Tag des Bieres Prohibition auf Isländisch

(Foto: Karo Häußler)
Der 1. März ist Tag des Bieres auf Island.
Passend zum Datum der folgende Beitrag:

Prohibition auf Isländisch
Von verbotenem Bier, der EDDA und den Vínbúðin


„Sag mir, Alwis…
Wie man das Bier heißt,
das da brauen die Menschen
bei den Bewohnern jeder Welt!

Bier bei den Menschen
Bräu bei den Wanen
Äl im Asenreich
Heiltrank bei den Alben
Bei Hel aber Met
Rauschtrank im Riesenland“

(EDDA, Alwislied 33/34)


Seit uralten Zeiten wird Bier gebraut und getrunken. Bereits die Edda weiß zahlreiche Namen zu nennen, wie das berauschende Getränk in den verschiedenen Welten genannt wurde. In dem Gespräch zwischen Thor und dem allklugen Zwerg Alwis wurde das trefflich dokumentiert.

Island hat einen rauen Charme. Diese Insel ist wie seine Einwohner. Faszinierend, eigensinnig und schräg. Das Jahr 1989 – ein an sich schon sehr geschichtsträchtiges Jahr für Europa – hat auch für die Isländer eine originelle freiheitliche Bedeutung:
nach langen 74 Jahren wurde am 01. März 1989 das Verbot von Bier durch den Althing, das Isländische Parlament aufgehoben. Seit dem avancierte Bier zum beliebtesten alkoholischen Getränk der Insel und seit dem wird der 1. März jedes Jahr als „bjórdagurinn“ – als Tag des Bieres gefeiert. Seit der Re-Legalisierung haben sich 5 Brauereien und mindestens 12 Biersorten etabliert.

Ende des 19. Jahrhunderts erstarkte unter den Eindruck starker sozialer Verelendung breiter Bevölkerungskreise in Folge der Industrialisierung die Abstinenzbewegung. Nicht nur in den USA, auch in Island gewann sie starken Einfluss. 1908 entschied sich eine Mehrheit der Isländer in einem Referendum für das Totalverbot von Alkohol. Und sieben Jahre später wurde dieser Beschluss juristisch umgesetzt. Es wurde geschmuggelt. Es wurde schwarz gebraut und gebrannt. Es funktionierte einfach nicht.

Ökonomische Rahmenbedingungen führten zu einem Aufweichen der umfassenden Alkoholprohibition. Island wollte seinen Fisch nach Spanien exportieren. Spanien wiederum hatte großes Interesse, seinen Wein nach Island zu verkaufen. Das war dann der äußere Faktor, der zu ersten Zugeständnissen an einen staatlich regulierten Alkoholhandel auf Island führte. 1922 entstand das System „Vínbúðin“, eine Kette von Alkoholfachgeschäften, die unter einem Staats-Monopol stehen und bis heute einzige legale Abgabestelle für Alkoholika sind. Für den direkten Konsum sind natürlich Bars bzw. Kneipen berechtigt, Alkohol auszuschenken – allerdings mit einem empfindlichen Aufpreis zu den auch bereits in den Vínbúðin bestehenden hohen Kosten für alkoholische Getränke. Der Name Vínbúðin - „Weingeschäft“- verweist trefflich auf die historische Entstehung und passt sich in die Regulierung anderer skandinavischer Staaten ein. „Wenn ein Isländer sagt, er gehe „zum Staat“, bedeutet das, er will Alkohol kaufen“ (1)

Zwölf Jahre darauf kam ein weiterer Paukenschlag, der die Prohibition relativierte – ein Referendum über die Wiederzulassung von Wodka und anderen Spirituosen wurde mehrheitlich von den Isländern angenommen. Um aber mit der Abstinenzbewegung irgendwie einen Kompromiss zu schließen, blieb Bier mit einer Stärke über 2,25 % weiterhin illegal. Nun bestand die surreale Situation, dass man sich mit Fusel „abschießen“ durfte, aber ein gemütliches Feierabendbier unter Strafe stand. Ziemlich schräg. Ziemlich isländisch eben. Die Argumentation der Abstinenzverbände hangelte sich an der Idee entlang, dass Bier gerade deshalb, weil es niedriger dosiert und billiger sei, einen größeren Verbreitungsradius einnehmen würde und somit ein größeres Risiko für die Gesamtbevölkerung darstelle.

„Brennivín“ nennt sich ein einheimischer Schnaps, der auch den Beinamen „svarti dauði“ –„schwarzer Tod“ – trägt. „Fortan durften die Flaschen nur noch mit einem schwarzen Etikett verkauft werden, das an eine Todesanzeige erinnert. Man muss nicht viel über Coolness und Popkultur wissen, um zu ahnen, dass das kümmelbasierte Gesöff…bald darauf einen Kultstatus erreichte, den es bis heute hat“ (1) Eine ähnlich effektive Werbewirkung besaß das Schweizer Plakat zum Absinthverbot, das während der Zeit der Illegalität mit Vorliebe die Flaschen schwarzgebrannten Absinthes im Val de Travers zierten.

Bier blieb vorerst verboten. Und so wurde weiterhin geschmuggelt und schwarz gebraut. Schließlich kam Leichtbier mit einem äußerst geringen Alkoholgehalt auf und wurde populär. Dagegen war staatlicherseits nichts einzuwenden. Die findigen Isländer „verfeinerten“ dieses harmlose Getränk jedoch mit Wodka, um so doch noch zu ihrem Starkbier zu kommen. Diese abstruse Situation fiel sogar der Regierung ins Auge und sie reagierte endlich vernünftig: das Bier wurde re-legalisiert.

Seit 1989 ist im staatlich regulierten „Vínbúðin“-System die ganze Bandbreite alkoholischer Getränke zu haben. Doch noch immer versuchen die Behörden, durch ökonomische Restriktion den Verbrauch zu drosseln. Diese hehre Absicht hat allerdings seine Tücken. Weil das Gesöff „beim Staat“ so teuer ist, wird weiterhin kräftig geschmuggelt und schwarz gebrannt; mit allen seinen Schattenseiten.
Und etwas Entscheidendes bleibt auf der Strecke – die Trinkkultur. Kristof Magnusson beschreibt es anschaulich: „Die traditionell hohen Preise für Alkohol sind einer der Hauptgründe für das Trinkverhalten der Isländer“ (1) Sanfter Gelegenheitskonsum stellt die Ausnahme dar. Wenn einmal getrunken wird, dann bis zum bitteren Ende: „Trunkenheit gilt als normal, auf jeden Fall nicht als abstoßend, stattdessen wird sie teilnahmslos, wohlwollend oder sogar mit einem gewissen Kennerblick betrachtet.“ (1)

So sind die Isländer mit ihrem Experiment „staatlich gesteuerter Alkoholverkauf“ noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt. Was diese kuriose isländische Alkohol(verbots)geschichte zeigt, kann Hinweise für ähnliche Ideen und Modelle – auch für andere psychoaktive Genussmittel – geben.
Die wesentliche Grunderfahrung, die sich mit Erkenntnissen aus anderen Ländern und Kulturen deckt, besteht darin: wenn Menschen ein deutliches Bedürfnis nach Genuss und Rausch haben, lassen sie sich davon auch nicht durch staatliche Verbote abbringen. Sie gehen dann auch gesundheitliche, juristische und finanzielle Risiken ein, um dieses Bedürfnis zu befriedigen.
Eine staatlich gelenkte Verteilung von Drogen kann durchaus sinnvoll sein und bestimmte, konkret umrissene Absichten verfolgen wie Jugendschutz, Qualitätskontrolle, Transparenz von Vertriebswegen. Jedoch kann ein solches Modell nur funktionieren, wenn nicht nur die Interessen der Behörden, sondern auch die Interessen der Konsumenten beachtet werden. Eine moderate Preisentwicklung sollte dabei eine Rolle spielen, sonst droht ein Konsumentenverhalten, welches das Modell letztlich wieder unterläuft. Und last but not least darf das Verteilmodell nicht der Entwicklung einer eigenständigen Drogenkultur entgegenstehen. Die kulturelle Einbindung von Drogengebrauch stellt ein nicht zu unterschätzendes Korrektiv dar, welches sich präventiv gegenüber potentiellem Missbrauch verhält.

In Island versorgen sich Konsumenten mittels Indoor-Anbau oder Schmuggel mit Hanf. XTC und Speed hat eine gewisse Verbreitung. Der Inselstaat reagiert auf reflexartige Weise prohibitiv. Doch die Erfahrungen mit einer Verbotspolitik liegen in sehr gründlicher Weise vor. Es ist an der Zeit, die Realitäten nüchtern anzuerkennen. Warum nicht „hampibúðin“ – „Hanfläden“ einrichten und die Füllung für den Joint unter Jugend- und Konsumentenschutz „beim Staat“ holen? Vorausgesetzt, das Modell wird zwischen Behörden und Verbraucher sinnvoll ausgelotet. Wär doch ‘ne Idee?!

(1) Zitate im Text aus Kristof Magnusson „Gebrauchsanweisung für Island“
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige