120 Jahre Straßenbahn in Gera – Jürgen Kämpfe ist seit 35 Jahren als Fahrer dabei

Jürgen Kämpfe - hier in seiner Fahrerkabine - ist seit 35 Jahren als Straßenbahnfahrer in Gera unterwegs.
 
Im Betriebshof...
Gera: GVB | „Es macht immer noch Spaß“

GERA (Viererbe). „Jürgen ist einer, der für seinen Beruf lebt“, sagt jemand, der es wissen muss: Klaus P. Symalzeck von der Geraer Verkehrsbetrieb GmbH. Und nein – Jürgen Kämpfe steht nicht gern im Mittelpunkt, dennoch konnten wir ihn anlässlich des 120. Straßenbahnjubiläums der GVB zu einem Interview überreden...

Wie wurden Sie Straßenbahnfahrer, war es der Traumberuf?

Mittlerweile jedenfalls kann ich mir keinen schöneren Beruf vorstellen. Angefangen hab ich allerdings in der Landwirtschaft in der Rinderzucht und später bei der Wismut – bis zu einem Unfall, nachdem ich mich beruflich neu orientieren musste. Erst habe ich mit Omnibusfahrer geliebäugelt, gesucht wurden aber Straßenbahnfahrer. Das fand ich auch nicht schlecht – das war im Januar 1977. Also qualifizierte ich mich entsprechend in der hauseigenen Fahrschule der GVB zum Facharbeiter und bin seit dem dabei.

35 Jahre – immer dieselben Strecken durch Gera – wird das nicht langweilig?

Auf gar keinen Fall – es sind ständig andere Fahrgäste und immer andere Verkehrssituationen, auf die ich mich einstellen muss. Es macht mir noch immer Spaß.

In so langer Zeit hat sich viel geändert. Auch die Fahrgäste?

Damals ging alles ruhiger zu, die Fahrgäste waren insgesamt gesehen freundlicher. Die Freundlichen gibt es natürlich immer noch, aber viele haben heute genug mit sich zu tun, es ist alles hektischer. Da wird im Stress schon mal Luft abgelassen…

Gab es da brenzlige Situationen?

Nun, es kommt schon vor, dass sich Alkoholisierte daneben benehmen oder sich Fahrgäste in die Haare geraten. Aber nur einmal kann ich mich wirklich daran erinnern, dass es zu einer handfesten Schlägerei kam – da habe ich über den Dispatcher die Polizei informiert. Ansonsten bleibe ich ruhig und gelassen, dank meiner langjährigen Erfahrung habe ich genug Menschenkenntnis und kann - bevor die Situation eskaliert - die „Luft“ raus nehmen.

Geändert hat sich auch die Technik?
Enorm sogar. Früher – z.B. auf den alten Gothawagen - da war alles noch richtige Handarbeit, da hieß es kurbeln, kurbeln, kurbeln, heute in den modernen Fahrerkabinen der Tatra-Triebwagen ist mehr Platz, es ist alles viel komfortabler, die Bedienung ist dank Elektronik über die Shopper-Steuerung - einer Art Joystick – und wenigen Knopfdrücken sehr leicht geworden.

Haben Sie Angst bei Nachtfahrten?
Nein – ich habe noch keine schlechte Erfahrung gemacht, worüber ich mich sehr freue.

Gab es „Pleiten, Pech und Pannen“?
Wer nicht fährt… Klar, kleinere Unfälle passieren schon. Zum Glück nichts Schlimmeres als eine blutige Nase und „Blechschaden“. Und immer mal wieder Stromausfall…

Besonders kuriose Ereignisse?

Die alte Gothabahn hatte damals noch eine eher leistungsschwache Maschine und wenn sie richtig voll war, schaffte sie bergan oben auf dem Steinweg nicht die Kurve. Also mussten etliche Fahrgäste erstmal wieder aussteigen. Dann ging’s an der Milchbar rum, dort durften sie wieder zusteigen… Und Anfang der 80-er Jahre, als die ersten Tatras mit den Schalensitzen aus Plaste fuhren, war ich einmal völlig baff. Als ich nach der Fahrt in den 2. Wagen schaute, war kein einziger Sitz mehr da. Alle rausgerissen und weg. Ich hatte während der Fahrt überhaupt nichts bemerkt. Aber auf der Rücktour laden sie alle – schön verteilt – an Fahrbahnrand. Dort habe ich sie alle wieder eingesammelt…

Worüber ärgern Sie sich?

Über die Ignoranz anderer Verkehrsteilnehmer… Vor allem über die Falschparker in der Wiesestraße, wenn ich mit meiner Bahn nicht vorbei komme.

Was macht Jürgen Kämpfe in seiner Freizeit?
Die bleibt für die Familie: meine Frau, die Kinder – vier Töchter und einen Sohn - sowie für mittlerweile fünf Enkelkinder – wieder vier Mädchen und ein Junge… Und die Haustiere: Vögel, Fische und ein Hund.


Kurz & knapp
Vor 120 Jahren - am 22. Februar 1892 rollten die ersten elektrischen Straßenbahnen durch Gera.
Heute beim GVB: 3 Straßenbahn- (1,2 und 3) und 20 Buslinien beim GVB mit einer Gesamtstrecke von 256 km Länge und 235 Haltestellen.
Extras: Historische Straßenbahnen für eine Stadtrundfahrt oder die Party-Bahn 111
Im Linienverkehr: die kindgerechte Spatzenbahn
Historisches: das Straßenbahnmuseum – Eintritt frei nach Voranmeldung unter 0365/856 13 06
Mehr Infos: www.gvbgera.de
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