Klöppel der Glocken bewegen, sondern Klangplatten wie bei einem Xylophon angeschlagen werden.

Gera ist eine der wenigen deutschen Städte, die sich glücklich schätzen kann, ein Glockenspiel zu besitzen. Laut der Deutschen Glockenspielvereinigung gibt es nur 47 in Deutschland. Und Gera konnte sich auch glücklich schätzen, einen Übungsspieltisch zu besitzen. Konnte? Der ist auf rätselhafte Art und Weise vor drei Jahren verschwunden. Darüber wird in Gera nur mit vorgehaltener Hand gesprochen.

Bis zu seinem Tod vor vier Jahren hat Kapellmeister Lothar Füldner das Glockenspiel bedient. Regelmäßig samstags zu den Marktagen und zu besonderen Anlässen lauschten Interessenten den Klängen hoch oben aus dem Rathausturm. Für kurze Zeit übernahm Kantor Ralf Wosch danach das Glockenspiel. Seit dem Verschwinden des Übungstisches traut sich nur noch Klaus Recknagel, Musikschullehrer in Gera und Kirchenältester in Schöna, an das Glockenspiel.

Es ist stumm geworden in Gera. Zuletzt war das Glockenspiel Heiligabend zu hören. Auch Recknagel bereitet es Bauchschmerzen, ohne proben zu können, das seltene Instrument zu spielen. Ein Carillion – so nennt sich das Glockenspiel in der Fachsprache – wird kraftaufwändig mit der Faust gespielt. Das ist laut Recknagel mit keinem anderen Instrument vergleichbar. Zudem lassen sich mit den 37 Glocken nicht einfach sonstige Musikstücke, wie beispielsweise von der Orgel bekannt, spielen. „Ohne üben geht es nicht“, so der Carillonneur.

Bedeutet das das Aus für die Glockenspielkunst in Gera? Udo Pein, Vorsitzender des Fördervereins Rechtspflege Kunst und Kultur, ist die traurige Geschichte nicht entgangen. Er streckt mit seinem Verein seit Wochen die Fühler aus, wie man wieder zu einem Übungstisch kommen könnte: „Nur wenige Städte in Deutschland können so ein Kleinod vorweisen. Deshalb werden wir alles tun, das Glockenspiel wieder erklingen zu lassen“.

Die Wahrscheinlichkeit, dass jetzt ein Leser mit einem nicht benötigten Übungstisch weiter helfen kann, ist nicht sonderlich groß. Aber vielleicht gibt es ja Tipps. Mehr Erfolg verspricht sich Pein in der niederländischen Partnerstadt Arnheim. Das kleine Land an der Nordseeküste verfügt über 806 Glockenspiele. Pein hat Oberbürgermeisterin Dr. Viola Hahn um Hilfe gebeten, sich diesbezüglich mit Arnheims Bürgermeister Herman Kaiser in Verbindung zu setzen. Und wenn dies alles nicht fruchtet, bliebe noch die teuerste Variante: Einen neuen Übungstisch im holsteinischen Neustadt für etwa 12.000 Euro anfertigen lassen – ein harter Brocken für die Vereinskasse.

Förderverein Rechtspflege Kunst und Kultur
Fach D5
Rudolf-Diener-Str. 1
07545 Gera
Udo.Pein@lgg.thueringen.de
Tel. 0365-8341244

Glockenspiel Gera

Anzahl Glocken: 37
Tonfolge: c3...chrom...c6
Größte Glocke: 45 kg / Ø 800 mm
Kleinste Glocke: 17 kg / Ø 120 mm
Gesamtgewicht: 1024 kg
Automatik: Keine Automatik vorhanden
Projekt: Peter Schilling, Apolda
Guss: Feingusswerk Pößneck / Neustadt an der Orla
Einweihung: 7. Oktober 1988
Aufstieg zum Glockenspiel: 165 Stufen
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1 Kommentar
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Renate Jung aus Erfurt | 20.01.2015 | 08:37  
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