Martin Ebert ist traurig über die Dinge, die derzeit in Gera passieren. Er veröffentlicht auf YouTube seinen Song "Paragraph 1"

Martin Ebert: Momentan passieren komische Dinge in dieser Stadt. Dinge, die mich traurig machen, aber auch inspirieren. Vieles von dem, was mich inspiriert, habe ich zu einem Song verarbeitet.
Martin Ebert, 28 Jahre, aus Gera, hat am vergangenen Mittwoch den Song „Paragraph 1“ auf Youtube veröffentlicht.

Worum geht es im Song, doch sicher nicht um die Straßenverkehrsordnung?

Natürlich nicht. Es geht um das Grundgesetz. Korrekt müsste es heißen „Artikel 1“. Aber ich denke mal, auch wenn der kleine Fehler so nicht beabsichtigt war, dass auch „Paragraph 1“ allgemeinverständlich ist. Im Artikel 1 des Grundgesetzes steht unter anderem, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.

Was ist der Anlass für den Song?

Die gesamte Flüchtlingsheimdebatte in Gera, die Reaktionen der Geraer, insbesondere der Liebschwitzer. Es ist einfach nur traurig, was zu hören war, als sich Migrationsminister Lauinger der Diskussion stellte. Die Liebschwitzer erklären ihren Ortsteil zum sozialen Brennpunkt, bevor überhaupt ein Flüchtling da ist. Tiefsitzende Ängste und Vorurteile wurden geäußert. Es grenzt schon fast an Rassismus, was dort abging. Die geäußerte Angst vor Flüchtlingen ist unbegründet.

Wie sollten sie denn deiner Meinung nach auf die geplante Erstaufnahmestelle reagieren?

Mit Offenheit. Mit Bereitschaft zu helfen. Das hat etwas mit Nächstenliebe zu tun, unabhängig der eigenen Lebensumstände und wie es einem selbst geht. Die Flüchtlingen brauchen Hilfe.

Das Thema hat dich derart inspiriert, einen Song daraus zu machen?

Ja. Die Medien und das Internet sind voller negativer Botschaften. Normalerweise benötige ich für einen Liedtext zwei bis vier Wochen. Für „Paragraph 1“ habe ich nur zwei Tage gebraucht.

Ein Anderer, der deinen diesbezüglichen Beitrag auf Facebook geteilt hat, wurde in die linke Ecke geschoben.

Das Thema hat nichts mit Politik, Religion oder irgendwelchen sexuellen Orientierungen zu tun. Andere Menschen zu tolerieren und anzuerkennen sollte nichts damit zu tun haben. Es geht um Nächstenliebe und einen gesunden Menschenverstand.

Wie sah deine letzte Begegnung mit Ausländern aus?

Die war erst gestern. Ich bin einer Einladung zum Interkulturellen Mahl „Über den Tellerrand“ in die TheaterFabrik gefolgt. Eritreer und Somalier haben gekocht. Und dann saßen wir wild durcheinander gemischt zusammen, haben uns kennen gelernt und miteinander diskutiert. Das sind soooo liebe Menschen!

Rein technisch gesehen ist das Video nicht ganz so anspruchsvoll wie deine bisherigen Veröffentlichungen.

Den Vorwurf muss ich mir gefallen lassen. Aber darum ging es in diesem Fall auch nicht. Die Botschaft ist wichtiger als irgendeine technische Perfektion. Zwei Tage den Song geschrieben, ein bisschen geübt, das Video gedreht, schnell bearbeitet und veröffentlicht – das alles in bislang nicht gekannter Rekordzeit.

Wie reagieren die Leute auf deinen Song?

Mir sind bislang nur positive Reaktionen bekannt, vielen Dank dafür! Das Video wurde 50 Mal geteilt und über 100 Mal gelikt. Der Song findet eine breite Zustimmung. Mehr kann ich nicht erwarten. Der große Shitstorm ist bislang ausgeblieben. Aber vielleicht bin ich dafür auch zu unbekannt.

Kennt man dich von weiteren Songs mit politischem Hintergrund?

Nein. Das ist mein erster.

Folgen jetzt weitere? Gera bietet genügend Stoff dafür.

Das ist nicht vorgesehen. Ich bin gerade mit meinem neuen Album beschäftigt, das in der zweiten Jahreshälfte erscheinen soll. Es wird deutschsprachige Popmusik mit einem Touch Indie enthalten. Ich versuche innovative Musik zu machen. Natürlich stelle ich das Album dann auch live in Gera vor.

Hast du ein musikalisches Vorbild?

Konstantin Wecker. Er ist ein Supermusiker und das nicht nur handwerklich. Er spricht Wahrheiten aus. Er ist nicht eitel. Er will und muss nicht allen gefallen. Und die Nächstenliebe liegt ihm auch am Herzen.


Liedtext „Paragraph 1“, Martin Ebert:

Überall kann man gerade hören /
Fremde Menschen sollen hier her kommen /
Die wollen sicher eure Ruhe stören /
Jede Stimme hat man euch genommen

Was fällt denen denn überhaupt ein /
Die können sich doch nicht benehmen /
Hier bei uns kommt so etwas nicht rein /
Wir haben andere Probleme

Laut Paragraph eins /
lst die Menschenwürde unantastbar /
Jeder sollte willkommen sein /
Dessen Würde woanders bedroht war

Habt ihr euch schon mal im Ernst gefragt /
Woher die Ängste kommen, die ihr alle habt /
Voller Sorge zu einem Haufen aufgestellt /
Liegt die Antwort sehr wahrscheinlich in euch selbst

Ich erkläre das gerne tausend Mal /
Bis auch der Letzte es versteht /
Diese Menschen haben keine Wahl /
Weil es hier um Leben oder Tod geht

Laut Paragraph eins /
lst die Menschenwürde unantastbar /
Jeder sollte willkommen sein /
Dessen Würde woanders bedroht war

Es ist noch nicht lange her /
Da sind auch wir in Panik geflüchtet /
Viele wissen das leider nicht mehr /
Für uns hat man die Arme geöffnet



Kommentare auf Facebook und YouTube (Auswahl):

Martin Ebert: Dass der Inhalt meines Textes "links" ist, ist mir neu.

Benjamin Schmutzler: Stark Martin!

Nana Krümelmama: Tolles und wichtiges Lied, wenn auch mit einer kleinen sprachlichen Ungenauigkeit

Micha EL an Nana Krümelmama: Ist künstlerische Freiheit.

Martin Ebert: "Paragraph" versteht aber jeder sofort, "Artikel" nicht. Die Wortwahl erfolgte außerdem auch zugunsten des gesanglichen Flows.

Marcel All Orange Music: Auf´n Punkt lieber Martin!!! Für alle die Argumente dagegen haben, möchte ich gern ein Spendenkonto einrichten. Vom Erlös wird dann ein Abenteuer-Urlaub in Aleppo, Damaskus oder Homs finanziert. Rückreise nach Europa über Ägypten oder Libyen, mit nicht seetauglichen Schiffen inklusive.

Abhaun Kinners: ... einschließlich nächtlicher Abschiebung in sichere Drittstaaten.

Mona Rau: Auf den Punkt getroffen!

Birgit Muncke: Ein toller junger Mann. Ein tolles Lied mit klaren Worten.

Stephan Pankow: Danke für's Statement! Super Song!
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
2 Kommentare
2.146
Regina Pfeiler (aus Gera) aus Gera | 26.03.2015 | 13:27  
1.585
Michael Kleim aus Gera | 28.03.2015 | 19:41  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige