Großstädter im Wald. Wo die Lidschattenfarbe keine Rolle spielt: Jugendwaldheim Gera-Ernsee

Wald war für diese Jugendlichen bislang eher ein Fremdwort. Das hat sich dank dem Aufenthalt im Jugendwaldheim Gera-Ernsee geändert.
  Und der Baum mit der weißen Rinde? Großes Schulterzucken. In der Runde der Schüler hat keiner eine Idee, was das für ein Baum sein könnte. Sie wachsen inmitten von Beton auf. Sie kommen aus Hannover. Sie interessieren sich für Handys. Die Mädels gehen gerne shoppen und diskutieren über angesagte Farben beim Lidschatten. Sie kennen eher die Strandpromenaden von Mallorca als deutsche Landschaften oder gar den Wald. Großstadtkinder.

Dementsprechend zäh gestaltet sich der Einstieg in ihr Thema der Klassenfahrt „Jugendwaldeinsatz“. An einem nebligen, kalten Morgen haben sich die Schüler der 8c der IGS Mühlenberg im Halbkreis vor dem Jugendwaldheim Gera-Ernsee versammelt. Den Schlaf noch in den Augen, führt das vierköpfige Team des Jugendwaldheims fast einen Monolog. Gemeinsam soll das Thema „Waldarbeit“ erarbeitet werden. Klar, was ein Förster macht, wissen die Jugendlichen. „Bäume fällen“, sind sie sich einig. Und was noch? „Die Bäume klein machen“, wirft einer ein. Aber was passiert, wenn nur gefällt wird? Auch wenn sich die Großstadtkinder noch nie Gedanken um den Wald oder gar die Arbeit eines Försters gemacht haben, werden sie geduldig auf den richtigen Weg gebracht. Und nein, es ist nicht wie vermutet der Specht, vor dem frisch gepflanzte Bäume geschützt werden müssen.

Die erste Theorierunde notdürftig überstanden, marschiert die gesamte Klasse in den nahe gelegenen Wald. Etwas ist schon anders als vorhin. Ein Verbotsschild und Absperrband „Holzfällung. Durchgang verboten!“ versperrt den Weg. Und dennoch dürfen die Jugendlichen passieren. Cool, Verbotenes lockt! Die Wissensvermittlung zum Thema Forstarbeiten ist zwar erst wenige Minuten her, aber Lutz Krumholz will es im Schnelldurchlauf nochmals von den Schülern wissen.

Und dann ist auch schon Schluss mit Theorie. Spätestens mit der Verteilung der Schutzhelme gibt es erste schmunzelnde Gesichter. Lackierte Fingernägel verschwinden in groben Arbeitshandschuhen. In drei Gruppen aufgeteilt, werden Bäume gefällt, bearbeitet, ein Hochsitz und eine Bank gebaut und es entsteht Brennholz.

Wer hätte das gedacht? Vor kurzem lag der Wald noch so weit entfernt wie der Mond von der Erde und jetzt wuseln auf einmal 21 Nachwuchsforstarbeiter durchs Unterholz. Den Anweisungen lauschend, machen sie sich mit den Arbeitsgeräten vertraut. Teamgeist ist beim Umgang mit der von zwei Mann zu benutzenden Waldsäge ebenso gefragt, wie Kraft und Geschicklichkeit mit der Axt. Erste Schweißperlen sind hier und da zu entdecken. Wenn die Hannoveraner bislang etwas gefällt haben, waren das eher SMS-Schreibrekorde – heute sind es Bäume. Und daraus gestalten sie gleich noch fertige Endprodukte! Und die Wissensvermittlung zwischendurch zum Thema Wald wird gar nicht mehr als Unterricht empfunden. Auch Klassenlehrerin Wiltrud Brand zeigt sich überrascht und schlussendlich von dem Elan, den ihre Schützlinge an den Tag legen, begeistert.

Wenn auch teils von der körperlich anstrengenden Arbeit etwas müde, sind am Tag zwei jede Menge zufriedene Gesichter zu sehen. Der Brennholzstapel am Waldrand ist enorm gewachsen. Noch nicht ganz komplett, steht der Hochstand unterhalb des Sportplatzes des Jugendwaldheims und es ist schon wieder Zeit für Fachsimpelei – diesmal nicht mehr als Monolog. Und während der Hochstand bereits bombensicher steht, hinkt die Gruppe „Erholungsbank“ noch im Wald hantierend etwas hinterher. „IGS Mühlental“ in großen Lettern auf die Rückenlehne zu schnitzen braucht eben Zeit! Die nehmen sich die drei Mädels – schließlich soll die Nachwelt sehen, wer hier so emsig am Wirken war.
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2 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 24.09.2014 | 20:36  
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Renate Jung aus Erfurt | 25.09.2014 | 13:59  
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