Kreuzfahrten mitten in Thüringen. „MS Bad Lobenstein“: Erstes Kabinenschiff auf einem Binnengewässer in Deutschland

Klaus-Peter Pretzsch war der erste in Deutschland, der auf einem Binnengewässer mit einem Kabinenschiff in See stach. Er bietet auf dem Bleilochstausee mit der „MS Bad Lobenstein“ mehrtägige Minikreuzfahrten an.
 
Die "MS Bad Lobenstein" legt an.
 
Das Kapitänsdinner wird mit Hochzeitssuppe eröffnet.
  Saalburg-Ebersdorf: Surfwiese | Den 5-Sterne-Spa suchen Sie vergebens. Ebenso den Duty-Free-Shop, das Casino und den Pool. Letzteres hat aber auch einen Vorteil: Keiner muss mit dem Handtuch frühmorgens seinen Platz reservieren. Was es gibt, ist Entertainment. Und das sogar vom Kapitän höchstpersönlich! Und man muss sich beim Kapitänsdinner auch nicht in Schale werfen: T-Shirt, Shorts und Schlappen nimmt einem keiner übel.

Kreuzfahrten boomen. Immer mehr Deutsche gehen auf große Entdeckungsreise. Was es allerdings vor der eigenen Haustür gibt, gerät schnell in Vergessenheit. Oder noch schlimmer: Ist gar nicht bekannt. Eine Kreuzfahrt in Thüringen? Nein, so etwas kann es nicht geben!

Und ob! Fragen Sie mal Jörg Melchert aus Frankfurt/Oder. Der „Flachländer“ ist bereits Profi in Sachen Kreuzfahrt in Thüringen. Im MDR davon erfahren, hat er mit seiner Mutter anlässlich deren 70. Geburtstag plus weiteren Gästen eine derartige Kreuzfahrt unternommen: „Das war so schön, das machen wir nochmal“. Jetzt hat er seine Clique aus dem Stadtteil mitgebracht und bekommt von der Kapitänsfrau Hochzeitssuppe serviert. Nein, geheiratet hat keiner. Es ist der erste Gang vom abschließenden Kapitänsdinner. Eine lustige Runde, wie eine große Familie.

Selbst beim Heraushieven der Klöße aus dem Kochtopf macht der Kapitän seine Späßchen und die Kreuzfahrer amüsieren sich. Hier ist nichts über ein Dutzend verwinkelte Gänge und zig Treppen verworren verbunden. Es sind nur ein paar Schritte. Die Küche ist offen zum Salon. Die Teller werden von der Kapitänsfrau serviert. Mehr Personal gibt es auch nicht auf diesem Kreuzfahrtschiff.

Die „MS Bad Lobenstein“ misst ganze 25 Meter in der Länge und hat fünf Kabinen für zehn Personen. Unterwegs ist sie auf dem Bleilochstausee - ein künstlich angelegtes Binnengewässer. Die ansteuerbaren Ziele sind weder Helsinki, noch Athen oder New York, sondern solche Weltmetropolen wie Harra – ein eher verschlafenes Dörfchen flussaufwärts von Saalburg gelegen.

Die Passagiere der „MS Bad Lobenstein“ sind auch nicht auf Großstadttrubel aus. „Entspannen, die Landschaft genießen, gemeinsam Spaß haben – eine richtig schöne Tour zum Relaxen“, bringt es Melchert auf den Punkt. Die Brandenburger zeigen sich begeistert von der Saaletallandschaft, die schon - zwar nicht ganz so imposant - mit nordischen Fjorden vergleichbar ist. Drei Tage, zwei Nächte. Da muss sich die Crew schon Programm einfallen lassen. Getreu den großen Vorbildern gibt es Ausflüge. Die Talsperre wurde besichtigt. Und nach Bad Lobenstein ging es. An die Führung inklusive Turmbesteigung im Heimatmuseum erinnert sich die Gruppe gern zurück. Und jetzt wissen sie auch, was es mit dem Fässleseecher auf sich hat. Mit dem sonstigen Erlebnisfaktor der ehemaligen Kreisstadt tun sie sich noch etwas schwer. Na ja, zugegeben, dafür hat dann wohl einfach die Zeit gefehlt.

Apropos fehlender Pool an Bord. Was ist schon so ein läppischer Pool gegen die 215 Millionen Kubikmeter Wasser des Stausees?! Die Saale ist noch etwas frisch. „Aber wenn man erst mal drin ist, dann geht’s“, meint Toska Wandel. Aus der Ferne betrachtet wirkt das Wasser des Stausees meist eher schwarz. Die Frankfurter wissen jetzt warum: Es liegt am Untergrund, dem Schiefer. Das Wasser selbst ist klar.

Wenn Melchert über das Wasser fachsimpelt, dann redet er allerdings nicht vom Baden. Er hat mit Anglern gesprochen und zeigt sich seitdem fasziniert vom Fischreichtum im Stausee: „Das nächste Mal muss ich unbedingt meine Angel mitbringen!“.

Aber bevor es den Fisch irgendwann mal zu essen gibt, werden jetzt erst mal Rouladen und Thüringer Klöße serviert. Die Thüringer Küche hat es den Gästen angetan – egal ob gekocht oder abends zum gemeinsamen Grillabend an Land. Um nochmal auf die Hochzeitssuppe sprechen zu kommen: Dürfte der Kapitän auf diesem Schiff eigentlich auch Trauungen vollziehen? „Ja, das könnte ich. Aber ich weigere mich!“, so Klaus-Peter Pretzsch. Dafür erntet der Kapitän verwunderte Blicke.

„Wegen der Reklamationen möchte ich keine Trauungen vollziehen“. Nicht die an der Hochzeit. Er meint die, die es später womöglich … Na Sie wissen schon. Und doch spielt das Thema Hochzeit auch auf seinem Schiff eine Rolle. Hochzeitsgesellschaften schippert er öfter über das Thüringer Meer.

Die Rouladen sind verputzt. Das Thema Hochzeit abgehakt. Jetzt verschwindet Pretzsch um die Ecke. Einige Minuten vergehen, bis er mit dem Funken sprühenden Eis für staunende Gesichter und Beifall sorgt. Happy End für die Frankfurter. Sie sind ein bisschen stolz auf ihre Minikreuzfahrt und das Erlebte. Sie können sich schon genau vorstellen, dass ihnen das sowieso keiner glaubt: Kreuzfahrten in Thüringen. Dank Klaus-Peter Pretzsch und seiner Frau Annette gibt es sie. Übrigens waren sie die Ersten, die in Deutschland ein derartiges Angebot auf einem Binnengewässer parat hatten. Die Frankfurter wissen das zu schätzen und haben logischerweise noch ein Präsent für die gesamte Crew vorbereitet.

Gleich die Minute darauf wird klar, woher der Begriff „Klar Schiff machen“ stammt. Die winkenden Hände der Frankfurter sind kaum am Horizont verschwunden, widmet sich Annette Pretzsch dem Abwasch, dann kommen die Kabinen dran, dann … Und der Kapitän legt ausnahmsweise mal nicht gleich mit Hand an, sondern steht Rede und Antwort.

Er ist an der Saale groß geworden, zig Kilometer flussabwärts in Halle. Zehnjährig ist er nach Saalburg gekommen, weil seine Eltern hier Arbeit fanden. Alle in der neuen Schulklasse hatten sich dem Segelsport verschrieben. Sie hatten ihre Not, den Neuling zu überreden, doch mal mitzukommen. Als er endlich einwilligte, war es um Klaus-Peter Pretzsch geschehen. Er fühlte sich dem Wasser verbunden. Zudem war sein Patenonkel bei der Weißen Flotte als Schiffsführer tätig. „Da muss wohl etwas hängen geblieben sein“, meint er rückblickend.

So kommt eins zum anderen. Er macht das Thema Wasser zu seinem Beruf und lernt in Greifswald Bootsbauer. Danach war er auf dem Segelschulschiff „Wilhelm Pieck“. 1982 kam er zurück nach Saalburg und half schon ab und zu bei der Fahrgastschifffahrt aus. Offiziell ist er Bootsbauer, hat Motor- und Sportboote repariert, gewartet und gepflegt.

Mit dem Mauerfall kam das Aus. Die Ossis machten Gebrauch von ihrer lang ersehnten Reisefreiheit. Rund um den Stausee wurde es ruhig. Einzig die Gaststätten profitierten noch von den oberfränkischen Gästen. So billig hatten sie sich noch nie den Bauch vollgeschlagen – zumindest bis zur Einführung der D-Mark hierzulande. Pretzsch wechselte zum Abschlepp- und Bergungsdienst nach Gräfenwarth. Fortan war nicht mehr das Wasser, sondern die Autobahn sein Revier. Mit schwerem Gerät rückte er den verunfallten Lkws zu Leibe.

Es vergehen Jahre, bis sich der Besucherstrom am Stausee wieder normalisiert. Da zieht es Pretzsch natürlich wieder aufs Wasser. Als Kapitän der „MS Gera“ – dem größten Ausflugsschiff auf dem Stausee – dreht er seit 2003 seine Runden. Dabei im Hinterkopf immer der Gedanke, etwas Eigenes aufzubauen, ohne dabei die seit Jahrzehnten bestehende Schifffahrt zu kopieren: „Es müsste etwas mit Übernachtung auf dem Schiff sein“, so seine Idee.

Die Suche nach einem derartigen Schiff gestaltete sich weitaus schwieriger als gedacht. „Große Hotelschiffe mit über 100 Metern Länge sind einfach zu bekommen. Aber so ein Riese lässt sich hier weder navigieren, noch warten. Das Schiff darf nicht größer sein als 30 Meter“, so Pretzsch. Letztlich wird er im Internet bei einer Schiffsmaklerin in Rheinland/Pfalz fündig. Dass es sich hierbei um ein polnisches Schiff handelt, schreckt ihn erst mal ab. Und doch fährt er mit seiner Frau im Oktober 2006 nach Stettin, wo das Schiff im Hafen liegt. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, strahlt er.

Was dann begann, hatte sich Pretzsch zuvor auch nicht so gedacht: Der Kampf mit den Banken. „Allein schon, wenn sie nur das Wort Schiff gehört haben, haben sie die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen und wollten nicht mal das dahinter stehende Konzept wissen“, schüttelt er heute noch mit dem Kopf. Letztlich findet er doch einen Geldgeber.

Und nun? Wie kommt ein Schiff von Stettin nach Saalburg? Etwa 500 Kilometer der Strecke sind auf dem Wasserweg möglich. Über die Oder, den Oder-Havel-Kanal, den Mittellandkanal und der Elbe ist die Fahrt bis in den Hafen von Aken möglich. Bleiben 180 Kilometer Landweg bis Saalburg. Die Genehmigungen hierfür einzuholen war ein Kraftakt, der ein Vierteljahr beanspruchte.

„Der schwierigste Streckenabschnitt war die Innenstadt von Dessau. Da haben wir die ganze Nacht gebraucht. Durch die Größe des Schwerlasttransportes mussten zahlreiche Ampeln und Verkehrszeichen demontiert werden“, erinnert sich Pretzsch. Mitte April 2007 in Stettin übernommen, wurde die „Luiza“ am 13. Mai 2007 von zwei 200-Tonnen-Kränen in den Bleilochstausee gesetzt. „Da hat sie erstmals Saalewasser gekostet“, erzählt er immer noch mit leuchtenden Augen.

Bereits neun Tage später erfolgte die offizielle Taufe mit den Bürgermeistern von Saalburg-Ebersdorf, Bad Lobenstein und Remptendorf. Saalburg-Ebersdorf ist der Liegeplatz, Bad Lobenstein der Namensgeber und Remptendorf der offizielle Firmensitz. Ihre erste Fahrt erlebte die „MS Bad Lobenstein“ übrigens noch als „Luiza“ zu Himmelfahrt am 19. Mai 2007. Da kommt Pretzsch heute noch ins Schwitzen: „Die Fahrt war schon bestellt, als das Schiff noch in Polen lag. Wenn da auf dem Transport etwas schief gegangen wäre…“. Und so ganz nebenbei hat das Schiff in den wenigen Tagen zwischen der Ankunft in Saalburg und der Taufe auch noch ein neu gestaltetes Oberdeck bekommen.

Das liegt acht Jahre zurück. Trotz unendlich vieler Messe- und Tourismusbörsenbesuche haben die Pretzschs kämpfen müssen. „Den richtigen Durchbruch hatten wir erst nach einem Fernsehbericht im MDR. Dieses Jahr sind wir erstmals bis Oktober ausgebucht und die Vorbuchungen für 2016 laufen bereits auf Hochtouren“, freut er sich. Die Gäste kommen mittlerweile aus ganz Deutschland, sogar aus der Schweiz und Schweden.

Wie heißt es so schön? Auf einem Bein kann man nicht stehen! Dieses Sprichwort scheint wohl auch für Schiffsreeder zu gelten. 2012 hat Klaus-Peter Pretzsch ein zweites Schiff zu Wasser gelassen. „Die Wappen von Saalburg“ ist ein reines Rundfahrtschiff. Sie ist mit 56 Jahren eine alte Lady. Fast als Wrack gekauft, wurde der Originalzustand wieder hergestellt. Von dieser Baureihe gab es nur vier Schiffe. Das Saalburger Schiff ist das letzte erhaltene. Gefahren wird „Die Wappen von Saalburg“ von seinem Sohn Marcel.

Die Pretzschs haben vier Kinder. Folgen da jetzt weitere Schiffe auf dem Stausee? Tochter Stefanie hat erst vor wenigen Tagen ihr Kapitänspatent abgelegt. Beatrice will es nächstes Jahr machen. Mit so kleinen Schiffen wie in Saalburg geben sich die beiden Töchter nicht ab. Sie fahren mit riesigen Lastkähnen den Rhein auf und ab. Und der jüngste Spross der Familie, René? „Der fängt bei mir nächstes Jahr im September die Lehre als Binnenschiffer an“, so der stolze Familienvater.

Während er von der kaum zu glaubenden Familientradition spricht, klingelt das Telefon. Der Fernsehsender VOX möchte mit ihm Details für die Aufzeichnung der Fernsehsendung „Mein himmlisches Hotel“ absprechen. Erste Reaktionen von Pretzsch lassen nichts Gutes erahnen. Er würde gern mitmachen und sich der Konkurrenz stellen. Aber: VOX benötigt mindestens drei Drehtage an Bord. Und da jeder Hotelier laut Konzept der Sendung die anderen bewerten muss, würden dafür zehn Tage drauf gehen. „Das mag in einem Betrieb mit mehreren Angestellten funktionieren. Wir können hier nicht weg. Wer soll sich um die Gäste kümmern? Und wem sollte ich seine gebuchte Fahrt absagen, damit ich das Produktionsteam und die anderen Hoteliers an Bord holen kann? Klaus-Peter Pretzsch sagt ab und widmet sich dem, was seine Gattin die ganze Zeit schon macht: Klar Schiff machen für die nächsten Gäste.
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