Wurzel Jesse und der Weltenbaum

  Gera: Trinitatiskirche |

Es ist ein Ros entsprungen
aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art
und hat ein Blümlein bracht
mitten im kalten Winter,
wohl zu der halben Nacht.


Es ist eines der bekanntesten Weihnachtslieder. Der Text spricht so sanft zu uns, in verträumten Bildern. Doch verstehen Menschen heute noch, worauf sich dieses Lied bezieht? Was ist das für eine Wurzel, von der die Rede ist? Und wer ist dieser Jesse? Was hat das alles mit der Heiligen Nacht zu tun?

Hintergrund für diese Verse ist ein Wort aus dem Buch des Propheten Jesaja. Dort heißt es:“Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“
Diese Verheißung bezieht sich darauf, dass Gott im jüdischen Volk einen Retter senden wird, der mit dem Geist Gottes erfüllt Gerechtigkeit und Frieden bringen wird. Dieser wird nicht allein Israel, sondern auch die Völker erreichen, denn so heißt es bei Jesaja weiter: „Und es wird geschehen zu der Zeit, dass das Reis aus der Wurzel Isais dasteht als Zeichen für die Völker. Nach ihm werden die Heiden fragen, und die Stätte, da er wohnt, wird herrlich sein.“. Deshalb haben Christen diese Verse von Anbeginn an auf Jesus bezogen. Jesus ist der Verheißene, der in die Welt gekommen ist, das Licht Gottes zu bringen. Oder um im Bild des Propheten zu bleiben: Jesus ist der verheißene Zweig aus der Wurzel Isais, aus der Wurzel Jesse. Die sogenannte Wurzel Jesse ist ein verbreitetes Bildmotiv der christlichen Kunst, vor allem des Mittelalters. Mit dem Bild vor Augen können wir nun sehen, was gemeint ist:

Es stellt die Abstammung Jesu dar. Der Stammbaum Jesu wird in Gestalt eines wirklichen Baumes dargestellt, der aus einem schlafenden Mann herauswächst. Dieser Mensch ist Isai – oder eben Jesse – und der Name bedeutet übersetzt „Geschenk Gottes.“ Jesse war der Vater von dem berühmten König David und somit Stammvater des Königshauses von Israel. Er lebte einst mit seiner Familie in Bethlehem. Und hier ergibt sich ein weiterer Hinweis auf das Weihnachtsgeschehen, denn so überliefert es Lukas: „Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war“.
Und so sehen wir einen Baum, der aus der Wurzel Jesse wächst und dessen Krone Maria, die göttliche Mutter mit ihrem Kind Jesus trägt.

Jesus hat Wurzeln. Diese sind auf Erden verankert. Er ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Jesus kam als wirklicher Mensch. Jesus ist geboren, wie alle Menschen geboren werden. Eine Frau – die junge jüdische Frau Mirijam - hat Jesus in sich getragen. Sie hat ihn liebevoll umsorgt, da er wie alle Neugeborenen schutzlos und hilfsbedürftig war. Gottes Kommen in unsere Welt geschah ganz erdig, mit Schreien und Bluten und Weinen und Lachen. Von Beginn an war Jesus unendlich tief mit unseren menschlichen Wesen verbunden. Von Beginn an haben Menschen den göttlichen Sohn auf seinen Weg begleitet.

Die Geburt Jesu wird so beschrieben, dass ein Zweiglein, ein Reis aus der Wurzel entspringt. Er trotzt mit seinem wachsen der Kälte und der Dunkelheit. Bedroht von äußeren Mächten findet das Kind beharrlich die Kraft, Leben in sich zu tragen und Leben weiterzugeben.

Jesus ist verwurzelt im Gottesvolk Israel. Und er hat auch Vorfahren, wie alle Menschen Vorfahren haben. Er stellt die, die an ihn glauben, in die Verheißungen, die Gott Abraham, Moses und David, Sara, Ruth und Bathsheba gegeben hat. Er ist der Kultur, Tradition und Geschichte des jüdischen Volkes entsprungen. Gleichzeitig überschreitet er die Grenzen seiner irdischen Herkunft und nimmt alle Völker in die Botschaft von Gottes Liebe mit hinein. Paulus bezieht sich später in einem Brief auf das Bild vom Baum, wenn er schreibt: „Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat. Rühmst du dich aber, so sollst du wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich.“

Immer wieder taucht das Bild von einem Baum auf. Und auch hier haben wir einen direkten Bezug zu unserem Weihnachtsfest. Der festlich geschmückte Christbaum steht auf öffentlichen Plätzen, in Kirchen und Stuben und redet auf seine Weise vom Geschehen der Geburt. Der Baum ist eine Brücke zwischen oben und unten, Himmel und Erde.
Grün ist die Farbe des Wachsens. Des Blühens. Des Lebens. Vom mythischen Weltenbaum ist bei vielen Völkern die Rede. Die jüdische Kabbala redet vom Sephirot, den Zweigen des Lebensbaumes. Unsere Vorfahren nannten ihn Yggdrasil, die Esche, deren Wuchs alle sichtbaren und unsichtbaren Welten umfasste. Im Islam wird er Tūbā genannt und symbolisiert als Paradiesbaum die Verbindung mit Gott.
Die Mystik kennt das Bild vom „umgekehrten Baum“: Seine Wurzel sind im Himmel verankert und dieser Weltenbaum wächst von oben nach unten. Er breitet seine Zweige wie Sonnenstrahlen auf der Erde aus.
„Der »Christbaum«, ist also ein Baum, der von oben nach unten und von unten nach oben wächst; denn Christus hat seine Wurzel nicht allein in der Mutter Erde, sondern im Herzen des himmlischen Vaters. Er wächst vom Himmel auf die Erde und zugleich wächst er auch aus dem Schoß Mariens von der Erde in den Himmel.“ (Veit Dennert)

Dieser mythische Baum gewinnt Kraft und trägt die Erlösung in sich. So sehen wir hier auf dem Bild neben dem Geburtsgeschehen auch das Kreuz. Golgatha entspringt ebenfalls dieser Wurzel und das Kreuz ist Teil des Lebensbaumes. Und als Zweige sprossen Frauen und Männer hervor, die sich um Christus herum gruppieren. Es sind Menschen wie Maria, tief in Gott und seinen Verheißungen verwurzelt sind. Und der Welten- und Lebensbaum wächst weiter, immer weiter und verbindet untrennbar Himmel und Erde.

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“.Der Weihnachtsbaum gehört zu unserem Fest. In Jesus Christus sind die Verheißungen der Propheten Jesaja erfüllt. Jesus ist der mit dem göttlichen Geist Erfüllte, der Gerechtigkeit und Frieden bringt. Und auch wir können in diesem Welten- und Lebensbaum wurzeln und Teile seiner Verzweigung werden. Lassen wir uns hineinnehmen und wachsen auch wir dem Himmel entgegen.

Dank an Veit Dennert, dessen Internettext mir Anregungen zu der Predigt gegeben haben
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Renate Jung aus Erfurt | 26.12.2015 | 23:15  
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