Wie kommt die Medusa nach Jena-Göschwitz? Zweite Thüringer Buchtage in Jena am 14. und 15. September

Dr. Klaus Freyer stellt zu den Thüringer Buchtagen in Jena sein Werk über das Künstlerehepaar Müller aus Weida vor.
 
Hier ist der Buchautor zusammen mit Alexandra Müller-Jontschewa und Hans-Peter Müller zu sehen.
 
Alexandra Müller-Jontschewa und Hans-Peter Müller in ihrer Galerie in Weida.
  Nach dem erfolgreichen Auftakt im vergangenen Jahr, finden am 14. und 15. September 2012 in Jena die zweiten Thüringer Buchtage statt.

Veranstaltungsort ist das für Messen und Ausstellungen umgestaltete Volksbad im Stadtzentrum. Hier stellt der Landesverband Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen im Börsenverein des Deutschen Buchhandels über 40 Thüringer Verlage vor, die ihre aktuellen Veröffentlichungen präsentieren. Ein vielseitiges und umfangreiches Veranstaltungsprogramm mit Lesungen, Diskussionsrunden und Vorträgen ergänzt die Bücherschau. Unterstützt wird dieses Projekt vom Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Technologie.

Aus Gera ist der Verlag Erhard Lemm daran beteiligt. Er zeigt vor allem Ostthüringer Titel wie die neuen Bildbände über Bad Klosterlausnitz und Schmölln, Sachbücher über das Holzland und Kalender für 2013.

Einen Bildvortrag von Dr. Klaus Freyer zu seinem Buch »Alexandra Müller-Jontschewa, Hans-Peter Müller: Mythen, Menschen, Marionetten« erleben die Besucher am 15. September, 15 Uhr, im Zeichenraum des Volksbades. Der Eintritt hierzu, wie auch zu den gesamten Buchtagen, ist frei. Natürlich werden auch weitere Autoren des Verlages Erhard Lemm mit Buchpräsentationen und Signierstunden vertreten sein. So Frank und Angelika Schenke mit »Zwillingskegel – Photographien aus einer verschwundenen Welt« und Dr. Uwe Träger mit »Wolfstöter« am 14. September von 15 bis 18 Uhr, Andreas Hartmann mit »Transalpen – Naturerlebnisse mit dem Mountainbike« am 15. September von 12 bis 15 Uhr.

Interessierte Leser, Buchhändler, Bibliothekare können sich an beiden Tagen von der Vielseitigkeit und Leistungsfähigkeit der Thüringer Verlage überzeugen. Das detaillierte Veranstaltungsprogramm und eine Übersicht aller teilnehmenden Verlage ist unter www.boersenverein-sasathue.de abrufbar.

Mit dem Titel „Alexandra Müller-Jontschewa und Hans-Peter Müller – Mythen. Menschen. Marionetten“ hat der Geraer Autor Dr. Klaus Freyer ein Buch über das Künstlerpaar veröffentlicht, das seine Spuren auch in Jena hinterlassen hat.

Es kommt nicht allzu häufig vor, dass Wandbilder aus DDR-Zeiten Jahrzehnte nach der Wende fast unbeschädigt überleben. Alexandra Müller-Jontschewas und Hans-Peter Müllers sogenanntes Gorgoneion hatte dieses Glück. „Fernerkundung der Erde“ hieß es wohl offiziell. Die großflächige Wandbemalung ist heute noch der Öffentlichkeit im Göschwitzer Jencasino zugänglich. Wie damals 1988/89 eröffnet sich dem Besucher ein wahres Panorama antiker Mythen und konkreter Wissenschaftshistorie auf. Im Foyer des Jencasino begibt er sich auf eine Zeitreise mit Planetenhopping, um auf die zentrale Medusa-Darstellung zu treffen: Die todbringenden Blicke der Gorgone, abgelenkt durch Athenes Spiegel-Schild, lösen Laser­strahlen gleich versteinerte Kreaturen auf in Nichts. Die Metapher wurde verstanden, ist sich Müller noch heute sicher: „Das Wort vom Krieg der Sterne war in aller Munde und hatte brisante Aktualität.“

In Jena-Göschwitz wurde in den Achtzigern an einer Antwort auf Reagans SDI-Programm geforscht, mit lasergestützten Waffen vom Orbit aus agieren zu wollen. Das war durchaus bekannt. Die Botschaft, die Müllers hier mit Blick auf die antike Mythologie formulierten, war eindeutig genug und nahm keins der beiden politischen Systeme einseitig in Schutz.

Aber im Konzert der Mythen schlagen Müllers auch leichtere, beschwingte Töne an, wie mit dem fröhlichen Musikanten an Bord der fliegenden Mandoline. Daneben eine auf dem Sims flanierende Fantasiefigur mit frisch toupiertem Ibis-Kopf und löwen- bzw. sphinx­ähnlicher Kreatur an der Schlangenleine. Frühere Mitarbeiter des Betriebes hatten in deren Profil schon immer den letzten Generaldirektor erkennen wollen.

Diese Episode hat der Geraer Autor Dr. Klaus Freyer in sein Buch „Mythen.Menschen.Marionetten“ über das Künstlerpaar Alexandra Müller-Jontschewa und Hans-Peter Müller aufgenommen. Sie gehören zu den besten bildenden Künstlern des Landes und sind im gesamten Mittelmeerraum auch als Mitglied der internationalen Künst­lervereinigung „Libellule“ mit Sitz in Paris bekannt.

Ihr künstlerischer Weg findet sich zwischen Symbolismus, Surrealismus und magischen Realismus. Beide arbeiten ausschließlich figurativ und beherrschen das großformatige Tafelbild ebenso wie das Kabinettstück. Die Welt der Legenden fasziniert das Künstlerpaar so grundlegend, dass es daraus seine Motive gewinnt, mit altmeisterlicher Technik und Präzision ausgeführt und vom surrealistischen Geist durchdrungen. Rätselhafte Metaphern bieten einen neuartigen Zugang zu den Überlieferungen alter Kulturen, den Klaus Freyer mit seinem Buch erleichtern will. Auf den Jenaer Büchertagen im September wird er es mit einem Bildervortrag vorstellen. In dessen Mittelpunkt stehen die meist mythischen Helden der Künstler.

Warum ist Justitia einmal nackt und später gerüstet? War Maria Magdalena von Jesus schwanger? Was hat es mit der heiligen Hochzeit auf sich? Warum steht Aphrodite nackt vor Hermes? Und was hat das alles mit Kunst zu tun? Das versucht Klaus Freyer zu klären. Manchmal mit Augenzwinkern und Aufregerpotenzial, oft mit Hintersinn entführt er seine Zuhörer in die faszinierende magische Bilderwelt zweier bekannter Maler, die sich zur altmeister­lichen Tradition bekennen, Analogien zur Gegenwart inklusive. Eine kurzweilige Zeitreise in die als Legenden und Mythen überlieferte frühe Geschichte der Menschen, wie sie sich in den Werken des Künstlerpaares widerspiegelt.

Dr. Klaus Freyer: „Alexandra Müller-Jontschewa und Hans-Peter Müller. Mythen, Menschen, Marionetten“. Verlag Erhard Lemm, 132 Seiten, zahlr. Abb., 19,95 Euro


Rezension von Dr. Jürgen Stahl, Leipzig:

Es ist die erste Monografie über das bekannte Malerpaar Hans-Peter Müller und Alexandra Müller Jontschewa – und ihre dem Surrealismus verpflichteten, oft von den klassischen Mythen inspirierten Bilderwelten. Gerade Letzteres hat den Geraer Autor Klaus Freyer bewogen, die Motive der Bilder – und die der Künstler - zu hinterfragen. Dadurch eröffnen sich für den Leser des Buches als auch den Rezipienten Müllerscher Kunst ein ungewohnter Zugang zu den Mythen und Legenden vergangener Zeiten und verschiedener Kulturkreise: Weil sie auf den Ölgemälden oft anders erzählt werden als üblich, provokative Überraschun­gen inklusive. Und das auch noch gekonnt in altmeisterlicher Malweise.

Jesus mit keltischen Attributen? Der heilige Antonius per Zeitsprung den Reizen Maria Magdalenas erlegen? Die schwarze Sahra schwanger von Gottes Sohn? Die Müllersche Fassung biblischer Themen mag manchen Orthodoxen die seine verlieren lassen. Müller scheints wenig zu kümmern. Er schöpft aus den alten Mythen neue Metaphern. Und Freyer stößt den Leser manchmal mit der Nase drauf, mit flüssiger, oft pointierter Sprache. Ohne auf seine Interpretation zu bestehen, die gleichwohl eigenwillig ist, wie der Bildinhalt oft selbst. Und ohne den wahren geschichtlich-gesellschaft­lichen Hintergrund der Maler und ihrer Bildmotive zu verdunkeln. Aber was ist schon Wahrheit in der Geschichte? Das, was uns Heutigen überliefert wurde? Freyer verliert sich nicht in kunstwissenschaftlichen Interna oder pseudophilosophischen Spekulationen. Er sucht die Geschichten im oder auch hinter den Schlüsselsujets und dem einzelnen Bild. Und er findet sie im gesellschaftlichen Umfeld der Künstler, auch in biografischen Verflechtungen mit sozialen Entwicklungen („Die Schindung des Marsyas“) oder in den Analogien der Gegenwart mit alten Überlieferungen („L'outremer“, „Justitia“), um nur wenige Beispiele zu nennen.

Das Marionettensujet ist gewiss keine Erfindung von Alexandra Müller-Jontschewa. Dessen konsequente Entwicklung, um alle möglichen Herausforderungen des Menschen künstlerisch zu bewältigen, schon. Das phantasievolle farbenprächtige Panorama voller romantischer Schönheit, das die Malerin entwirft, versteht der Autor als illusionären Schein, hinter dem sich Lebensäußerungen mit menschlicher Dramatik verbinden. Freyer sieht das Spiel der Marionetten als Ausdruck eines Menschenbildes, die Verstrickung der Schicksale eingeschlossen.

Und so schließt sich der Kreis, den der Buchtitel vorgibt: Mythen. Menschen. Marionetten. Das Buch ist zweisprachig. Die Haupttexte wurden ins Französische übersetzt. Nicht nur eine Reminiszenz an das Künstlerpaar, das im gesamten Mittelmeerraum sich zu Hause fühlt und besonders in Frankreich anerkannt wird. Müllers sind aktive Mitglieder der internationalen Künstlergruppe „Libellule“, die in Paris ansässig ist und europaweite Ausstellungen organisiert. Wenn sie nicht gerade in ihrem Atelier im ostthüringschen Weida sich wieder auf eine fiktive Zeitreise zu den Ursprüngen der menschlichen Zivilisation begeben, um nach Rückkehr die Mythen verschiedener Kulturkreise für uns Daheimgebliebenen sichtbar zu machen.

Nicht zurückgekehrt und somit Aufenthaltsort unbekannt sind zudem einige Werke des Künstlerpaares: „Kursker Bogen“ und „Die Rückkehr des Odysseus“ von Hans-Peter Müller und ein Fussball-Triptychon von Alexandra Müller-Jontschewa.

Gesamturteil: Sehr lesenswert, weil es Interesse an einer bildenden Kunst weckt, die auch im eigentlichen Sinne bildet. Ohne übrigens den Blick auf die Ästhetik der Bilder zu verstellen. Mehr kann ein solches Buch, reich bebildert zumal, nicht leisten. Schade nur, dass es dem Verlag nicht gelang, die Klassik-Stiftung Weimar zu einem Fototermin mit Müllers Faust-Triptychon zu bewegen.


Mehr über das Künstlerehepaar ist hier zu erfahren:

http://www.meinanzeiger.de/gera/kultur/aphrodite-k...
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4 Kommentare
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Antje Hellmann aus Jena | 10.09.2012 | 10:59  
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Renate Jung aus Erfurt | 10.09.2012 | 17:37  
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Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 10.09.2012 | 23:06  
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Hannelore Grünler aus Artern | 12.09.2012 | 01:58  
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