Eine Stradivari ist nicht immer besser. In Japan gibt es sogar eine Warteliste für die Meistergeigen von Gerd Mallon aus Greiz

Diese Geige stellt Geigenbaumeister Gerd Mallon aus Greiz auf der heute endenden Musikmesse Frankfurt vor.
 
Bei Geigenbaumeister Gerd Mallon entsteht die Decke aus Fichte, der Boden aus Berg-Ahorn. Das hat sich bautechnisch als auch klanglich bewährt, da die Materialien bei unterschiedlichen Temperaturen und Luftfeuchtigkeit die gleichen Quell- und Schwindmaße haben.
Eine Stradivari. Kaum einer hat je eine gesehen oder live gehört. Noch weniger haben eine in den Händen gehalten oder selbst gespielt. Und doch weiß jeder, was gemeint ist: Eine Geige. DIE Geige. Antonio Giacomo Stradivari gilt unter vielen als der beste Geigenbauer. Seine Instrumente erzielen heute bei Auktionen Spitzenpreise bis zu zweistelligen Millionenbeträgen.

Weitaus weniger geläufig dürfte der Begriff „Eine Mallon“ sein. Zumindest auf den ersten Blick. Unter Geigern sieht das schon anders aus. Stradivaris haben gegenüber der Mallon durchaus Nachteile. Logischerweise der Preis, den kaum ein Berufsmusiker zahlen kann. Eine Stradivari zu versichern ist das nächste Problem. Und den praktischen Spielbetrieb betreffend, versagen alte Instrumente bei sich stark verändernden klimatischen Bedingungen quer über den Globus auch schon mal ihren Dienst.

Die Mallon gibt es schon für eine halbe Million. Nicht Dollar oder Euro. Yen. Geigen aus dem vogtländischen Greiz sind in Japan beliebt, seit Jahrzehnten. Der Name des dahinter stehenden Geigenbaumeisters: Gerd Mallon.

Üblicherweise von Eltern dazu genötigt, meldet sich Mallon als Siebenjähriger - ohne sie zu informieren - zum Geigenunterricht an. Das Instrument fasziniert ihn. Jahre später stand die Entscheidung an, wie es weiter gehen soll. Studium oder Berufsausbildung? Beides sollte sich um das Streichinstrument drehen. Familiär „vorbelastet“, entscheidet er sich für das Handwerk, oder wie er selbst sagt: „Das Handwerk hat sich für mich entschieden“. Es folgt die Berufsausbildung zum Geigenbauer. Heute als auch damals zu DDR-Zeiten eine Ausbildung, für die es dutzendfach mehr Bewerbungen als Stellen gibt. In der Meisterwerkstatt von Johannes Rubner in Markneukirchen hat er die handwerklichen Grundlagen erlernt.
Mit der Spezialisierung auf Einzelteilfertigung wäre mehr zu verdienen gewesen. Von Beginn an legt Mallon aber Wert darauf, ein Instrument komplett zu fertigen. Nur so bekommt die Geige auch einen Namen. Und die Mallon gab es auch schon zu DDR-Zeiten in Fernost zu kaufen.

Der Berufsausbildung folgt die Meisterausbildung. Von einem Traum, sich mit dem Geigenbau selbstständig zu machen, spricht Gerd Mallon eher nicht. „Es gibt keine Alternative, wenn man nicht auf Fließbandarbeit steht“, erklärt er. Die erste Werkstatt in der Greizer Weberstraße musste 1987 noch selbst ausgebaut werden. Nach dem Umzug nach Pohlitz hat er 2000 wieder in Greiz, Grüne Linde 14, das optimale Haus, um Arbeit und Wohnen unter einem Dach verbinden zu können, gefunden.

Zu seinen Kunden zählen Musikschulen ebenso, wie Berufsmusiker und Hobbygeiger. Vor allem im Reparatursektor arbeitet er mit einer großen Werkstatt zusammen, in der selbst Stradivaris repariert werden. Apropos Stradivari. Es gibt ebenso wenig DIE Stradivari, wie DIE Mallon. Jede Geige klingt anders – das war bei Stradivari so, wie es bei Mallon ist. Gerade das macht die Kunst beim Geigenbau aus. Das sei sozusagen die Hauptaufgabe, die Kernkompetenz eines jeden Geigenbauers, dem Musiker seine Stimme mit dem Instrument zu geben. Das kann eine tiefschwarze weiche Klangfarbe für Jazzmusik ebenso sein, wie die kräftige und brillante für den Sologeiger. Exakt die gewünschte Geige für einen Musiker zu finden, ist laut Mallon mit einem enormen Beratungsbedarf und Tests unter verschiedenen Bedingungen verbunden.

Ab und zu machen sich Schulklassen ein Bild von dem seltenen Handwerk. Schmunzeln muss Mallon immer dann, wenn die Frage kommt, wie viele Geigen er denn am Tag baut. „In einer Geige stecken etwa sechs Wochen reine Arbeitszeit. Und da nochmals sechs Wochen für die Trocknung von Leim und Lack draufgehen, laufen parallel verschiedene Arbeitsschritte an mehreren Instrumenten“, klärt er auf. Und ja, es ist sein Traumjob: „Es ist ein sehr schöner Beruf. Aber: Wer reich werden will, ist beim Geigenbau falsch angesiedelt“. Ist es doch gerade der Kulturbereich, bei dem als erstes gespart wird. „Und wenn Orchestern und Musikschulen das Geld gestrichen wird, kauft auch keiner neue Instrumente“, so der Geigenbaumeister.

Und muss man eigentlich selbst Geige spielen können, um welche bauen zu können? Das hält Gerd Mallon für unabdingbar, schon allein wegen der unterschiedlichen Klangfarben. So ist er nahezu wöchentlich öffentlich in den unterschiedlichsten Genres von Barock über klassisch konzertant, Jazz bis Folk und, nicht zu vergessen, den DDR-Klassiker von City „Am Fenster“, zu hören. Viel Werbung macht er dafür nicht. Schließlich will Mallon die Musiker nicht arbeitslos machen. „Aber ich muss wissen, was sie wollen!“.

Mehr Infos
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige