Wir sind keine Bettler. Cornelia Höhn ist von Geburt an blind und meistert ihr Leben dennoch

Cornelia Höhn scherzt mit Conny. Die Therapiepuppe wurde ihr zur Eröffnung der eigenen Praxis geschenkt und „muss“ seitdem für allerhand Späße herhalten.
Für sie ist alles anders. Moment! Das denken wir, die Sehenden. Cornelia Höhn ist von Geburt an blind. Sie fühlt sich kerngesund. Nein, behindert sei sie nicht. Es sei eher die Gesellschaft, die Blinde behindert. Die Jenaerin führt ein normales Leben: Zwei Kinder, Mann (alle sehend), Einkaufen gehen, Haushalt, Kochen, Kino, seit vergangenem Monat selbstständig. Und nicht zu vergessen: lebenslustig sein.

Für sehende Menschen ist es kaum vorstellbar, wie das alles funktioniert. Cornelia Höhn ist als Kind normal in Sonneberg aufgewachsen. Ihre Schulbildung hat sie an einer Spezialschule mit Internat in Karl-Marx-Stadt gemeistert. Sie schwärmt heute noch von der 13-jährigen Ausbildung, bei der es sehr familiär zuging. Es folgte die Ausbildung zur Physiotherapeutin mit staatlich anerkanntem Abschluss. „Ein Beruf, bei dem ich mit den Händen sehen kann“, erklärt sie. Seit dem Abschluss 1992 hat sie immer wieder die Schulbank gedrückt. Lymphtrainage, Pilates, Behandlung des Kiefersystems, manuelle Therapie und, und, und. „Mit den Abschlüssen könnte ich meine Wohnung tapezieren“, scherzt sie. Zuerst im Klinikum Sonneberg gearbeitet, folgten mehrere Praxen in Jena und jetzt die eigene im Leutragraben 2-4. Die gibt ihr die Möglichkeit, ihr Fachwissen und ihre Berufung am Patienten individuell, fachkompetent und menschlich umzusetzen.

Kino? „Wenn’s nur kracht und bumst, ist das nicht mein Ding. ,Ziemlich beste Freunde‘ war total abgefahren. Solche Filme schaue ich mir gerne an. Oder ,Dinner for One‘ mit gesprochenen Untertiteln für Blinde„“, kommentiert sie. Anschauen? Ja. „Auch wir Blinde benutzen in der Gesellschaft eingeprägte Wortwendungen und Sätze“. So ist auch das „Auf Wiedersehen!“ kein Fettnäpfchen. Ins Grübeln ist sie gekommen, als ihr am Westbahnhof ein Passant angeboten hatte, sie die Treppe hinunter zu tragen. Eine derartige Hilfe geht ihr dann doch zu weit.

Cornelia Höhn wohnt in der Innenstadt. Mit dem Blindenstock meistert sie notwendige Wege. Einzig laute und unübersichtliche Baustellen machen sie unsicher. In der Wohnung sieht’s nicht anders aus, als bei anderen Leuten. Eine sprechende Küchenwaage hat sie, hier und da gibt es zu ertastende Markierungspunkte an Drehknöpfen von elektrischen Geräten. Ihr PC spricht mit ihr, das Handy ebenso. „Was die Hilfsmittel für Blinde angeht, gab es einen großen Vorwärtsschritt in den vergangenen Jahren“, freut sie sich und meint „Wir Blinde sind heute keine Bettler mehr“.

Abschließend noch eine Frage: In der neuen Praxis gibt es viel Rot. Warum? „Das ist meine Lieblingsfarbe“, erklärt sie ihrem staunenden Gegenüber. Etwa zwei Prozent Restsehen hat die 40-Jährige. Sie kann die Farbe also erkennen. „Ich weiß zwar nicht, ob das Rot, dass ich sehe, das Gleiche ist, was Sie sehen. Aber Rot ist für mich die absolute Nr. 1“.
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2 Kommentare
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Karin Jordanland aus Artern | 29.05.2013 | 08:34  
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Hannelore Grünler aus Artern | 01.06.2013 | 20:42  
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