Was erzählt man in der Fremde von und über Gera?

Das Plateau der Poeten in Béziers ... Gespräche auf der Parkbank
Gruissan, 27. Okt. 2013


Gelernt habe ich, auf die Frage, woher ich komme, mit OSTdeutschland zu antworten. Und das fast 24 Jahre nach der „Wende“! Erst auf Reisen habe ich begriffen, dass es auch nach dieser langen Zeit noch zwei unterschiedliche Wirtschaftssysteme in Deutschland gibt. Mir sind (West-)Deutsche begegnet, die gar nicht begreifen konnten, dass es Unternehmen und Auftraggeber gibt, die ihre Mitarbeiter nicht bezahlen, dass es Menschen gibt, die für deutlich weniger als den heute geforderten Mindestlohn von 8,50 € pro Stunde arbeiten gehen …

Mein Schlüsselerlebnis hatte ich im Frühjahr 2011 in Kassel, als mich eine ältere Dame fragte, wie ich mich als OSTdeutsche denn in Westdeutschland fühle und wie ich das finde, jetzt im Westen sein zu können. Bis dahin waren Ost und West für mich lediglich geografische Attribute.
Von wirtschaftlichen Schwierigkeiten, Insolvenzen, Firmenschließungen, hohen Arbeitslosenquoten usw. hatte man auch aus NRW und dem Saarland gehört …

Auf die Frage, woher ich komme, antworte ich weiter mit Thüringen, beschreibe unser Bundesland als grünes Herz Deutschlands, male häufig Luftbilder von Deutschland und Thüringen in der Mitte, erkläre die geografische Lage zu Berlin, erzähle von Goethe und Schiller, den freundlichen Menschen und komme dann, natürlich, auf Gera.

Bei Gera im Detail kommt meist sofort die Frage nach der Wiedervereinigung und es gibt Klischees zu erörtern. Die beginnen bei komplett kaputt bis heute, keine Autos, keine Arbeit … Ja doch, nach der „Wende“ wurden alle Betriebe geschlossen, die Geschäfte zumindest komplett verändert. Ja doch, viele sind weggegangen, weil es keine Arbeit gab oder fast nur ganz schlecht bezahlte. Ja doch, viele pendeln bis heute und viele Junge gehen auch heute noch weg.
Aber es ist landschaftlich sehr schön! Wir haben viele Wälder, Wiesen und Seen und ganz viele Parks und die Buga gab es 2007 ja auch. Die Hinterlassenschaften des Uranbergbaus wurden sehr schön renaturiert.
Ja doch, es gibt heute immer noch wenig Arbeit und viele Betriebe und Unternehmen zahlen sehr wenig.
Aber Gera hat ein tolles Kulturangebot! In und um Gera leben sehr viele Künstler! Gera ist die Stadt, in der es ganz viele kleine und persönlich geführte Geschäfte, Restaurants, Bars, Unternehmen gibt!
Ich erzähle vom Steinweg, erzähle vom „Ja für Gera“, vom Literaturcafé, von Veranstaltungen wie dem Höhlerfest und Konzerten und vielen persönlichen Initiativen.

Um Gera herum werden ganz viele tolle und leckere landwirtschaftliche Produkte angebaut und hergestellt. Wein, Bier, Obst, Käse, Getreide …

Man hat gehört und ich werde danach gefragt, dass man in Deutschland sehr viele Abgaben zu zahlen hat.
- Mir sind viele (West-) Deutsche begegnet, die ganz erstaunt waren, dass wir OSTdeutsche auch den Solibeitrag zahlen! –
Ja doch, es ist enorm, was an Abgaben in Deutschland zu zahlen ist. Aber es gibt auch die soziale Sicherheit. Ich bin seit 15 Jahren selb(st)ständig in und von Gera aus, war immer stolz darauf, erzählen zu können, dass ich so recht gut leben kann. Natürlich mit Schwierigkeiten, die es zu bewältigen galt … Aber was ich detailliert von meinen Erlebnissen dazu mit unserem Finanzamt und der Geraer Verwaltung, von Begründungen, warum Auftraggeber meine geleistete Arbeit nicht bezahlen (können) zu erzählen hätte, klingt einfach sehr kabarettistisch und ist doch alles wahr. Also erzähle ich davon sehr wenig.

Auch die jüngsten Ereignisse klingen häufig wie Schildbürgerstreiche! Das Hochwasser Anfang Juni und die hinterlassenen Schäden sind schlimm und eine wirkliche Katastrophe und lösen Entsetzen und Mitleid aus.
Wenn ich nun aber von den Gerüchten um die nicht aufgestellten Schutzwände erzähle und von den verlangten 3,60 € pro Sandsack, von den ausgeteilten Strafzetteln, während die Stadt unter Wasser stand, „ernte“ ich ungläubiges Staunen, nach „Luft schnappen“ und Kopfschütteln.
Aber es gibt in Gera Menschen, die während des Hochwassers privat Brötchen und Kaffee austeilten! Es gibt in Gera Menschen, die privat private Hilfsangebote koordinierten! Es gibt in Gera so viele Menschen, die ohne persönlich betroffen zu sein, Sandsäcke füllten, Schlamm und Müll entsorgten und mit allem halfen, was ihnen möglich war!

Wenn ich vom Straßenbahnbauprogramm ohne gesicherte Finanzierung, dem Stopp nachdem die alten Bäume gefällt wurden, erzähle, wenn ich vom „Kunsthaus“ und vom verrutschten Komma vor wenigen Jahren in den Ausgaben des Stadthaushaltes berichte, wenn ich den Gewerbesteuersatz, das ewigen Hickhack um das KuK, das Finanzamt, das Klinikum und das Arbeitsamt als größte Arbeitgeber der Stadt erwähne, klingt alles überspitzt, lustig, unterhaltsam satirisch – und ist doch alles Wort für Wort wahr.

Gera – es gibt so vieles darüber zu erzählen. Gera ist sehr persönlich. Es ist die Stadt vieler, einzelner Menschen, die sie ganz individuell aktiv gestalten. In Gera zu leben, kann sehr schwierig sein. Aber umso schwieriger etwas ist, umso wertvoller wird es meist.

Mein Vater verschickt inzwischen Postkarten von Gera an Menschen, die ich unterwegs traf und die neugierig geworden sind auf Gera.
Ich bin unterwegs und erzähle oft von Gera.
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4 Kommentare
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Eberhard :Dürselen aus Weimar | 27.10.2013 | 10:19  
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Regina Pfeiler (aus Gera) aus Gera | 28.10.2013 | 07:44  
1.602
Mike Picolin aus Gera | 28.10.2013 | 17:28  
117
Klaus Köhler aus Gera | 03.11.2013 | 14:39  
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