"Helft uns zum Leben!" Geraer Pfarrer besucht Projekte der Flüchtlingshilfe im Nordirak und in Kurdistan

Pfarrer Christian Kurze (vorn ganz links) besucht Yezziden im Khrab Dim Village, die von der EKM unter anderen mit Wassertanks versorgt wurden. (Foto: Stefan Rammelt)
  "Was ist mit dem Geld von der Landeskirche und von unserem Spendenkonto passiert und welche Projekte konnten damit umgesetzt werden?", fragt sich Christian Kurzke, Pfarrer in Rüdersdorf bei Gera, vor Antritt seiner Reise in den Nordirak und nach Kurdistan. Seit einigen Jahren bestehen zu Erzdiakon (Archimandrit) Emanuel Youkhana und zum Team der Hilfsorganisation Christian Aid Program Northern Iraq (CAPNI) besonders enge Kontakte, die bereits zu mehreren Spendenaktionen und Informationsreisen führten. Im nördlichen Teil des Irak leben hunderttausende Binnenflüchtlinge, die den mordenden Horden des Islamischen Staates (IS) entkommen konnten. Darunter sind viele Christen und Yezziden. CAPNI organisiert im Nordirak und Nordostsyrien die Hilfe in einigen Flüchtlingslagern und hilft Christen, die in Dörfern und Städten leben.
Vom 15.09. - 23.09.2016 weilte Pfarrer Christian Kurzke mit einer kleinen Delegation im Auftrag der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in diesem Gebiet, um sich vor Ort von den Hilfsaktionen zu überzeugen. Der kirchliche Entwicklungsdienst (KED) der EKM unterstützt Hilfsprojekte für Flüchtlinge im Libanon, Syrien und im Nordirak in diesem Jahr mit einer Gesamtsumme von 215.000 EUR. Für Hans-Joachim Döring, dem Beauftragten für den KED ist es wichtig, "dass wir Barmherzigkeit und ökumenische Solidarität verbinden, durch tatkräftige Hilfe Fluchtursachen verringern und durch Projektpartnerschaften in den Gemeinden und Regionen die Sachkenntnis, Weltverantwortung und Empathie entwickeln und stärken."
Während der acht Tage bereiste Kurzke die Gebiete um Duhok, weit entfernte Dörfer und Flüchtlingslager. Überall traf er auf dankbare Menschen. Viele berichteten von den Zerstörungen, die der IS in ihrer alten Heimat angerichtet hat. Abuna Faias, ein syrisch-orthodoxer Priester, erzählt von seiner Kirche in Mossul. ISIS habe sie platt gemacht und jetzt sei ein Parkplatz an dieser Stelle. Der Geistliche kümmert sich um 500 Familien, die aus Mossul nach Dohuk fliehen mussten und möchte den Christen eine Heimstatt im Glauben bieten.
Im türkisch-syrischen Grenzgebiet leben 50 yezzidische Familien, die 2014 aus der Sinjarregion dem Genozid durch den IS entkommen konnten. Jede Familie zählt üblicherweise bis zu 16 Mitglieder. Die EKM hat im Rahmen der ersten Rate der Hilfsgelder diese Familien mit Wassertanks, Matratzen und Hygieneartikeln versorgt. "Auf den Wassertanks leuchtet das Logo der EKM in der gleißenden Sonne.", berichtet Christian Kurzke. Im Gespräch erfährt der Pfarrer von schrecklichen Erlebnissen, die diese Menschen noch heute bewegen. "Ein Mann erzählte mir unter Tränen von seiner 13-jährigen Nichte, die vom IS geraubt wurde und, wie viele andere Frauen und Mädchen, den Islamisten als Sexsklavin dienen muss.", sagt Kurzke. "Dieser Bericht hat mich tief berührt." Er bemerkt, dass es in den Familien kaum Frauen im Alter von 16 bis 25 Jahren gibt. Mittlerweile werden Frauen, die den IS-Kämpfern zu "nichts mehr taugen" freigelassen oder von westlichen Organisationen freigekauft. Diese Frauen haben Grausamstes erlebt bzw. durchgemacht und bedürfen dringend professioneller psychischer Betreuung. Eine dafür bestimmte Privatspende von 1000 Euro hat Pfarrer Kurzke an CAPNI übergeben. Entgegen anders lautender Informationen wird den zurückgekehrten Frauen die Wiederaufnahme in die Glaubensgemeinschaft gewährt. In Lalesh, dem Zentralheiligtum der Yezziden, gibt es ein Reinigungs- und Wiederaufnahmeritual, dass die Beschmutzungen und eine evtl. Zwangskonversion zum Islam rückgängig machen. Der yezzidische Glaube gilt als Nachfolgerin der altpersischen Religion. In der Naturreligion gibt es einen starken Dualismus zwischen Licht und Finsternis. Das Licht, eine Gottheit, symbolisiert durch die Sonne, hat die Finsternis besiegt.
Im Rahmen des Summerization-Programms (Hilfe, während der heißen Monate) konnten mit dem Geld der EKM 1300 christliche Familien mit Kühlschränken versorgt werden. Von einem weiteren Teil der EKM-Spende werden Bildungsmöglichkeiten für Kinder rund um Dohuk unterstützt. Insgesamt 450 bis 500 Tausend Euro werden benötigt, um den Kindern, den Unterricht zu ermöglichen. Dieser Schülertransport ist während des gesamten Schuljahres bis zum Frühjahr 2017, für die Grundschul-, Sekundär- und Highshoolstufen abgesichert. Besonders Christen und Yezziden freuen sich auf diese Bildungsmöglichkeit für ihre Kinder. Im dritten Schritt wird das Geld der EKM für Projekte im Rahmen des Winterization-Programms eingesetzt. Dabei sollen die Familien u. a. mit Heizmitteln unterstützt werden.
"Oft habe ich gehört", erinnert sich Christian Kurzke, "dass Christen gern im westlichen Ausland leben möchten. Mayada, verheiratet und Mutter von vier Kindern, musste zum Beispiel zweimal vor dem IS fliehen, da auch ihr Zufluchtsort von der Miliz bedroht wurde. Jetzt lebt sie mit sechs Familien in einer Schule von Al Quosh, südöstlich von Duhok. Sie wünscht sich mit Hilfe von Christen in Europa, dieses Land zu verlassen. Sie sagt: Selbst meine Kinder sehen in dieser Situation keine Zukunft. Wir waren tot – jetzt fangen wir zu leben an, helft uns dabei."

Fotos: Stefan Rammelt
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
1 Kommentar
12.762
Renate Jung aus Erfurt | 01.10.2016 | 13:05  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige