Akribisch bis ins Detail. Pünktlich zum 150. Geburtstag von Henry van de Velde wird Haus Schulenburg in Gera dank dem Ehepaar Kielstein im alten Glanz erstrahlen.

Musiksalon des Hauses Schulenburg. Die Möbel waren 1937 nach Rio de Janeiro gegangen und fanden über München den Weg nach Gera zurück. Die Wandbespannung hat der heutige Besitzer in Crimmitschau nachweben lassen.
 
Im ehemaligen Speisezimmer des Hauses Schulenburg finden heutzutage Lesungen statt und es werden Trauungen vollzogen. Die Stühle wurden von Paul Schulenburg 1906 auf der Internationalen Kunstausstellung in Dresden erworben.
 
Keramikvase mit Laufglasur, die unter dem Einfluss von Henry van de Velde in Bürgel gefertigt wurde.
 
Im früheren Arbeitszimmer von Schulenburg wurde die Dauerausstellung "Henry van de Velde - Buchgestaltungen, Pläne, Entwürfe, Möbel" eingerichtet. Das Gemälde zeigt Paul Schulenburg, gemalt von Giese.
Ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude grundhaft sanieren? Viele Bauherren schrecken angesichts der strengen Auflagen der Behörden davor zurück. Dass selbst ein Bauherr der Denkmalbehörde fast zu detailverliebt ist, gehört sicher zur Ausnahme. Dr. Volker Kielstein lässt sich in diese Kategorie einordnen.

Der in Magdeburg praktizierende Suchtexperte gehört zu dem Schlag Menschen, der das, was er anpackt, richtig macht. Als Psychotherapeut, spezialisiert auf die Behandlung von Suchtkranken, hat er bereits zu DDR-Zeiten neue Strategien zur ambulanten Behandlung und Entgiftung entwickelt, die er auf im Ostblock stattgefundenen Weltkongressen den Kollegen vorgestellte. Mit dem Mauerfall war für ihn die Zeit gekommen, seine Behandlungsstrategien endlich einbringen zu können. Dies allerdings gesamtdeutsch vom Osten aus zu verwirklichen, fand wenig Akzeptanz. Kielstein fand schließlich seinen Weg mit der Privatisierung der Klinik.

Als 1996 die wesentlichen Dinge in Magdeburg auf den Weg gebracht waren, hatte er die Idee, eine Zweigstelle in seiner Heimatstadt Gera zu errichten. An dieser Stelle kommt das zweite Herz, das in Kielsteins Brust schlägt, zum Tragen. Er führt von Kindesbeinen an ein Doppelleben: Er hat sich schon immer für Kunst interessiert und greift auch selbst zum Pinsel. Entsprechend wollte Kielstein seine geplante Tagesklinik für Suchtkranke mit einem Kulturzentrum kombinieren. Und dies in einem Haus, dass er bereits als Kind kennen und lieben gelernt hat: dem Haus Schulenburg, das seit dem Mauerfall leer stand. Der Suchtexperte machte sich auf, an einem Ort, an dem mit dem Mauerfall so unendlich viel den Bach herunter gegangen ist, soziale Probleme lösen zu wollen. Sein Engagement fand nicht nur wenig Gehör. Die ihm entgegen gebrachten Reaktionen seitens der genehmigenden Behörden fielen derart drastisch aus, dass Dr. Volker Kielstein nicht mehr darüber reden möchte. Bis zum heutigen Tag führt kein Weg zur Ansiedlung einer Tagesklinik in Gera. Dennoch betrachtet der inzwischen 70-Jährige das medizinische Projekt nicht als aufgegeben, sondern als ruhend gestellt.

Umso erfolgreicher wird das Projekt Sanierung Haus Schulenburg, das seit Jahren als kulturelles Kleinod öffentlich zugänglich ist, umgesetzt. Und Dr. Volker Kielstein hält es bei der seit 1997 andauernden Sanierung wie der ursprüngliche belgische Jugendstil-Architekt Henry van de Velde. Haus Schulenburg gilt als Meisterwerk des Architekten. Die Planungen, die van de Velde während seiner Tätigkeit als Direktor der Weimarer Kunstgewerbeschule 1913 bis 1915 ausführte, gingen weit über die eigentliche Gebäudehülle hinaus. Das Gesamtkunstwerk beinhaltete ebenso Planungen zur Innenarchitektur bis hin zu Möbeln, Teppichen, Geschirr, Silbergegenständen, der Beleuchtung bis hin zu Bezugsstoffen und textilen Wandbespannungen.

Ebenso akribisch bis ins Detail versessen hat sich Dr. Volker Kielstein gemeinsam mit Ehefrau Rita an die Erhaltung des Ensembles gemacht. Es galt nicht nur, die Garten-, Gebäude- und Raumstruktur und deren originale Ausstattung wieder herzustellen. Von Beginn an wollten die Kielsteins das Gesamtkunstwerk van de Veldes wieder erlebbar machen. Der neue Hausherr spricht von einem aufwändigen Weg. Damit meint er nicht nur das Beschaffen von Fördermitteln oder entsprechende Handwerker zu finden. Eine Unmenge von Informationen mussten zusammen getragen werden. Seine Nachforschungen führten ihn unter anderem zur Familie Schulenburg, zur Familie des damaligen Chauffeurs, ins Archiv „La Cambre“ in Brüssel, ins Museum „Bellerive“ in Zürich, ins Museum für Gegenwartskunst in Gent und, und, und. Kielstein spricht mittlerweile von einem van-de-Velde-Netzwerk. Nur dank dieser zahlreichen Kontakte war es ihm möglich, originale Einrichtungsgegenstände zurück nach Gera zu holen. Vieles, was saniert werden musste, erschien ihm anfangs unmöglich, beispielsweise das Nachweben der Stoffe für die Wandbespannung. Oder der für die Garderobe notwendige Stein aus einem bayrischen Steinbruch, der längst stillgelegt ist. Kielsteins Beharrlichkeit hat sich ausgezahlt. Mit jeder sich auftuenden Schwierigkeit tun sich ihm auch mehr Unterstützungen auf. So ist er heute bei einem Sanierungsstand von 95 Prozent angelangt. Zu Henry van de Veldes 150. Geburtstag am 3. April 2013 wird das Haus Schulenburg komplett im alten Glanz erstrahlen.

Derzeitige Sonderausstellung "Im Einklang. Skulpturen in Bronze und Ton. Volkmar Kühn"

Die Ausstellung zeigt Arbeiten aus gebranntem Ton sowie Bronzen aus den Jahren 2011 bis 2012. Während im Innenbereich von Haus Schulenburg weitgehend Einzelfiguren und Gruppenszenarien stehen, positioniert der Künstler im Außenbereich lebensgroße Skulpuren.

Volkmar Kühn (geb. 1942 in Königssee/Thüringen) fand schon früh zur Kunst. Bereits in der Kindheit modellierte er Dinge, hauptsächlich Tiere, die ihn faszinierten.

Der Lehre als Kerammodelleur in der Sitzendorfer Porzellanmanufaktur folgte 1959 ein Studium an der Fachhochschule für Angewandte Kunst in Leipzig. Weitreichende Erfahrungen sammelte Volkmar Kühn bei Hellmuth Chemnitz (Tierplastiker), aber auch beim Zeichnen von Akten an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Um seine Tierstudien zu intensivieren entschied sich Volkmar Kühn nach seinem Studium für eine Tätigkeit als Tierpfleger im Raubtierhaus und der Raubvogelabteilung des Leipziger Zoos.

Seit 1965 ist Volkmar Kühn freischaffend. Eine Fahrradtour führte den Künstler in die Nähe des Prämonstratenserklosters Mildenfurth. Bis heute lebt und arbeitet Volkmar Kühn gemeinsam mit seiner Frau und Künstlerin Marita Kühn-Leihbecher in den sanierten und ausgebauten Gebäuden des Klosterareals. In der „Symbiose zwischen Historie, Kunst und Natur“ ist dort ein beachtliches skulpturales Werk entstanden. Das bildhauerische Schaffen konzentriert Volkmar Kühn auf die menschliche Figur, auf das Spannungsfeld zwischen Mensch und Tier in einer gefährdeten Umwelt.

Volkmar Kühn ist ein viel beachteter Künstler, der seine Werke bereits in Galerien zahlreicher Großstädte, aber auch im Haus der Kunst / München, im Albertinum / Dresden, in der Kunsthalle Tübingen und im Kloster Unser Lieben Frauen / Magdeburg präsentierte.

Am 24. November um 14 Uhr wird der Künstler Besucher durch seine Ausstellung führen.

2. derzeitige Sonderausstellung "Porzellankunst von Kati Zorn"


Kati Zorn ist leidenschaftliche Porzellanplastikerin mit unverkennbarer Handschrift. Ihre Porzellanfiguren, lasziv, skurril, heiter oder frivol, zeigen charmant Charaktere und Gefühle wie Liebe, Lust, Leidenschaft, Trauer und Melancholie. Sie sind humorvoll, provokant oder tiefgründig und geben die kleinen Unzulänglichkeiten wieder, die jeder Besucher bei sich selbst entdecken kann.

Kati Zorn lernte ihr Handwerk als Porzellangestalterin in der Ausbildungsstätte Lichte sowie in der Porzellanmanufaktur Meißen. Seit 2000 entstehen ihre Objekte in der eigenen Manufaktur in Cursdorf / Thüringen.

Ab 10. November 2012 zeigt Kati Zorn ihre einzigartigen Objekte im Haus Schulenburg Gera. Die Ausstellung ist bis zum 22. Dezember 2012 montags bis freitags von 10 bis 16 Uhr sowie samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr zu sehen sein.

Verleihung Thüringer Denkmalschutzpreis für Geraer Haus Schulenburg


Für die Sanierung von Haus Schulenburg in Gera erhielten Prof. Dr. Rita Kielstein und Dr. Volker Kielstein im Juli einen Denkmalschutzpreis des Landes Thüringen. Das Ärzte-Ehepaar aus Magdeburg mit Geraer Wurzeln hat die 1913/14 von dem belgischen Architekten Henry van de Velde (1863-1957) als Gesamtkunstwerk errichtete Villa des Fabrikanten Schulenburg über mehr als ein Jahrzehnt hinweg mit großem Engagement saniert und restauriert. „Es ist schon gute Tradition, dass wir jedes Jahr einen Denkmalschutzpreis nach Gera holen konnten“, freut sich Geras Baudezernent Ramon Miller. „Diese Anerkennung für die Familie Kielstein, die die Sanierung des Anwesens zu ihrer Aufgabe gemacht hat, ist nach vielen Jahren der gemeinsamen Bemühungen zusammen mit der Stadt Gera ein würdiger Schlusspunkt“, schätzt er ein.

Von der Planungsphase 1998 bis zur Fertigstellung 2010 wurde mit großer Sorgfalt und Sensibilität der Grundgedanke der Erhaltung und Wiederentdeckung eines möglichst authentischen Zustandes von Haus Schulenburg verfolgt. Nach umfangreichen restauratorischen Befunduntersuchungen und Analysen konnten die ursprüngliche Raumdisposition und Ausstattung dargestellt werden. Das Vorhaben wurde mit Fördermitteln in Höhe von 1,4 Millionen Euro durch den Bund, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz sowie das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie gefördert. Die denkmalpflegerischen Aufwendungen erforderten jedoch einen um ein Vielfaches höheren finanziellen Betrag. Man könne sagen, dass die gesamte Lebensleistung der Kielsteins - neben ihrem Beruf als Ärzte in Magdeburg - auf Haus Schulenburg und Henry van de Velde ausgerichtet sei, betont der Baudezernent. Mit beinahe fanatischer Akribie hätten sie dieses denkmalpflegerische Ziel verfolgt, ohne Kompromisse und mit einer nicht nachlassenden Beharrlichkeit.

Mit der gemeinsamen Bewerbung für einen Denkmalschutzpreis war es das besondere Anliegen der Otto-Dix-Stadt Gera, die Initiative der Eheleute Kielstein zu würdigen. Neben den existierenden Architekturmuseen und vielfältigen Sammlungen in Thüringen kann sich Gera glücklich schätzen, mit Haus Schulenburg über ein architektonisches Bauwerk im Stadtgebiet zu verfügen, das durch das private Engagement eine angemessene öffentliche Nutzung erfährt.

Infos

Informationen über aktuelle Veranstaltungen im Haus und auf der Kleinkunstbühne gibt es auf der Homepage www.haus-schulenburg-gera.de oder auf Facebook Haus Schulenburg Gera – Henry van de Velde 1913/14 sowie auf Twitter.

Weitere Informationen über Haus Schulenburg auf meinanzeiger:

http://www.meinanzeiger.de/gera/themen/haus-schule...
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2 Kommentare
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Karin Jordanland aus Artern | 21.11.2012 | 10:41  
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Hannelore Grünler aus Artern | 21.11.2012 | 22:17  
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