Vier Geheimnisse des Todes

Isländische Darstellung der Lazarusgeschichte
Es geht um den Tod.
Dieser ist’s, der ungefragt in unser Dasein einbricht und uns verstummen lässt. So, wie bei der Geburt, so öffnet sich auch beim Sterben eine unsichtbare Pforte hin zur Ewigkeit.

In der Lazarusgeschichte des Johannesevangeliums werden wir in vier wichtige Geheimnisse des Todes eingeweiht.

Jesus begegnet dem Tod. Jesus weicht nicht aus. Er begegnet dem Tod, indem er in die Trauer der Zurückgebliebenen hineinsteigt. Er teilt den Tod, indem er die Trauer und den Schmerz teilt. Jesus wird nacheinander Martha, Maria, den mittrauernden Juden und schließlich sogar dem verstorbenen Lazarus selbst begegnen. Dabei erfahren wir Geheimnisse, die sich um den Tod herum gelegt haben.

Das 1. Geheimnis: der Tod ist privat! Der Tod ist familiär!

Es gibt eine repräsentative Umfrage des Deutschen Palliativ- und Hospizverbandes von 2012. Gefragt danach, wo sie sterben wollen, geben 66 % der Befragten an, zuhause sterben zu wollen. Es ist die Angst, gerade in diesem schweren letzten Abschnitt des eigenen Lebensweges in anonyme Betreuung gegeben zu werden. Die Sehnsucht der meisten Menschen geht aber dahin:
Keine medizinisch therapeutische Maßnahmen, sondern nur noch eine solide Schmerzbetreuung.
Aufgehoben in vertrauter Umgebung, begleitet beim Sterben auch von den Menschen, die im Leben wichtig waren.
Die Familie – im weitesten Sinn – soll der Ort sein, der gerade beim Abschied Geborgenheit, Zuwendung und Liebe erlebbar macht.

So muss es Jesus doch sehr getroffen haben, dass beide Schwestern – Martha und Maria – im unmissverständlich mitteilen, dass sie ihn vermisst haben, als ihr Bruder Lazarus starb. Umso mehr wendet sich Jesus nun den beiden Schwestern zu, um sie in ihrer Trauer zu begleiten. Er gehört als guter Freund zur Familie dazu. In Schutz dieser familiären Gemeinschaft darf nun die Trauer miteinander geteilt werden. Im Judentum stehen trauernde Familien unter besonderer Obhut. Sie sind von zahlreichen alltäglichen und auch religiösen Verpflichtungen befreit, um sich ganz dem Abschied ihrer Lieben widmen zu können. Gebete und Zeremonien unterstützen sie dabei.
Der Tod ist sehr privat, und trauernde Angehörige brauchen in dieser Zeit die familiäre Zuflucht. Miteinander zu trauern, sich ohne Worte zu verstehen, sich gegenseitig in den Arm zu nehmen, dies wird in besonderer Weise Hilfe und Kraft geben können.
Die private Sphäre wird auch gesetzliche gesichert. Wird z.B. eine prominente Person zu Grabe getragen, so schrecken Paparazzi selbst vor Beerdigungen nicht zurück. Diesem Treiben hat das LG Frankfurt (Oder) eine klare Grenze gesetzt. Das LG betonte die Notwendigkeit, dass Trauerfeierlichkeiten in diesem Kontext unter einem besonderen Schutz stünden. Trauerfeierlichkeiten seien oft von starken emotionalen Affekten und privatesten Äußerungen geprägt. Die Trauergäste hätten einen Anspruch auf die Privatheit ihrer Trauer, auf deren Respektierung durch die Öffentlichkeit und zwar auch dann, wenn die Trauerfeier in einem öffentlichen Raum auf dem Friedhofsgelände stattfindet.

Jesus betritt den privaten Bereich der Trauer, um diesen zu stärken. Er zeigt den Schwestern Wege, miteinander den Schmerz zu tragen und zu teilen. Gerade in diesem belastenden Moment segnet Jesus die familiäre Gemeinschaft. Er macht Mut, in Gemeinschaft mit der Trauer zu leben.

Das 2. Geheimnis: der Tod ist persönlich!


Hören wir von Flugzeugabstürzen, Umweltkatastrophen oder anderen größeren Todesmeldungen, dann verkünden die Nachrichtensprecher und – sprecherinnen abstrakte Zahlen. Der alte Gevatter legt dann das Stundenglas beiseite, nimmt sich einen laptop und erstellt eine Statistik. Doch hinter den Nummern sind konkrete Menschen verborgen; Menschen mit einem Namen, Gesicht, mit einer ganz eigenen Geschichte; Menschen mit Familie und Freunden. Der Tod ist persönlich. Lazarus ist Tod. Und wegen dieses einen Lazarus sind nun ganz konkrete Menschen traurig. Wenn der Tod einen Menschen ruft, den wir persönlich kennen, dann wird auch für uns der Tod konkret. Und dann sehen wir den knöchernen Gesellen für Momente selbst direkt in seine dunklen Augen.

Der Tod ist persönlich; deshalb ist Trauer auch immer persönlich. Jeder Mensch hat seine ganz eigene Weise, seine Form, seine Zeit, um mit Schmerz und Verlust leben zu lernen. Wichtig ist, dass wir die Trauer zulassen. Sie will und darf nach außen treten, Gestalt annehmen, Worte finden. Alles darf sein: Weinen, Klagen, Schweigen, Singen, Schreien, Lachen. Neben der Traurigkeit dürfen wir auch Wut, Angst, Zweifel, Fragen haben. Und Humor. Ja, auch Humor kann und darf zuweilen seinen Platz finden. Jeder hat das Recht, auf seine Weise zu trauern.
Hinter der Mauer aus Schmerz und Trauer sind konkrete Menschen verborgen; Menschen mit einem Namen, Gesicht, mit einer ganz eigenen Geschichte; Menschen mit Familie und Freunden. Der Tod ist persönlich; und die Trauer ist es auch.

Jesus nimmt Maria und Martha in ihren je eigenen Schmerz ernst. Er hört ihnen ganz aufmerksam zu. Er ist voll und ganz für sie da. Er hilft ihnen, eigene Worte der Trauer zu finden und auszusprechen. Er lässt sogar Vorwürfe und Anklagen zu. Jesus ist bei Maria und Martha. Erläßt sie nicht allein, sondern fängt sie auf, um sie dann wieder auf die eigenen Füße zu stellen. Er segnet die Beiden, dass sie ihren Trauerweg auch zu gehen vermögen.
Jede Trauer bedeutet für die betroffenen Menschen eine Krisensituation. Der Verlust eines Menschen, zumal der Verlust eines nahen, geliebten Menschen, erschüttert das eigene Lebensfundament und stellt das, was bisher so sicher galt, in Frage. In der Trauer geschieht ein zum Teil langwieriger Weg, der Menschen Schritt für Schritt und mit Geduld dabei hilft, sich trotz des Verlustes wieder neu dem Leben zu öffnen. Trauer ist von daher ein lebensnotwendiger und heilsamer Weg. Und die Trauer ist, als Begleiterin des Todes, ebenfalls etwas sehr persönliches. Jesus schützt solche Trauer und ermutigt mit seiner Zuwendung, dass Menschen sich auf diesen schweren Weg der Trauer, zurück ins Leben einlassen. Jesus segnet die Trauernden; und auch Segen ist konkret, ist persönlich!

Das 3. Geheimnis: der Tod ist öffentlich!

Todesanzeigen erscheinen in Zeitungen. Friedhöfe sind für jerderman zugänglich. Stirbt ein bekannter Künstler, Wissenschaftler, Sportler oder Politiker, wird dies in der Tagesschau vermeldet. Neben dem familiären und persönlichen Schutz trägt der Tod auch eine öffentliche Seite mit sich. Das erscheint zwar wie ein Widerspruch, aber widersprüchlich ist das Leben und so eben auch der Tod.

„Als der einstige Harvard Professor und Hippieprophet Timothy Leary von seiner unheilbaren Krebserkrankung erfuhr, beschloss er, so öffentlich zu sterben, wie er gelebt hatte. "Ich wollte meine Gedanken und Handlungen offenlegen, selbst wenn sie tabu oder illegal sein sollten, so dass ich die zwangsläufige Aufmerksamkeit nutzen konnte, um gegen die Scham, die die Gesellschaft angesichts des Todes empfindet, anzugehen."
Konkret bedeutete das, dass Leary sein Sterben zu einer Art Performance machte; er umgab sich mit Freunden, lud Journalisten und Kamerateams ein, gab bereitwillig und ausführlich Interviews und richtete sogar im World Wide Web eine Homepage ein, die so gestaltet war, dass Besucher sich durch sein Haus klicken konnten. Timothy Learys Totenbuch ist eine Dokumentation dieses öffentlichen Sterbens, der letzten Passage, die zugleich ein Protest gegen die Verdrängung des Todes aus der Gesellschaft war.“

Ein Foto hat in den letzten Tagen unzählige Menschen angerührt.
Das Bild eines toten syrischen Flüchtlingsjungen wird zum Sinnbild der Flüchtlingskrise: Die Leiche des dreijährigen Aylan Kurdi liegt mit dem Gesicht im Sand an einem Strand nahe des türkischen Ferienorts Bodrum. Medienberichten zufolge starb der Junge bei der Flucht über das Mittelmeer.

Am Grab des Lazarus haben sich viele Menschen versammelt. Manche kamen vielleicht aus Neugier. Die meisten jedoch kamen aus Mitgefühl. Sie wollten ebenfalls trauern und die beiden Schwestern trösten. Auch sie bezieht Jesus ein. Auch diese nimmt Jesus wahr und ernst und an. Und auch sie möchte Jesus segnen.

Der Tod, dieser unheimliche und zugleich vertraute treue Begleiter, der uns Menschen unsichtbar jederzeit nahe ist, dieser Tod bewegt sich in der Spannung zwischen persönlich, privat und öffentlich. Und wir Menschen sind in diese Spannung eingebunden.

Jesus am Kreuz. Schauen wir einen Moment nach Golgatha. Am Kreuz ein konkreter Mensch. Jesus. Sein Tod ist wie kein anderer. Unterm Kreuz Maria, Maria Magdalena und Johannes. Seine Familie, sozusagen. Neben dem Kreuz die Kriegsknechte, die Schaulustigen, die am Tod beteiligten. Auch der Tod Jesu war privat, persönlich und öffentlich zugleich.

Jesus wendet sich trauernden Menschen zu. Er widmet ihnen all seine Aufmerksamkeit. Er teilt mit ihnen den Schmerz, steigt hinein in die Trauer. Jesus will uns Menschen bestärken, den Weg der Trauer zu beschreiten. Jesus segnet die Trauernden, so dass sie Schritt für Schritt und mit Geduld lernen, sich trotz des Verlustes wieder neu dem Leben zu öffnen. Die Lazarusgeschichte zeigt: Jesus will und kann Trost und Hoffnung geben.

Denn da gibt es noch eines: Lazarus kommt aus dem Grab heraus. Jesus will unseren Blick öffnen. Nicht den Moment allein, auch über den Horizont der Zeit hinaus sollen wir wahrnehmen. Der Tod zerreißt den Lebensfaden, aber das Seil der Liebe vermag er nicht zu durchtrennen. Die Liebe verbindet uns über Raum und Zeit hinaus. Der Tod ist kein Ende. Er ist eine Tür hinein in ein neues Leben. Das mag den Schmerz der Trauer nicht zu beenden, aber erträglicher zu machen. Wir leben und sterben auf ein Ziel hin; und dieses Ziel hat uns Jesus eröffnet.

„Ihr sucht Jesus bei den Toden. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden und geht euch vorraus“

Jesus Christus hat den Tod die Macht genommen und das Leben ans Licht gebracht durch sein Evangelium. Im Vertrauen darauf geben wir unsere Toden in Gottes Hand.

Das 4. Geheimnis: Liebe ist stark wie der Tod!

Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige