Träume voll Schrecken und ein Garten der Lüste - Predigt zu Hieronymus Bosch

gaffende Menge (Foto: H. Bosch)
 
Dämonen (Foto: H. Bosch)
 
Naturgeister (Foto: HZ. Bosch)
 
Erlösung (Foto: H. Bosch)
Gera: Evangelisches Gemeindehaus Talstraße 30 | Frage des Reporters:
„Lassen Sie in der Nacht das Licht an?“
Antwort:
„Das tat ich als Kind. Damals war ich überzeugt,
das Licht würde die Monster fernhalten.
Aber das ist dumm.
Denn Monster und Dämonen kommen sowieso.
Das klingt lächerlich, wenn man, wie wir,
am helllichten Tag in einem netten Zimmer sitzt.
Aber allein im Dunkeln ist alles anders.
Da kann immer etwas kommen und einen holen.“
So der Altmeister der Horrorgeschichten Stephen King
in einem Interview
Die Albträume, die er erlitten und in Worte gebannt hat,
nisten in seinem Gesicht,
lassen es beunruhigend und einzigartig erscheinen.


Die Gesichter der Menschen erzählen Geschichten in Legionenzahl. Sie verweisen auf alte Wunden und Verletzungen. Sie beschreiben die Kraft der unsichtbaren Dämonen, die in uns ungefragt Wohnung genommen haben, doch denen wir oft zu bereitwillig die Pforten geöffnet haben. Dämonen mit bedrohlichem Wesen, in unheimlicher Gestalt, als da sind Hass, Angst, Gier, Neid, Bigotterie, Verlogenheit, blinder Eifer, Arroganz, Unbarmherzigkeit, Schadensfreude…..destruktive geistige Kräfte, scheinbar ohne Namen und Gestalt, die in uns sofort die Macht übernehmen – wenn wir sie lassen.

Jeroen von Aken, unser Hieronymus Bosch verstand es vortrefflich, in dem Antlitz seiner Mitmenschen zu lesen. Wahrscheinlich eher ein Fluch denn eine Begabung, erkannte er hinter den künstlich aufgesetzten Masken von Anstand und Frömmigkeit die Brutstätte dämonischer Wesen. Und er hatte die Fähigkeit, sowohl die Macht der unsichtbaren Geister als auch deren irdischen Ausdruck in der Mimik der Menschen auf die Leinwand zu bannen.

Die Neue Züricher Zeitung beschreibt die bleibende Faszination, die vom Werk eines Hieronymus Bosch ausgeht, folgendermaßen:
„Ach, der Mensch mag das Gute lieben, doch das Böse fesselt ihn. Verweilen die Blicke nicht selbst vor gotischen Kirchen eher auf den Fratzen der Wasserspeier denn als auf harmlos blühenden Rosetten? …Und was ist mit diesen unsäglichen Horrorclowns?“

Horrorclowns mögen eine dekadente Modeerscheinung sein. Gleichzeitig spiegeln sie unsere aktuellen Verunsicherungen und Ängste. Diese plumpen Agitatoren des unberechenbaren Schreckens sind Symbol geworden für die ganz realen Bedrohungen des Terrors, des wiedererwachten Nationalismus, der über Nacht durch freie Wahlen ermächtigten Diktatoren. Unsere Ohnmacht nimmt Horrorclownsgestalt an; und diese kommen uns auf einmal vor wie neu erwachte Gestalten aus einem Bosch- Gemälde.

Der Schrecken hat Unterhaltungscharakter. Seit Urzeiten erzählen sich die Menschen unheimliche Geschichten, in denen Riesen und Zwerge, Geister und Dämonen, Monster und Monströse auftreten. Die besagten Wasserspeier an unseren Kirchen tragen in der Tat verzerrte Fratzen des Schauerlichen. Die Versuchungen des hl. Antonius, in denen er mit hochsexuellen Bedrängungen ebenso kämpft wie gegen die Machtübernahme durch wilde Geister, wurden in der christlichen Kunst unzählige Male mit Begeisterung als Motiv aufgegriffen. Die Versuchungen des hl. Antonius muten uns an wie eine Blaupause moderner Unterhaltungskultur. Es liegt die Vermutung nahe, dass es eine Ausdrucksform menschlicher Kultur ist, durch eine bildhafte Darstellung des Schreckens genau diesen Schrecken bannen zu wollen. Wenn dem so ist, dann war Jeroen van Aken einer der großen Meister dieser Kunst. Er konnte dem Unheimlichen, was uns bedroht, Gestalt verleihen.

Die Tiefe seiner Symbolik scheint uns leider verloren gegangen zu sein. Umstritten bis heute, wie die detailverliebten Gemälde mit all ihren sonderbaren Einzelbilder zu deuten sind. Seine religiöse Verwurzelung konnte der Meister geschickt verbergen. Gehörte er einem jüdisch-christlichen Ketzerkreis an? War er von gnostischen oder mystischen Lehren geprägt? Hatte er noch verborgene Bezüge hinein in heidnische Weisheit? Oder war er doch „nur ein gutkatholischer Maler mit einer etwas ausufernden Fantasie?
„Der Wald hat Ohren, das Feld hat Augen“ – diese Grafik könnte auf die Bedrohung durch die Inquisition hinweisen, vor der man seine wahren Ansichten verbergen sollte. Es könnte aber auch eine naturreligiöse Beschreibung sein, die davon ausgeht, dass die ganze Schöpfung von Gott beseelt wurde. Andererseits könnte…oder aber auch…wahrscheinlich, vermutlich, nicht ganz ausgeschlossen werden kann…usw.
Selbst nach 500 Jahren bleibt uns der „wahre“ Bosch weiterhin verborgen. Oder wie es im Internet zu lesen ist: „Es gibt noch immer keine Antworten darauf, welcher Mensch das nur gewesen sein kann, gestraft oder gesegnet mit derartiger Fantasie, dass sie uns ein halbes Jahrtausend später noch so bewegt, uns so heutig, modern, erscheint?“

Das Großartige daran mag sein, dass wir dadurch frei werden, unsere ganz eigenen Deutungen in Boschs Werk hineinlesen zu dürfen. Seine Gemälde spiegeln Träume – Albträume, Angstträume, mystische Träume, sinnliche Träume, erotische Träume – es sind Träume voll Schrecken und ein Garten der Lüste. Traumdeutung geschieht intuitiv, subjektiv, symbolistisch. Und ebenso verhält es sich mit der Deutung von Boschs Werken. Jeder und Jede, die den Mut haben, in die verwirrend-bedrohliche Welt seiner Bilder hineinzusteigen, werden hinter den Farbschichten vor allem sich selbst finden dürfen…

Doch zunächst treten archaische Mächte von außen auf uns zu. Die Geister von Pflanzen, Tieren, Elementen, die auf den verschiedensten Ebenen der Schöpfung agieren, umgeben unseren Alltag und nehmen Einfluss auf unser Dasein. Sie können uns krank machen, oder aber als Schutzkräfte unsere Seele behüten und heilen. Sie können bedrohlich erscheinen, oder aber uns zu Visionen, Einsichten und spirituellen Wachstum führen. Wie kommunizieren wir mit den Kräften der Schöpfung. Was können sie uns berichten? Was können sie uns über uns selbst erzählen?
Dostojewski übergab 1873 einen Roman der Öffentlichkeit, der den Titel „Die Dämonen“ trägt. Dem Buch hat er genau die Stelle aus den Evangelien vorangestellt, die davon erzählt, wie Jesus quälender Geister aus einem Menschen austreibt und jene in eine Herde Schweine fahren lässt. Auch nach slawischer Vorstellung waren solche Dämonen geistige Mächte, die von Menschen Besitz ergreifen können, sobald dieser den Dämonen Einlass gewährt.

Auch Bosch will den Menschen gerade nicht als etwas darstellen, der hilflos und unschuldig dem Wirken böser Mächte ausgeliefert ist. Gut und böse wären im Grunde auch nutzlose Kategorien, um das kosmische Geschehen, in das der irdische Mensch letztlich eingebunden ist, adäquat zu deuten. Nicht die Mächte an sich sind böse – sie bekommen diese Zuschreibung erst dadurch, dass der Mensch diesen in sich den Raum gibt, destruktive, zerstörerische Energie zu entfalten. Es ist der Mensch, der die Dämonen in sich aufnimmt und Wohnung in seinem Herzen gewährt. Dass diese dann im Menschen das Zepter ergreifen und die Herrschaft übernehmen, gehört zur konsequenten Dynamik dämonischer Prozesse. Und so formen die Dämonen durch Mund, Hand und Struktur der Menschen ihre Gestalt. Ja, das ist tatsächlich unheimlich und macht Angst. Wer wachsam beobachtet, wie in den letzten Jahren Hass, Angst, Überheblichkeit, Missgunst und Unbarmherzigkeit menschliche Seelen vergiftet, zu Aggressivität und Gewalt führt und skrupellose Dilettanten zu nationalen Tyrannen krönt, der spürt an Leib und Seele die reale Bedrohung dämonischer Dynamik.

Aber keiner der hier aufgezählten – weder Jesus noch Bosch noch Dostojewski – entlasten den Menschen mit ihrer Beschreibung. Im Gegenteil, es ist der Mensch selbst, der diese Dynamik in Gang setzt. Er selbst trägt die Verantwortung.

„Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Das sind die Dinge, die den Menschen unrein machen.“
Diese Dinge spiegeln sich im Verhalten, aber auch in den Gesichtern der Menschen. Wie gehässig, schadensfroh und mitleidlos können Menschen Anderen Schmerz zufügen und sich daran weiden. Sogar Gott können sie verraten, verhaften, den Prozess machen und töten; ganz ohne jedes schlechte Gewissen.
Wie prägnant vermochte Hieronymus Bosch, selbst jene Wirklichkeit darzustellen: „Die Kreuztragung“ Die Gesichter der Menschen erzählen Geschichten in Legionenzahl. Sie verweisen auf alte Wunden und Verletzungen. Sie beschreiben die Kraft der unsichtbaren Dämonen, die in uns ungefragt Wohnung genommen haben, doch denen wir oft zu bereitwillig die Pforten geöffnet haben. Schauen sie einfach nur hin…

Doch Bosch kennt nicht allein die bedrohliche Nachtmahr, des Alptraums wirkmächtige Bilder. Ihm sind ebenso die hellen Träume voll Freundlichkeit, der kraftvolle Garten der Lust vertraut. Wir können Angst, Ohnmacht und Verzweiflung überwinden. Gott hat dies in Jesus Christus im unheimlichen Geschehen der Passion bereits stellvertretend für uns vollzogen. Der Kraft und Erlösung dieser Botschaft können wir unsere Herzenspforte öffnen. Hoffnung und Liebe dürfen in unserer Seele wohnen. Der Engel trägt uns aus der Finsternis ins Licht. Gottes Wirklichkeit in uns wird uns vollständig aufnehmen. Und auch das löst eine eigene Dynamik aus, die sich in unseren Gesichtern, Worten und Taten spiegelt. Und Gott sei Dank konnte auch dies Jeroen van Aken bildhaft darstellen.
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