Turnen: Wassilissas „Sommermärchen“ in Ostthüringen

Wassilssa Romaschowa (hintere Reihe rechts) im Kreise der Geraer Landesliga-Mannschaft beim Heimturnier in der 1. Landesliga
 
Wassja Romaschowa beeindruckte beim Wettkampf der Thüringer Landesliga mit der höchsten Note (13,65 P.) für eine Bodenübung.
Gera: Turnsportzentrum Gera | Russische Turnerin lernte und trainierte für ein Vierteljahr in Greiz und Gera / +++ aktualisiert: 2012-09-30: Wiedersehen am 6.10.12 in Gera beim Landesliga-Finale /

Manche Namen verbindet man wohl recht schnell mit Märchen oder (Kult-)Filmen: Wassilissa z.B., die schöne Braut, die Ivanuschka nach drei Proben und im Kampf gegen den Drachen erst aus ihrer Krötengestalt befreien musste. Was aus Wassja Romaschowa einmal wird, könnte sich vielleicht in den vergangenen drei Monaten in Ostthüringen vorentschieden haben. Denn die 16-jährige Russin lebte seit Mitte April im Rahmen des Programms „Frieden schaffen ohne Kerzen und Waffen“ in Greiz und turnte dabei in Gera mit. Sportwissenschaften möchte sie gern einmal studieren; und das vielleicht in Deutschland. Dieser Wunsch hat sich offenbar verfestigt, sagte nun Gastgebermutti Anke Hartmann zum Resümee mit der "Tochter auf Zeit" in ihrem Mehrgenerationenhaushalt.

Als Wassilissa nach anstrengender, weil 38-stündiger Anreise per Bahn und Bus hier landete, erfuhren die Hartmanns in erstaunlich gutem Deutsch, dass ihr Gast als Kandidatin auf den russischen Titel „Meister des Sports“ Leistungssportlerin ist, die möglichst ihr tägliches Training braucht; aber eigentlich zu gut ist, um nur in Vereinen des Landkreises zu üben. Zu Hause in Tscherepowez (500 km nördlich von Moskau) steht sie sonst wöchentlich 5 bis 6 Mal für mehrere Stunden an den Geräten und zeigt natürlich auch einige andere Elemente, als sie hier etwa bis zur Landesliga gängig sind. Da war es ein glücklicher Zufall, dass Jörg Hartmann, Ankes Bruder, einst bis zu seiner Lehrzeit selbst Geräteturnen trainierte; damals in der BSG Wismut Gera bei „Bill“ Hadlich. Freundschaften haben sich erhalten. So fragte er seinen Sportfreund Hardy Krüger um Rat. Der stellte die Verbindungen zum Turnverein Gera her. Und da konnte Trainerin Elke Klemmert die Verstärkung eigentlich nur recht sein.

Das Geraer Landesliga-Team hat 2012 "Federn" gelassen. Das soll heißen: In den ersten beiden Mannschaftsturnieren der 1. Thüringenliga lagen die Titelverteidiger deutlich hinter dem SV Glückauf Sondershausen und anfangs sogar hinter TSG Jena 1 auf Rang 3 zurück. Also beantragte man einen Startpass für Wassja, und am 2. Juni turnte sie beim Heimauftritt in Geras Riege mit. Ihre Zurufe wie „Stoi!“ (Steh!) oder „Spakoino!“ (Ruhig!) waren gern gehört bei den Geraer Turnmädels. Mit 40,75 Punkten aus drei Übungen wirkte Wassilissa wie der erhoffte Motivator unter den jungen Damen. Mit den Noten 13,40 am Schwebebalken und 13,65 am Boden wurde sie sogar als Beste des Tagesklassements. Ihr Geraer Team rückte ganz nah an die Sondershäuserinnen heran.

Wassja fühlte sich auch damit gut integriert. Im Alltag am Greizer Ulf-Merbold-Gymnasium auch; soweit es nach der ersten Neugier auf den besonderen Gast in der Prüfungszeit ihrer 10. Klasse möglich schien. Dort hielt sie u.a. einen Vortrag über Russland und freute sich, wie gut sie sich danach mit Klassenkameraden spontan zu deren Nachfragen verständigen konnte. Für die Routine in deutscher Sprache hat das Vierteljahr einiges gebracht, bestätigt Anke Hartmann. Wassja lauschte z.B. gern den Anekdoten und Gedichten von Opa Hartmann.

Vielleicht weckte er damit in ihr auch Erinnerungen an eine scheinbar etwas schwierige Heimatgeschichte: In der heutigen Stahl-Industriestadt Tscherepowez befanden sich zu Zeiten des II. Weltkriegs größere Kriegsgefangenenlager für deutsche Wehrmachtssoldaten, die dort teilweise neben den Russen ihre Zwangsarbeit verrichteten. Einen Teil dieser Geschichte arbeitet man dort nun auf, indem sich ihre Heimatstadt im April an den von der deutschen Botschaft alljährlich in wechselnden Städten veranstalteten deutschen Wochen beteiligte.

Wassja war begeistert von Dresden, lernte Tradition in Weimar kennen; sah Jena und Erfurt; durfte natürlich mit zu einer Familienfeier in Templin reisen; erlebte die Gala der Ballettklassen von der Greizer Musikschule; bummelte an der Talsperre Pöhl. Allerdings ist die ja eher eine Pfütze im Vergleich zum Rybinsker Stausee zu Hause, an dessen Nordufer Tscherepowez liegt. Als Andenken nahm die junge Russin u.a. ein DFB-Shirt aus Europameisterschafts-Zeiten mit und natürlich viele schöne Erinnerungen. Am 6. Juli reist sie zu Freunden nach Berlin und vor dort aus zurück in die Heimat. Jetzt hat sie den Abschlussjahrgang an ihrer Schule vor sich. Dann wird man hören, was aus Wassilissa Romaschowa werden wird. Auf Wiedersehen!?
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