„Zwischen Johanna und Klementine“. Museum für Angewandte Kunst Gera präsentiert Werbegrafik in der DDR von 1950 bis 1970

Vergnüglicher Sehgenuss wird durch bekannte und beliebte Werbespots aus der Werbesendung des DDR-Fernsehens „Tausend Tele Tips“ (TTT) geboten. Die Werbe(trick)filme insbesondere der 1960er Jahre waren zunehmend von Kreativität, Experimentierfreude, Originalität und hintersinnigem Humor getragen.
 
Kuratorin Christina Bitzke neben der 1997 von Jan Niester geschaffenen Replik der Fewa-Johanna aus dem Industriemuseum Chemnitz.
 
Waschmittelverpackungen bzw. Werbetafeln der Henkel AG, VEB Waschmittelwerk Genthin, um 1935 bis 1960er Jahre.
Gera: Museum für Angewandte Kunst | Werbegrafik in der DDR von 1950 bis1970 präsentiert das Geraer Museum für Angewandte Kunst (MusAK) in seiner neuen Ausstellung „Zwischen Johanna und Klementine“. Sie wurde am Montag, dem 3. Dezember, eröffnet und ist bis 24. Februar 2013 zu sehen. Die Schau vereint rund 250 Exponate von über 20 Gebrauchsgrafikern und bietet damit einen ebenso interessanten wie vergnüglichen Über– und Rückblick auf ein spezifisches Gebiet der angewandten Kunst und Alltagskultur. „Die Namen der beiden Frauen- und Werbefiguren symbolisieren nicht nur wichtige werbetechnische und werbestrategische Mittel, sondern auch Anfang und Ende der Produktwerbung in der DDR“, betont Kuratorin Christina Bitzke. „Die FEWA-Johanna versinnbildlicht Werbegeschichte und die Traditionen, auf denen nach 1950 in der DDR aufgebaut wurde. In weißen Latzhosen betrat ‚Klementine‘ die Bühne der westdeutschen Fernsehwerbung zu einer Zeit, als die Werbung in der DDR aus politisch-ökonomischen Gründen zurückging und Mitte der 1970er Jahre für das Inland komplett eingestellt wurde“, macht sie deutlich.

Ob „Fisch auf jeden Tisch“, „Baden mit Ba du san“, Spezitex-Detektiv oder Meister Malimo - die Ausstellung bringt eine Begegnung mit originalgrafischen Entwürfen, Werbemaskottchen und gedruckter Reklame im Kontext der Zeit. Vergnüglicher Sehgenuss wird durch bekannte und beliebte Werbespots aus der Werbesendung des DDR-Fernsehens „Tausend Tele Tips“ (TTT) geboten. Die Werbe(trick)filme insbesondere der 1960er Jahre waren zunehmend von Kreativität, Experimentierfreude, Originalität und hintersinnigem Humor getragen.

Die Exposition basiert auf dem umfangreichen gebrauchsgrafischen Bestand des Geraer Museums, ergänzt durch Leihgaben aus öffentlichen und privaten Sammlungen. Das Geraer Haus besitzt zahlreiche Vor- und Nachlässe von Gebrauchsgrafikern der DDR und konnte den Bestand seit 1990 durch Ankäufe, Dauerleihgaben und zahlreiche Schenkungen, auch von Bürgern der Stadt, systematisch erweitern. Zahlreiche dieser Stücke werden in der Ausstellung erstmals gezeigt. Die Sammlung des MusAK dokumentiert das größtenteils anerkannt hohe künstlerische und handwerkliche Niveau dieses Genres. Gleichzeitig spiegeln sich darin die gesellschaftlichen Verhältnisse, insbesondere des Alltagslebens, wider.

Die Gebrauchsgrafik orientierte sich nach 1950 in beiden Teilen Deutschlands noch an den progressiven gestalterischen Ansprüchen der 1920er Jahre und der Werbung der 1930er Jahre. In der Zeit des boomenden Wirtschaftswunders im westlichen Teil Deutschlands flossen mehr und mehr die allgemeinen zeittypischen Design-Tendenzen ein. Gleiches galt für die DDR, deren Werbung jedoch nicht vordringlich auf Absatz und Wettbewerb zielte. Die angewandten Werbestrategien wie Markenzeichen, Annoncen, Produktplakate, Verpackungen, Verkaufsvorführungen oder Werbefilme – ab 1959 auch die „TTT“ im DDR-Fernsehen - unterschieden sich nicht wesentlich von denen der westlichen Welt. Die Werbung wurde entsprechend des DDR-Staatsziels zunehmend ideologisiert. Im Aufschwung zu einer „Konsumgesellschaft“ sollte die Wirtschaft der DDR den „Wohlstand für alle“ sichern, gleichzeitig war sie aber von gesellschaftlichen, ideologischen und wirtschaftlichen Konflikten geprägt. Besonders in der Zeit der 1960er Jahre nahm die Werbung einen relativ breiten Raum ein und popularisierte eine heile Welt, die Sehnsüchte weckte, zum Kauf anreizte, Ladenhüter anpries, Leitbilder transportierte oder erzieherisch wirken sollte. Die Deutsche Werbe- und Anzeigengesellschaft DEWAG stellte alle Werbemittel her, für sie arbeiteten angestellte und freiberufliche Gebrauchsgrafiker.

Die meisten produzierenden Firmen bauten auf die Erfahrungen gut funktionierender Werbeabteilungen vor dem Zweiten Weltkrieg auf. Werbefachleute und Gebrauchsgrafiker setzten ihre Tätigkeiten fort, gaben oft als Lehrende ihre Erfahrungen und ihr Können weiter. Die renommierten Gebrauchsgrafiker der DDR dieser Generation verfügen über eine fundierte, praxisbezogene Berufsausbildung. Sie erlernten meist einen Beruf im druckgrafischen Gewerbe, belegten Abendkurse und studierten an den traditionsreichen ehemaligen Kunstgewerbeschulen, etwa an der Fachschule für Angewandte Kunst Leipzig und der Fachschule für Werbung und Gestaltung Berlin.

Zwischen 1950 und 1970 war die Produktwerbung in der DDR auf Grund der noch bestehenden privaten und halbstaatlichen Betriebe am intensivsten. Die gebrauchsgrafischen Arbeiten jener Jahre sind Spiegelbild der Situation und zugleich eines zum Teil hohen gestalterischen Anspruches, handwerklichen Könnens, Kreativität und Experimentierfreude. Ein Anliegen dieser Ausstellung ist es, das Schaffen und die Namen der Gebrauchsgrafiker bekannt zu machen, die sich hinter den zahlreichen Werbeideen und grafischen Entwürfen verbergen. Die freundliche FEWA-Johanna etwa demonstriert in der Ausstellung ihre wirkungsvolle Flexibilität als Werbefigur auf Verpackungen, Annoncen, Prospekten, Plakaten bis hin zur Fernsehwerbung. Ein zeitgemäßes Outfit erhielt die bereits 1938 entstandene Figur durch den Grafiker Horst Geil (1919–2006) zu Beginn der 1950er Jahre. Dieser Grafiker verstand es, im sicheren Umgang mit dynamischen Linien, geometrischen Formen, kräftigen, klaren Farben und Humor unter anderem Reinigungsmitteln die notwendige Aufmerksamkeit zu verschaffen. Mit flotten Sprüchen geisterte das von Will Halle (1905–1969) entworfene „Mux-Männchen“ saisonal durch die Welt der Werbung, um die Verbraucher von der Notwendigkeit der Insektenbekämpfung zu überzeugen. Neben verschiedenen Werbemitteln ist in der Ausstellung auch die typische Muxflasche zu sehen, deren simple Sprühtechnik heute kaum mehr vorstellbar scheint.

Der Geraer Grafiker Günther Kerzig (geb.1932), damals bei der DEWAG Gera beschäftigt, entwarf die Verpackungen für das allseits bekannte Schaumbad Ba du san der Blendax-Werke Gera (ab 1965 Gerana Kosmetik), darunter den grünen Fisch. Bis heute begeistert sein 1963 entstandener Entwurf für die inzwischen legendären Verpackungen, die auch als Kinderspielzeug zu nutzen waren. Die grafische Umsetzung des Werbespruches für die Textilfaser DEDERON „Ein Faden vollendeter Verlässlichkeit“ auf vielfältigen Mitteln für die Binnen- und Außenhandelswerbung spiegeln sich in zum Teil originären und originellen Entwürfen des Schmöllner Ehepaares Hans (*1920) und Luise Neubert (1926–2010) wider.

Die Ausstellung „Zwischen Johanna und Klementine“ wurde maßgeblich vom Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur gefördert und vom Förderverein „Freunde des Ferberschen Hauses“ e.V. unterstützt. Begleitet wird die Schau von zahlreichen Veranstaltungen. Deren Spektrum reicht von öffentlichen Führungen und der traditionellen „Tea-Time“, über kreatives Gestalten weihnachtlicher Verpackungen, einem Fachvortrag mit Geschichten und Hintergründen zur flimmernden Kino- und Fernsehwerbung in der DDR sowie Vorführung mit historischer Technik bis hin zu Angeboten für Kinder und Jugendliche im Rahmen des Unterrichtes oder der Feriengestaltung. Termine dafür sind den Veranstaltungskalendern unter www.gera.de und der örtlichen Presse zu entnehmen oder im Museum selbst (Telefon 0365 – 8381430, musak@gera.de) zu erfahren.

Das Museum für Angewandte Kunst erwartet seine Besucher – wie alle Geraer Museen – dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 11.00 bis 18.00 Uhr.

Mehr über das Museum für Angewandte Kunst ist hier zu erfahren:

http://www.meinanzeiger.de/themen/museum-f%FCr-ang...
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Hannelore Grünler aus Artern | 04.12.2012 | 20:24  
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Steffen Weiß aus Gera | 04.12.2012 | 20:29  
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Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 04.12.2012 | 23:57  
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Steffen Weiß aus Gera | 11.04.2013 | 15:45  
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Steffen Weiß aus Gera | 24.04.2013 | 10:09  
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Steffen Weiß aus Gera | 07.05.2013 | 09:41  
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