„Veduten und Bauwerke“ - Begegnungen in Geraer Kunstsammlung. Gemälde, Druckgrafiken und Plastiken in der Orangerie

"Veduten und Bauwerke“ zeigt die Kunstsammlung Gera bis 20. Mai in einer thematischen Sonderausstellung in der Orangerie.
 
Hugo Paul Harrer (1836-1876), Am Marcellus-Theater in Rom, 1876, Öl auf Leinwand, Kunstsammlung Gera
Gera: Kunstsammlung Gera | „Veduten und Bauwerke“ zeigt die Kunstsammlung Gera ab 02. März in einer thematischen Sonderausstellung. Die Schau im Nordflügel der Orangerie vereint bis 20. Mai rund 90 Gemälde, Druckgrafiken und Plastiken aus dem eigenen Bestand. Sie präsentiert bildliche Darstellungen von historischen Stadtansichten, Gebäuden und Bauwerken - von der klassischen Vedute mit strengem Wirklichkeitsanspruch, über das Vergangenheit und Gegenwart verbindende Ruinenstück bis zur topographisch getreuen Wiedergabe städtischer Ansichten.

Vedute - abgeleitet vom italienischen „veduta“ - bezeichnet das Gesehene, den Punkt oder Ausschnitt, auf den sich das Auge richtet. Anhand ausgewählter Handzeichnungen, Grafiken und Gemälde unter anderen von Giovanni Battista Piranesi, Heinrich und Friedrich Philipp Reinhold, Hugo Paul Harrer, Heinrich Fischer, Paul Neidhardt, Paul Weiser, Otto Dix, Erich Drechsler, Wilhelm Rudolph, Herbert Enke, Eberhard Dietzsch wird die Veränderung des Bildtypus vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart verdeutlicht.

Die Entstehungszeit des Architektur- und Stadtbildes als selbstständige Gattung hängt eng mit den Reise- und Länderbeschreibungen der Neuzeit – sie förderten die topographisch genaue Darstellung – und der Entwicklung der Perspektive zusammen. Einer der bekanntesten und ganz in der Tradition der italienischen Veduten-Malerei stehenden Künstler war der aus Venedig stammende Kupferstecher und Architekt Giovanni Battista Piranesi. Er schuf großformatige Druckgrafiken des alten und zeitgenössischen Roms. In seiner Radierfolge „Vedute di Roma“, die ab 1747 entstand und in einer kleinen Auswahl präsentiert wird, hebt Piranesi die römischen Ansichten sowohl in archäologisch-wissenschaftlichen Sinn als auch im gestalterischen Vermögen in eine neue Dimension.

Das wachsende Interesse an Stadtwiedergaben fällt jedoch schon mit den Pilger- und Reiseberichten des 15. Jahrhunderts sowie mit der Entwicklung der Geographie zur eigenständigen Wissenschaft zusammen. Allerdings erfasste die Mittelalterliche Kunst nur Charakteristika eines Bauwerkes oder Städtebildes; richtige Proportionen und Detailgenauigkeit gewannen erst später an Bedeutung. In verkürzter Wiedergabe dienten die Stadtansichten oft als - von der Hauptszene getrennte - Hintergrundbeschreibungen. Bis ins 17. Jahrhundert hinein blieb der symbolisch-allegorischen Gehalt der Stadtdarstellungen erhalten. Dabei spielte auch die sakrale Architektur eine entscheidende Rolle.

Während Piranesi sich der Darstellung von konkreten Stadtsituationen und Bauwerken widmet, erscheinen Gebäude in idealen Landschaftsbildern der Romantik wie bei Friedrich Philipp Reinhold meist nur als Kulisse im Bildhintergrund. Wachsendes historisches Bewusstsein führte zur Wiederentdeckung der antiken Stätten. In der Vereinigung von Antike und Gegenwart tritt die Faszination für die Schönheit des Vergänglichen allmählich in den Vordergrund. Die in das Stadtbild und die Landschaft eingebetteten Ruinenstücke finden sich bis ins 19. Jahrhundert als Thema der Malerei, wie im Gemälde „Am Marcellus-Theater“ (1876) von Hugo Paul Harrer.

Für das große Interesse des 19. Jahrhunderts an Ansichten und Zeugnissen der eigenen Geschichte und dem visuellen Gegenüber steht der mit Gera eng verbundene Maler Heinrich Fischer, der wie sein Sohn Theodor Fischer die historischen Straßen und Plätze der Stadt Gera ins Bild setzte. Mit der zunehmenden Industrialisierung wandelte sich das Interesse der Künstler zur Stadt. Die Großstadt mit ihren Lebensverhältnissen und Architekturformen sowie die nächtliche Stadt mit ihrer künstlichen Beleuchtung wurden verstärkt zum Gegenstand der bildenden Kunst. Mit kritischem Blick analysieren die Darstellungen das spannungsreiche Miteinander des Menschen mit seiner Umgebung.

Bis in die Gegenwart hinein bietet das Thema des Architektur- und Städtebildes Anlass zur künstlerischen Auseinandersetzung. Die Konfrontation mit den sozialen und gesellschaftlichen Gegebenheiten im urbanen Lebensraum regt immer wieder zur Bearbeitung an. Dafür stehen Arbeiten von Künstlern wie Horst Peter Meyer, Horst Sakulowski, Sven Schmidt und dem Otto-Dix-Preisträger 2012 Jan Brokof. In der Gegenüberstellung der einzelnen künstlerischen Handschriften und Positionen gelingt der Präsentation ein außergewöhnlicher Streifzug durch die eigenen Sammlungsbestände.

Die Kunstsammlung erwartet ihre Besucher – wie alle Geraer Museen – dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 11.00 bis 18.00 Uhr.


PS: Bitte bedenken Sie, dass es sich bei den Fotos der Arbeiten um keine Reproduktionen unter Studiobedingungen handelt. Die Aufnahmen entstanden in der Ausstellung und können somit geringe Farb- und Tonwertababweichungen haben.

Ein Bericht über die zeitgleich im Südflügel der Orangerie zu sehende Ausstellung ist hier zu finden:

http://www.meinanzeiger.de/gera/kultur/kunstsammlu...

Beiträge über frühere Ausstellungen der Kunstsammlung Gera:

http://www.meinanzeiger.de/gera/themen/orangerie.h...
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4 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 08.03.2013 | 06:28  
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Renate Jung aus Erfurt | 09.03.2013 | 02:02  
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Steffen Weiß aus Gera | 11.04.2013 | 09:29  
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Steffen Weiß aus Gera | 17.04.2013 | 08:29  
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