Die Guten ins Körbchen. Damit die nächste Pilzmahlzeit nicht die letzte wird: Pilzsachverständige klären auf

Leckere Stockschwämmchen oder mörderische Gift-Häublinge? Beide sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Klarheit schafft ein Gang zum Pilzsachverständigen. In diesem Fall kann er Entwarnung geben: Die auf dem Foto zu sehenden Pilze sind Stockschwämmchen.
 
Dieser Schwefelporling wächst unübersehbar an einem Kirschbaum direkt an der Straße.
 
Im jungen Zustand lässt sich mit dem Schwefelporling eine leckere Pilzmahlzeit zubereiten, erklärt Pilzsachverständiger Bodo Wagner.
Mmmhh. Das wird eine leckere Pilzsuppe! Stockschwämmchen eignen sich vorzüglich dafür. Oder mit Eiern gebraten als Pilzpfanne. Kenner wissen den Pilz zu schätzen, der in großer Zahl auf Holzstubben wächst.

Im Internet ist die Geschichte von Karin Geiger zu finden, einer passionierten Pilzsammlerin. Wie der Großteil der Sammler nimmt sie nur mit, was sie genau kennt: Steinpilze, Rotkappen, Birkenpilze und Stockschwämmchen. Und doch passiert das, was sie niemals für möglich gehalten hat: Zwölf Stunden nach dem Verzehr der vermeintlichen Stockschwämmchen wurde ihr schlecht. Sie musste sich übergeben. Bekam Durchfall, der nicht aufhörte. Im Klinikum wurden steigende Leberwerte festgestellt. Die Entgiftung schlug nicht an. Sie schwebte in Lebensgefahr. Eine Nierentransplantation rettete schließlich ihr Leben. Seitdem ist sie arbeitsunfähig.

Was ist passiert? Die Antwort darauf weiß Bodo Wagner, Pilzsachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie. „Das Stockschwämmchen hat einen Doppelgänger, den Gift-Häubling. Die beiden Pilze sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Einziges optisches Unterscheidungsmerkmal sind die etwas abstehenden Schüppchen am Stil des Stockschwämmchens, die der Gift-Häubling nicht hat. Das Stockschwämmchen riecht pilzig-würzig, der Gift-Häubling mehlig. Beide Pilze kommen bei uns in Thüringen etwa gleich häufig vor. Das Stockschwämmchen wächst auf Holzstubben, bevorzugt Laubholz. Vom Gift-Häubling nahm man bislang an, dass er nur auf Nadelholz wächst. Das hat sich mittlerweile als Irrtum erwiesen. Diesem Irrtum zu verfallen, kann tödlich sein. Die Giftstoffe des Gift-Häubling sind Amatoxine und ähneln denen des Grünen Knollenblätterpilzes.“ Beide Pilze wurden ihm bereits zur Begutachtung vorgelegt. Der Fachmann rät zwingend dazu.

Die Liste der giftigen Doppelgänger ist lang. Während des Gesprächs mit dem Allgemeinen Anzeiger geht es nach Röpsen. Direkt an der Straße leuchtet in saftigem Gelb unübersehbar ein riesiger Schwefelporling von einem Kirschbaum. „Jung geerntet, schmeckt er mit Ei angemacht hervorragend“, weiß der Pilzfachmann und setzt im gleichen Atemzug fort: „Es besteht allerdings die Gefahr, dass er mit dem giftigen Zimtfarbenen Weichporling verwechselt wird. Die darin enthaltene Polyporsäure führt zu zentralnervösen Störungen, Sehstörungen und Erbrechen.

Weiterer Verwechslungskandidat ist der Mairitterling – ein willkommener Speisepilz im Frühjahr. „Er wird mit dem Mai-Risspilz, auch Ziegelroter Risspilz genannt, verwechselt. Dieser enthält das giftige Alkoloid Muscarin, übrigens in weitaus höherer Dosis als der Fliegenpilz“, mahnt Wagner.

Besonders häufig Verwechslungen gibt es laut dem Pilzsachverständigen beim Champignon, der mit dem Gift-Champignon verwechselt wird. „Der giftige Doppelgänger läuft beim Anschneiden der Knolle chromgelb an und es riecht stark nach Karbol, deshalb wird er auch als Karbol-Champignon bezeichnet“. Besonders diese Verwechslung macht für Wagner deutlich, wie man einen Pilz ernten sollte, den man einem Pilzsachverständigen vorstellen möchte. „Normalerweise heißt es immer, dass Pilze abgeschnitten werden sollen. Das wäre in diesem Fall fatal. Wir benötigen zur Artenfeststellung den gesamten heraus gedrehten Pilz. Wenn die Knolle des Gift-Champignons im Waldboden verbleibt, können wir sie nicht untersuchen“, so Wagner.

Auch beim nächsten Kandidat auf der Verwechslungsliste wird dieser Umstand besonders deutlich. „Der Perlpilz, aber auch der Grüne Täubling und der Graue Wulstling, werden oft mit dem hochgiftigen Grünen Knollenblätterpilz verwechselt. „Auch hier findet sich das wesentliche Unterscheidungsmerkmal an der Knolle. Die essbaren drei Sorten haben eine freie Knolle. Beim Knollenblätterpilz steckt sie in einer Hauttasche“, erklärt der Pilzfachmann.

Viele essbare Becherlinge sind laut Wagner mit dem tödlich giftigen Kronenbecherling verwechselbar. Wobei der Kronenbecherling mit besonderer Zubereitung von einigen Menschen ohne Schaden gegessen wird. In dieselbe Kategorie fällt auch die Frühjahrs-Giftlorchel, die vor allem in Finnland noch häufig wegen ihres Aromas verzehrt wird. Bodo Wagner kann davon nur abraten. Verwechselt wird die Frühjahrs-Giftlorchel vor allem mit der Speisemorchel, ein sehr begehrter Speisepilz.

Die Liste der optischen Doppelgänger ließe sich beliebig fortsetzen. Dabei sind Doppelgänger nicht das einzige Problem, auf das der Pilzsachverständige hinweisen möchte. Auch in der Mykologie gibt es ständig neue Forschungsergebnisse, die früher gemachte Aussagen ins Gegenteil kehrt. Als Beispiel hierfür führt er die Nebelkappe an, auch Nebelgrauer Trichterling oder Graukappe genannt. „In alten Pilzbüchern steht er als essbarer Speisepilz drin. Er kommt häufig vor und wurde kiloweise verzehrt. Und das, obwohl es schon immer einige Menschen gab, die ihn nicht vertragen haben. Die Nebelkappe enthält hochtoxisches Nebularin, das Genveränderungen im menschlichen Körper hervorrufen kann. Somit muss die Nebelkappe inzwischen als giftig bezeichnet werden.“

Es heißt immer, dass zu und nach Pilzmahlzeiten kein Alkohol genossen werden soll. Dass dieser Ratschlag durchaus Sinn macht, erklärt Wagner am Faltentintling: „Der oft in Parkanlagen vorkommende Pilz ist jung essbar. In Verbindung mit Alkohol ist er allerdings giftig. Das im Pilz enthaltene Coprin ruft eine sogenannte Flush-Symptomatik hervor. Etwas laienhaft ausgedrückt, wird der Abbau des Alkohols gehemmt. Optisch erkennbar ist dies an betroffenen Personen durch eine blauviolette Hautfärbung, wobei die Ohrläppchen und die Nasenspitze weiß bleiben. Es kann zu Kreislauf- und Herzrhythmusstörungen kommen. Coprin ist übrigens nicht nur im Faltentintling enthalten. Zu finden ist es auch im Hexenröhrling und womöglich auch in Schüpplingen“, so Wagner.

Der Geraer Pilzfachmann weiß aber auch von einem ganz anderen Fall zu berichten, bei dem es sogar ohne Pilzverzehr zu einer tödlich Pilzvergiftung gekommen ist. Entdeckt hat er ihn im Buch „Giftpilze“ von René Flammer. Dort ist die Rede von einem 47-jährigen Mann, der in seinem Garten verrottendes Material gemulcht hatte. Dabei wurde er von einer Sporenwolke eingenebelt. „Einen Tag später erkrankte der Mann, litt an Husten, Thorax- und Muskelschmerzen, bekam Atemnot und Fieber. Er wurde zunächst unter Verdacht auf eine bakterielle Lungenentzündung behandelt. Die Diagnose Pilzsepsis erfolgte leider zu spät. Der Mann starb“, zitiert Wagner aus dem Buch und rät zur Vorsicht beim Mulchen von verrottendem Pflanzenmaterial.

Einen Tipp hat er auch zu einem unserer beliebtesten Speisepilze, der Marone: „Gebietsweise - wenn auch nicht zwingend für Thüringen zutreffend - ist die Marone auch 29 Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl noch überdurchschnittlich mit radioaktiven Caesium belastet. Wer dem begegnen möchte, sollte auf alle Fälle die Haut vom Hut entfernen. Sie ist 500 Mal stärker belastet als der Rest des Pilzes“.

Und was macht Bodo Wagner, wenn er zum Pilzessen eingeladen wird von jemandem, der behauptet alle Pilze zu kennen? Er lehnt dankend ab. „In Thüringen gibt es über 4000 Pilzsorten. Selbst ich würde mir nicht anmaßen zu sagen, dass ich sie alle zweifelsfrei bestimmen kann“.

Ein Verzeichnis der in Thüringen tätigen Pilzsachverständigen ist hier zu finden.
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2 Kommentare
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Griseldis Scheffer aus Gera | 07.10.2015 | 08:34  
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Renate Jung aus Erfurt | 19.03.2016 | 00:21  
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